Schulreformen

Bildungspolitische Schwangerschaftsgymnastik

Kommentar der anderen | 11. Dezember 2011, 18:17

Das Schlimme an hiesigen Schulreformern ist, dass alles unterlassen wird, was die Neuerungen zum Erfolgsmodell machen könnte - Von Stefan Thomas Hopmann

Es gehört zu den typischen Eigenschaften der österreichischen Politik, ein bisschen schwanger sein zu wollen. Jedes Mal, wenn die Bildungspolitik mit einer vermeintlich großartigen Idee vom Pflichtkindergarten bis zur Universitätsreform schwanger geht, kommen prompt die Schwangerschaftsgebrechen. Ja, sicher, man will dieses oder jenes, aber bitte nicht gleich, nicht um jeden Preis, nicht genau so, vielleicht auch ganz anders, und bitte schön: Kosten darf es nichts und niemanden.

Da eine Abtreibung guter Hoffnungen politisch meist nicht möglich ist, entstehen aus solchen Initiativen regelmäßig Missgeburten, die gleichwohl als die Erfüllung der ursprünglichen Intentionen angedient werden. Die Bildungspolitik liefert zurzeit seriell Beispiele für diese Strategie.

Nehmen wir zum Beispiel den aktuellen Gesetzentwurf für die sogenannte Neue Mittelschule (NMS). Da soll der Selbstbekundung nach ein erfolgreiches Modell in Serie gehen, die erste große Schulreform seit Jahrzehnten. Wirklich?

Ob denn das Modell in der Schulpraxis tatsächlich erfolgreich ist, vermag zurzeit niemand verbindlich zu sagen, denn noch ist keine einzige damit befasste Evaluation auch nur halbwegs abgeschlossen. Zudem gibt es das eine Modell der Neuen Mittelschule gar nicht, sondern faktisch verbergen sich unter dieser Überschrift je nach Bundesland und Standort höchst unterschiedliche Maßnahmen, die von grundlegenden Neuausrichtungen bis zu bloß symbolischen Handlungen reichen.

Aufgeblasener "Überbau" ...

Eine große Schulreform ist es ebenso wenig, lässt doch der Gesetzentwurf die ursprüngliche Verortung der in Neue Mittelschule umbenannten Hauptschule unangetastet. Im Gesetzentwurf wird nur einfach eine der verschiedenen im Umlauf befindlichen Varianten der NMS zur allgemeinen Regel erklärt, ohne dass es dafür empirisch belegbare Gründe gäbe. Alle Neuen Mittelschulen, die weitergehende Schritte unternommen haben, werden also wieder Versuchsstatus beantragen oder aufgeben müssen. Wir trauern jetzt schon mit den engagierten Mittelschulen, die wir in unserer Evaluation begleiten.

Das Schlimme an dieser Veranstaltung ist aber, dass sie nach allem, was wir aus der international vergleichenden Forschung wissen, alles unterlässt, was notwendig wäre, um die Neue Mittelschule zu einem Erfolgsmodell werden zu lassen.

Dazu müssten die Schulstandorte nämlich die Freiheit bekommen, die innerschulischen Abläufe selbst festzulegen: ob es Klassen oder andere Einteilungsformate geben soll, wann wofür Teilungen gebraucht werden, wie die Stundentafel aussieht, wofür die Zusatzressourcen eingesetzt werden sollen, wo spezieller Förderungsbedarf besteht usw. Der Gesetzentwurf schreibt aber ziemlich genau vor, wie organisatorisch zu verfahren ist.

Derselbe Fehler ist übrigens auch beim Gesetzentwurf für die Modularisierte Oberstufe passiert, der auch zahllose völlig unnotwendige Detailvorschriften enthält und wahllos eine Variante zur allgemein verbindlichen erklärt.

Man kann der Forschungslage nach getrost annehmen, dass alle diese überregulierten Eingriffe in der Regel genau das Gegenteil von dem bewirken werden, was man sich verspricht: Im Ergebnis wird es also noch mehr Chancenungleichheit, noch weniger Leistung, noch mehr Verschwendung von Ressourcen für ein reichlich autopoetisches Verwaltungssystem geben.

Ähnliches könnte man von der Einführung der Zentralmatura oder von der zurzeit sichtbar strandenden Lehrerbildungsreform berichten. Bei der anstehenden Zentralmatura werden die unisono vorgetragenen Bedenken der Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte und Eltern mit dem empirisch völlig unsinnigen Argument weggewischt, die Zentralmatura beseitige eine angeblich vorherrschende, freilich von niemandem belegte "Schwindelkultur" . Dabei sind umgekehrt gerade zentralisierte "high stake" - Tests so schwindelanfällig, dass es dafür sogar einen wissenschaftlichen Fachausdruck gibt (Campbell's Law). Die BMUKK-Strategie zur Lehrerbildung betreibt zurzeit die Abkoppelung der pädagogischen Ausbildungen von genau den an den Universitäten beheimateten Forschungsgrundlagen, die für gelingende Ausbildungen erforderlich sind.

