Das Schlimme an hiesigen Schulreformern ist, dass alles unterlassen wird, was die Neuerungen zum Erfolgsmodell machen könnte - Von Stefan Thomas Hopmann
Es gehört zu den typischen Eigenschaften der österreichischen Politik, ein bisschen schwanger sein zu wollen. Jedes Mal, wenn die Bildungspolitik mit einer vermeintlich großartigen Idee vom Pflichtkindergarten bis zur Universitätsreform schwanger geht, kommen prompt die Schwangerschaftsgebrechen. Ja, sicher, man will dieses oder jenes, aber bitte nicht gleich, nicht um jeden Preis, nicht genau so, vielleicht auch ganz anders, und bitte schön: Kosten darf es nichts und niemanden.
Da eine Abtreibung guter Hoffnungen politisch meist nicht möglich ist, entstehen aus solchen Initiativen regelmäßig Missgeburten, die gleichwohl als die Erfüllung der ursprünglichen Intentionen angedient werden. Die Bildungspolitik liefert zurzeit seriell Beispiele für diese Strategie.
Nehmen wir zum Beispiel den aktuellen Gesetzentwurf für die sogenannte Neue Mittelschule (NMS). Da soll der Selbstbekundung nach ein erfolgreiches Modell in Serie gehen, die erste große Schulreform seit Jahrzehnten. Wirklich?
Ob denn das Modell in der Schulpraxis tatsächlich erfolgreich ist, vermag zurzeit niemand verbindlich zu sagen, denn noch ist keine einzige damit befasste Evaluation auch nur halbwegs abgeschlossen. Zudem gibt es das eine Modell der Neuen Mittelschule gar nicht, sondern faktisch verbergen sich unter dieser Überschrift je nach Bundesland und Standort höchst unterschiedliche Maßnahmen, die von grundlegenden Neuausrichtungen bis zu bloß symbolischen Handlungen reichen.
Aufgeblasener "Überbau" ...
Eine große Schulreform ist es ebenso wenig, lässt doch der Gesetzentwurf die ursprüngliche Verortung der in Neue Mittelschule umbenannten Hauptschule unangetastet. Im Gesetzentwurf wird nur einfach eine der verschiedenen im Umlauf befindlichen Varianten der NMS zur allgemeinen Regel erklärt, ohne dass es dafür empirisch belegbare Gründe gäbe. Alle Neuen Mittelschulen, die weitergehende Schritte unternommen haben, werden also wieder Versuchsstatus beantragen oder aufgeben müssen. Wir trauern jetzt schon mit den engagierten Mittelschulen, die wir in unserer Evaluation begleiten.
Das Schlimme an dieser Veranstaltung ist aber, dass sie nach allem, was wir aus der international vergleichenden Forschung wissen, alles unterlässt, was notwendig wäre, um die Neue Mittelschule zu einem Erfolgsmodell werden zu lassen.
Dazu müssten die Schulstandorte nämlich die Freiheit bekommen, die innerschulischen Abläufe selbst festzulegen: ob es Klassen oder andere Einteilungsformate geben soll, wann wofür Teilungen gebraucht werden, wie die Stundentafel aussieht, wofür die Zusatzressourcen eingesetzt werden sollen, wo spezieller Förderungsbedarf besteht usw. Der Gesetzentwurf schreibt aber ziemlich genau vor, wie organisatorisch zu verfahren ist.
Derselbe Fehler ist übrigens auch beim Gesetzentwurf für die Modularisierte Oberstufe passiert, der auch zahllose völlig unnotwendige Detailvorschriften enthält und wahllos eine Variante zur allgemein verbindlichen erklärt.
Man kann der Forschungslage nach getrost annehmen, dass alle diese überregulierten Eingriffe in der Regel genau das Gegenteil von dem bewirken werden, was man sich verspricht: Im Ergebnis wird es also noch mehr Chancenungleichheit, noch weniger Leistung, noch mehr Verschwendung von Ressourcen für ein reichlich autopoetisches Verwaltungssystem geben.
Ähnliches könnte man von der Einführung der Zentralmatura oder von der zurzeit sichtbar strandenden Lehrerbildungsreform berichten. Bei der anstehenden Zentralmatura werden die unisono vorgetragenen Bedenken der Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte und Eltern mit dem empirisch völlig unsinnigen Argument weggewischt, die Zentralmatura beseitige eine angeblich vorherrschende, freilich von niemandem belegte "Schwindelkultur" . Dabei sind umgekehrt gerade zentralisierte "high stake" - Tests so schwindelanfällig, dass es dafür sogar einen wissenschaftlichen Fachausdruck gibt (Campbell's Law). Die BMUKK-Strategie zur Lehrerbildung betreibt zurzeit die Abkoppelung der pädagogischen Ausbildungen von genau den an den Universitäten beheimateten Forschungsgrundlagen, die für gelingende Ausbildungen erforderlich sind.
... erstickt Reformspielräume
Aber es geht bei all diesen missglückten Schwangerschaften mitnichten um "wissensbasierte" Zukunftsentscheidungen oder um die Serienfertigung von Best- Practice-Modellen. Sondern jedes Mal führen die politisch-administrativen Dehnübungen zu einem Geben und Nehmen bei Detailvorschriften, die zu aufgeblasenen Gesetzesnovellen und teuren administrativen Überbauten führen, die genau die Reformspielräume zuschütten, die gebraucht würden.
Aus langjähriger Erfahrung kenne ich auch schon die Antwort der Verantwortlichen auf solche Kritik: Sie versprechen, dass sich diese halbierten Reformen in Österreich anders als überall sonst auf der Welt auswirken werden, weil man hier damit ja anderes erreichen wolle.
Dieser naive Intentionalismus gehört zum Standardrepertoire fast aller bildungspolitischen Kräfte in diesem Lande und lässt sich durch noch so viele Forschungsbelege oder praktische Erfahrungen nicht erschüttern, wie neuerdings ja selbst das Direktorium des Bundesinstituts für Bildungsforschung, Innovation und Entwicklung (Biefie) einräumen muss. Es ist halt allemal leichter, durch fortlaufende Schwangerschaftsgymnastik Handlungskraft zu simulieren, als sich einzugestehen, dass man nicht Teil der Lösung, sondern Kern des Problems ist. (Stefan Thomas Hopmann, DER STANDARD; Printausgabe, 12.12.2012
STEFAN THOMAS HOPMANN ist Professor am Institut für Bildungswissenschaften der Universität Wien.