Nationalversammlung beschloss Übergangsverfassung

11. Dezember 2011, 15:04

Verabschiedung macht Weg für Wahl des Präsidenten frei

Tunis - Sieben Wochen nach der Wahl der verfassunggebenden Nationalversammlung ist in Tunesien eine Übergangsverfassung verabschiedet worden. Eine große Mehrheit der 217 Abgeordneten stimmte in der Nacht zu Sonntag für den Text, der 26 Artikel umfasst. Der Präsident der von der islamistischen Ennahda-Partei dominierten Versammlung, Mustapha Ben Jaafar, sprach von einem "historischen Augenblick" für Tunesien.

Nach fünftägigen oft kontroversen Debatten stimmten die Abgeordneten zunächst über jeden Artikel einzeln ab, bevor sie das gesamte Dokument verabschiedeten. Bei 141 Ja- und 37 Nein-Stimmen sowie 39 Enthaltungen wurde die Verfassung angenommen. Sie war nach der Wahl am 23. Oktober ausgearbeitet worden. Ihre Verabschiedung war die Voraussetzung für die Wahl eines Präsidenten und die Bildung einer neuen Regierung.

Viele Tunesier äußerten zuletzt wachsende Ungeduld darüber, dass elf Monate nach dem Sturz des langjährigen Machthabers Zine el-Abidine Ben Ali unter dem Druck von Straßenprotesten noch immer keine neue Regierung steht. Die Übergangsverfassung legt nun die Regeln für die Arbeit von Exekutive, Legislative und Judikative fest, bis eine endgültige Verfassung ausgearbeitet und ein neues Parlament gewählt ist.

"Dies ist ein historischer Augenblick, eine denkwürdige Nacht und ein neuer Anfang für Tunesien", sagte Ben Jafaar nach der Verabschiedung des Texts. Der Präsident der Versammlung sagte, der neue Präsident solle am Montag gewählt werden. Es wird allgemein erwartet, dass die Versammlung Moncef Marzouki vom linksnationalistischen Kongress für die Republik (CPR) zum Präsidenten wählt und er Hamadi Jebali von der Ennahda-Partei zu seinem Regierungschef ernennt.

Die Ennahda-Partei, die über 98 Abgeordnete verfügt, hatte sich auf dieses Modell mit Marzoukis CPR und Ben Jafaars sozialistische Partei Ettakatol geeinigt. Die beiden linken Parteien haben 29 und 20 Abgeordnete. Gemäß der neuen Verfassung muss der Präsident tunesischer Staatsbürger muslimischer Religion, Kind tunesischer Eltern und mindestens 35 Jahren alt sein. Die Forderung, auch doppelte Staatsbürger zuzulassen, fand keine Mehrheit.

Bei der Debatte über die Verfassung sorgte vor allem die Kompetenzaufteilung zwischen Präsident und Regierungschef für Streit. Die Opposition boykottierte sogar die Endabstimmung, weil aus ihrer Sicht der Regierungschef zu viele Rechte hat. Der Präsident bestimmt zwar die Grundlinien der Außenpolitik in Abstimmung mit dem Ministerpräsidenten und ist Oberkommandant der Streitkräfte. Doch zur Ernennung und Entlassung der Armeeführung bedarf er der Zustimmung des Ministerpräsidenten.

Die live im Fernsehen übertragenen Debatten der verfassunggebenden Versammlung waren bei den Tunesiern auf großes Interesse gestoßen und in den Medien und im Internet lebhaft kommentiert worden. In Tunesien hatten vor einem Jahr die Proteste in der arabischen Welt ihren Anfang genommen. Nach mehrwöchigen Demonstrationen, bei denen nach UN-Schätzungen rund 300 Menschen getötet wurden, floh Ben Ali am 14. Jänner ins Exil nach Saudi-Arabien. (APA)

Trollblume
01
11.12.2011, 15:08

Der Passus mit der Religion ist ein Trauerspiel...

Chien de Pique
00
12.12.2011, 01:48

Und das galt mW schon in der alten, "laizistischen" Verfassung...

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