... erstickt Reformspielräume

Aber es geht bei all diesen missglückten Schwangerschaften mitnichten um "wissensbasierte" Zukunftsentscheidungen oder um die Serienfertigung von Best- Practice-Modellen. Sondern jedes Mal führen die politisch-administrativen Dehnübungen zu einem Geben und Nehmen bei Detailvorschriften, die zu aufgeblasenen Gesetzesnovellen und teuren administrativen Überbauten führen, die genau die Reformspielräume zuschütten, die gebraucht würden.

Aus langjähriger Erfahrung kenne ich auch schon die Antwort der Verantwortlichen auf solche Kritik: Sie versprechen, dass sich diese halbierten Reformen in Österreich anders als überall sonst auf der Welt auswirken werden, weil man hier damit ja anderes erreichen wolle.

Dieser naive Intentionalismus gehört zum Standardrepertoire fast aller bildungspolitischen Kräfte in diesem Lande und lässt sich durch noch so viele Forschungsbelege oder praktische Erfahrungen nicht erschüttern, wie neuerdings ja selbst das Direktorium des Bundesinstituts für Bildungsforschung, Innovation und Entwicklung (Biefie) einräumen muss. Es ist halt allemal leichter, durch fortlaufende Schwangerschaftsgymnastik Handlungskraft zu simulieren, als sich einzugestehen, dass man nicht Teil der Lösung, sondern Kern des Problems ist. (Stefan Thomas Hopmann, DER STANDARD; Printausgabe, 12.12.2012

STEFAN THOMAS HOPMANN ist Professor am Institut für Bildungswissenschaften der Universität Wien.

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Posting 1 bis 25 von 34
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werwolfi
00
12.12.2011, 17:33
Well said.

Und dieser konstruktive Kritik wird wie alle derartigen vollkommen wirkungslos verpuffen.
Es ist richtiggehend zum Verzweifeln wie im Bildungsbereich mit der potentiellen Zukunft des Landes verfahren wird...

FrühpensionsTschuschnLesbenHausfrau
00
12.12.2011, 16:34
Wenn man schon im alten Modell die Stärken nicht ausgebaut hat

wieso soll es dann ausgerechnet mit der von der Obrigkeit oktroyierten Schulgleichschaltung besser sein?

mountaineer
04
12.12.2011, 15:31
Polemik?

Für ein erfolgreiches österr. Schulwesen würde es reichen, wenn:
1.: Die Volksschullehrer tatsächlich jene Noten vergeben würden/dürften, die die Viertklässler verdienen.
2.: Das Gymnasium seinen Namen verdiente und die Noten vergeben werden dürften, die manche Schüler verdienten.
3.: Die Eltern wieder gemeinsam mit den Lehrern an einem Strang ziehen würden, anstelle sich von ihren Kindern das Blaue vom Himmel erzählen zu lassen.

...

Das ist alles zugleich kostenneutral und erfolgversprechend. Tut aber weh. Daher wird keine Partei diese Rückbesinnung auf Altbewährtes anleiern wollen.

Polka
00
12.12.2011, 15:53
Es freut mich, dass ich mit dieser Ansicht nicht alleine dastehe.

Grün von mir.

Stenders
00
12.12.2011, 14:43

Die von Hopmann geforderte Autonomie der Schulstandorte wird sich in Österreich nicht durchsetzen lassen.

Wo kämen wir denn da hin, wenn alle Schulen desselben Typs GANZ OFFIZIELL nicht GANZ GLEICH ablaufen würden? Wie sollte man dann alles über den selben Kamm scheren? Wie vergleichen? Die große Unüberschaubarkeit! Undenkbar!

Wir brauchen noch mehr Vereinheitlichung in der Produktion. Und wenn einheitlich unterrichtete Schüler aus der Schule kommen, dann müssen sie einheitlich kategorisierbar sein. Ansonsten wird das unübersichtlich und unpraktisch. Wer soll sich da noch auskennen?

Wenn ein Produkt vom Fließband kommt, weiß man schließlich auch was drin ist.

1,3,7-Trimethylxanthin
00
12.12.2011, 14:02
In diesem Ökotop sind Lösungen auch nicht möglich.

Noch bevor auch nur eine Sekunde über eine echte Maßnahme bzgl ihrer Wirkung und Folgen diskutiert wird, sind alle Positionen sowieso schon ideologisch festgelegt.

