Vokaler Luxus, Wiener Glut

11. Dezember 2011, 17:32
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Dirigentin Simone Young setzt bei der Wiederaufnahme von Strauss' Spätwerk "Daphne" Maßstäbe und lässt dionysische Urgewalt und apollinisches Maßhalten auf ideale Weise zueinanderfinden

Wien - Schon zu den Herrschaftszeiten Ioan Holenders war sie ein vielseitig einsetzbarer Aktivposten am Dirigentenpult des Hauses: Von 1993 bis 2006 hat Simone Young an mehr als 130 Abenden 25 verschiedene Werke dirigiert, und auch bei der beinahe endlosen Abschiedsgala des beinahe ewigen Staatsoperndirektors hatte sie der weißen Eminenz des Hauses dirigierend ihre Reverenz erwiesen.

Seit 2005 ist die gebürtige Australierin ja Intendantin und Generalmusikdirektorin der Hamburgischen Staatsoper - zu Anfang glühend gefeiert, in letzter Zeit von der Presse wie von den Musikern im eigenen Haus immer härter kritisiert. Ein wenig Trubel hat dort ihr letzte Woche im Standard-Interview angekündigter Entschluss ausgelöst, ihre Doppelfunktion in der Hansestadt definitiv nicht über 2015 hinaus prolongieren zu wollen.

An der Wiener Staatsoper ist Simone Young in den nächsten Jahren mit Strauss- und Wagner-Opern jedoch wieder öfter zugegen; zum Einstand ihres Wirkens während der Intendanz Dominique Meyers wurde der 50-Jährigen die Wiederaufnahme von Richard Strauss' Daphne anvertraut. Zwei Wochen lang durfte Young dafür mit den Sängern und dem Orchester proben - das Resultat konnte sich hören lassen.

Selten wurde dieses Werk von Orchesterseite so hochklassig aufgeführt; Youngs Dirigat übertraf Karl Böhms Festwochen-Daphne von 1964 (Theater an der Wien, Wiener Symphoniker) bei weitem. Young schürte eine intensive vulkanische Glut, kanalisierte sie jedoch mit Übersicht und enormem Feingefühl; die dichten Stimmengeflechte waren behände und berückend fein gewoben. So blitzsauber und durchhörbar sich das Klangbild präsentierte, entbehrte es doch fast nie jenes sinnlichen, süffigen, prunkenden Aspektes, der bei Strauss doch immer der große Glücksbringer ist.

Das hochklassige Staatsopernorchester mutierte in den 105 Minuten mehr und mehr zur Schatzkiste, welche, gefüttert mit dem weichen Samt der Streicher und verziert mit dem goldenen Glanz der Blechbläser, die Juwelen der Strauss'schen Kompositionskunst auf die denkbar gewinnendste Art und Weise transportierte.

Als durchaus luxuriös muss auch die Sängerbesetzung bezeichnet werden. Michael Schade (als verzweifelt-quirliger Leukippos) und Johan Botha (als souverän statuesker Apollo) durften ja schon 2004 in der Premierenserie der etwas albernen Fin-de-Siècle-Inszenierung von Regisseur Nicolas Joel um Daphne werben.

Michael Schade tat es mit der ihm eigenen glanzvollen Geschmeidigkeit, Botha mit direktem Kraftgesang. Neu besetzt Daphnes Elternpaar: Elisabeth Kulman schenkte der Gaea kraft ihrer dunkel-glänzenden, kompakten Altstimme eine quasi göttliche Autorität, welcher Bühnengatte Georg Zeppenfeld (als Peneios) nicht gleichkam.

Souveräne Daphne

Meagan Miller - was für eine wundervolle Nyssia war sie doch im König Kandaules an der Wiener Volksoper - gab bei ihrem Hausdebüt eine souveräne Daphne mit geerdeter Festigkeit und gleichmäßiger Strahlkraft; etwas mehr Pianissimokultur, etwas mehr Vogelleichtigkeit hätte man sich bei ihrer vokalen Rollengestaltung gewünscht. Gratulation dem Ensemble, Bewunderung der Dirigentin. (Stefan Ender, DER STANDARD/Printausgabe 12. Dezember 2011)

Weitere Vorstellungen am 13., 16. und 19. 12., 20.00

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Gespräche mit Simone Young: "Zwischen Kontrolle und Klanggenuss"

  • Meagan Miller als allseits begehrte Daphne: In einer insgesamt toll 
besetzten Aufführung gab die Amerikanerin ein Staatsoperndebüt von 
beachtlicher Strahlkraft.
    staatsoper

    Meagan Miller als allseits begehrte Daphne: In einer insgesamt toll besetzten Aufführung gab die Amerikanerin ein Staatsoperndebüt von beachtlicher Strahlkraft.

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