Denn für die Ideologen steht fest, dass begabte Kinder mit interessierten Eltern keinesfalls Vorteile gegenüber anderen haben dürfen, womit ohnehin nur noch Brems-Maßnahmen erlaubt sein dürfen.
Außerdem steht für die Lehrer fest, dass sich für sie absolut nichts ändern darf. Weder an der Anwesenheit noch an der Organisation des Unterrichts.
Und die Eltern boykottieren verständlicherweise diesen Unsinn.

Also wozu diskutieren?
Dass die NMS nichts anderes wird, als ein neuer Name für Hauptschulen, war vorher schon klar.

Ein Opel im Schafspelz
00
12.12.2011, 16:16
Ideologie hin - Ideologe her

Es ist auch typisch für die Schuldiskussion, dass fast alle Ideologen sind und immer nur die andersdenkenden als Ideologen bezeichnen und nie über ihre eigenen Standpunkte nachdenken.

1,3,7-Trimethylxanthin
00
12.12.2011, 18:13
Wenn es als Ideologie gilt,...

...seinen Kindern eine möglichst gute Bildung zu verschaffen, dann bin ich wohl ein Ideologe.
Ich wehre mich gegen künstliches Einbremsen von Fähigkeiten von Kindern, um die Ideologie der Gleichmacherei durchzusetzen. Kein Kind wird gescheiter, wenn man ein anderes dumm hält.
Aber abgesehen von diesem persönlichen Zugang kann ich nichts Ideologisches daran entdecken.

unbroken
00
12.12.2011, 19:52

"...dass begabte Kinder mit interessierten Eltern keinesfalls Vorteile gegenüber anderen haben dürfen"...ist keine ideologie, aber ein vorurteil.

1.) haben kinder "interessierter" eltern schon einen vorteil!
2.) wer geht von gleichmacherei aus, wenn, so wie theoretisch geplant, 2 lehrer in zumind den hauptgegenständen mathe, deutsch u englisch in der klasse stehen sollen?

wenn das kind wirklich so begabt ist u den anderen soweit voraus ist, dann kann es ohnehin eine klasse überspringen. wenn es "nur" schneller inhalte aufnehmen kann u diese fähigkeit dann eigesetzt wird, dass es (das kind) anderen hilft, diese inhalte zu verstehen, erfolgt eher eine verfestigung dieser inhalte u darüber hinausgehend eine vertiefung seines wissens

1,3,7-Trimethylxanthin
00
13.12.2011, 11:04
Ein Kind verfügt über ein gewisses Potenzial.

Sei es wegen der Unterstützung der Eltern, sei es durch was auch immer. Das kann man nutzen, oder man kann es brach liegen lassen.

Ganz typisch nutzt man das Potenzial Kinder NICHT, indem man sie gemeinsam mit Kindern zusammensetzt, die das Potenzial NICHT haben.
Und wer profitiert davon? Lernt ein Kind mehr, wenn sich ein anderes Kind langweilt, weil es etwas vor 3 Tagen schon kapiert hat? Kaum.

Es dient nur der Befriedigung der ideologischen Gleichmacherei, nach der jeder sich gefälligst nach unten orientieren soll, um niemanden zu diskriminieren.
Und am heftigsten fordern das diejenigen, die ihre Kinder in Privatschulen a la Montessori, Steiner etc schicken, wo es solche Probleme nicht gibt.

gw3
01
12.12.2011, 13:24

Hr. Prof. Hopmann hat leider recht, wenn er die Gesetzesentwürfe zur NMS und zur Modularen Oberstufe kritisiert, doch dies ist anscheinend der kleinste gemeinsame (Schul)Nenner den es in Österreich gibt. Und Prof. Hopmann hat auch recht mit der Annahme, dass sich Schulversuchsschulen aus diesen Bereichen nicht den Ministeriumsmodellen anschließen werden.
Aber Hauptsache die Gewerkschaft ist zufrieden!

pox vobiscum
03
12.12.2011, 09:49

Das ist keine Schwangrschaftsgymnastik sondern Intoxikation des Embryos.

bratak
00
12.12.2011, 09:30
der begriff lautet "österreichische Lösung"

ein kompromiss, der keiner seite was bringt, dafür mehr bürokratie erzeugt. gilt nicht nur für bildungsthemen, auch bei sozialem etc. ...

ausgenommen bei finanzen, justiz und innerem, da gibts derzeit nur die erz-konservative lösung bei jedem thema ...

mrsoul
02
12.12.2011, 09:19
guter artikel, eigenartige metapher

danke für diesen guten artikel.
aber warum verwenden sie diese schwangerschafts-metapher?

Stenders
00
12.12.2011, 12:27

Ich finde die Metapher hervorragend.

"Es gehört zu den typischen Eigenschaften der österreichischen Politik, ein bisschen schwanger sein zu wollen."

Ein bisschen schwanger gibt's eben nicht. Der Beitrag zeigt auf, dass die österreichische (Bildungs)Politik das (noch) nicht ganz überrissen hat.

pox vobiscum
00
12.12.2011, 09:52

Dass man am Ende sagen kann:
Der Berg kreißte und gebar ein missgebildetes Mäuschen.

17+4
00
12.12.2011, 08:45
warum + überhaupt reformieren, hätte man

seit 1993 nicht geändert, dann wäre alles gut geblieben. Aber welches System verträgt 18 Jahre Änderungen, jeder Jahr ein bisschen, manchmal mehr, manchmal weniger, immer begleitet von eine Desavouierung der unmittelbar Beteiligten, den Lehrern.
Die Abschaffung der politischen Funktionen des Landesschulratspräsidenten hätte genügt. so wie die des Sicherheitsdirektors und städtischer Polizeipräsidenten.
Die anderen Verwaltungsposten braucht es ja ohnehin.

samba cat
12
12.12.2011, 12:22
"welches System verträgt 18 Jahre Änderungen"

du das ist in unternehmen (sind auch systeme) normalzustand, dass man sich laufend aendert und an neue gegebenheiten und herausforderungen anpasst.
und mit den mitarbeitern wird dabei auch nicht immer manierlich umgegangen.

Tiger00
11
12.12.2011, 09:25
naja

die schule ist ja nicht für die lehrerInnen da, sondern für die kinder. und dass die schule 1993 nicht kindergerecht war, werden sie wohl nicht bestreiten. bleibt die frage, ob sie es heute ist, nach den vielen schulversuchen und reförmchen...

Drusius Ingomar
01
12.12.2011, 16:33
ich bestreite das

Was war an der Schule von 1993 nicht kindgerecht?

17+4
03
12.12.2011, 09:29
stimm schon, dass die Schule für die Kinder da ist,

aber ohne Lehrer geht es halt nicht.
Es fällt halt auf, dass alle, die da etwas vorschlagen, keine Lehrer sind und sich mit der Schulverwaltung auch nicht wirklich auskennen.
Eigentlich mit keiner Verwaltung, ausser die der eigenen Schnürsenkel.

samba cat
10
12.12.2011, 12:21
die verwaltug ist kein selbstzweck

sondern hat sich nach den (politischen) vorgaben zu richten.

Alfred Zopf
00
12.12.2011, 07:31

Danke für dieses Interview, nicht nur im Schulbereich, sondern auch im Sozialbereich führen überregelierte Maßnahmen zum Gegenteil von Verbesserungen, bedauerlicherweise glauben PoilitikerInnen, das betriebswirtschaftliches Denken die beste Kontrolle darstellt und das ist die eigentliche Kernproblematik, weil reflektierte Pädagogik volkswirtschaftlich am ökonomischten ist im Gegensatz zur "blinden" Betriebswirtschaft, die in ihrer Konsequenz das Bildungssystem nur verteuert, wann kapieren das unsere PolitikerInnen ?

moki328
03
11.12.2011, 20:30
Möglicherweise

wird zu stark versucht, die Schulen wie einen Wirtschaftsbetrieb zu führen und zu rationalisieren. Im Bildungsbereich funktioniert das leider denkbar schlecht, da alle Beteiligten Menschen sind, die miteinander handelnd umgehen müssen. Daher wäre wohl die erste Forderung die des Respekts. Respekt vor altgedienten Professoren mit einem vielleicht nicht ganz zeitgemäßen didaktischen Modell, Respekt vor engagierten Lehrertems, die sich viel vornehmen etc. Das könnte zu einem Auftrieb von Reformbestrebungen weiterer Lehrer und Lehrerteams führen und die Bildungsdebatte ins Konstruktive bringen. Überregulierungen von oben ersticken Initiative und fördern Hierarchisierungen, die dann an "unten", an die Schüler als Druck weitergegeben werden.

Karl-heinz Grill
11
11.12.2011, 20:07
eine these zur gemeinsamen schule für 14/15-jährige..

eigentlich gab es diese gemeinsame schule ja. als ich 1967 ins gymnasium kam, besuchten zumindest in tirol vielleicht 10% der schülerInnen die langform eines gymnasiums. 90% gingen in die hauptschule. (geschätzt aus meiner erinnerung).
nun hab ich überhaupt kein problem damit, wenn irgendwelche retter des abendlandes eliteschulen wollen, wenn sie sie privat bezahlen vom gebäude über die lehrerInnen bis zum putzpersonal.

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