Ein Mangel, der keiner ist

11. Dezember 2011, 16:57
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Aus Angst vor Krankheiten schlucken viele Menschen gerade im Winter diverse Nahrungsergänzungsmittel - Meistens sind es diejenigen, die es gar nicht nötig hätten

Es gibt sie in zahllosen Formen und Farben: Vitaminpräparate, Spurenelemente und Mineralien, frei verkäuflich und enorm beliebt. Etwa ein Drittel der Bevölkerung nimmt regelmäßig Nahrungsergänzungsmittel. Ein Millionenmarkt, aber kein unumstrittener. Das Argument für die Verwendung solcher Mittel ist der angebliche Mangel an Mikronährstoffen im Essen. Egal, ob Paprika, Kraut, Äpfel oder Orangen: Was heute in den Handel kommt, enthält bei weitem nicht mehr so viele wertvolle Inhaltstoffe wie früher, behaupten viele Ergänzungsbefürworter. Und deshalb müsse der moderne Mensch eben mit Präparaten nachhelfen. "Das stimmt allerdings nicht", stellt die Ernährungswissenschafterin Gaby Kressel von der Universität Hannover klar. Diverse Nährwertanalysen zeigen, dass der Vitamingehalt von Obst und Gemüse nach wie vor ausreichend ist, erklärt die Wissenschafterin. Wer also genug davon isst, ist bestens versorgt.

Doch genau da liegt auch das Problem. In den westlichen Industriestaaten leiden viele Menschen trotz Überflusses unter Fehlernährung - zu viel Fastfood und industrielle Fertigmahlzeiten, zu wenig pflanzliche Frischkost. Wer pro Tag nur 2000 Kilokalorien zu sich nimmt, und dies in einseitiger Weise, hat bald ein Mangelproblem, meint Kressel. Der FleischWurst-Freak ist davon genauso betroffen wie manche figurfixierten Studentinnen, die sich praktisch nur noch von Salat ernähren. "Die Vielfältigkeit ist das Wichtige", betont sie. Die Einhaltung eines abwechslungsreichen Speiseplans beugt Defiziten vor, so simpel ist das. "Wer das allerdings nicht tut, landet irgendwann bei den Nahrungsergänzungsmitteln."

Bildungsproblem

Die Problematik tritt nicht überall gleichmäßig hervor. Es sind vornehmlich diejenigen aus einkommensschwachen und bildungsfernen Kreisen, die unter Fehlernährung und Mangel an Mikronährstoffen leiden - oft mit weitreichenden Folgen für die Gesundheit. Hier können die Pillen tatsächlich Abhilfe schaffen, meint Kressel. In der Praxis sieht es jedoch anders aus. "Die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln ist für bestimmte Bevölkerungsgruppen sinnvoll, aber die nehmen sie meist nicht. " Was bei den stolzen Preisen vieler Präparate vielleicht auch nicht verwunderlich ist.

Da wäre man mit frischem Obst und Gemüse besser bedient, betonen Ernährungsfachleute unermüdlich - doch anscheinend vergebens. Auch hierzulande ist der Grünkostverzehr nach wie vor deutlich zu gering, wie eine Untersuchung von Wissenschaftern der Universität Wien zum Obst- und Gemüsekonsum erwachsener Österreicher gezeigt hat (vgl.: Public Health & Nutrition, Bd. 13, S. 480). Die Hauptursache für das Defizit: Viele glauben einfach, sie kauen bereits genug Karotten und dergleichen - ein Irrtum.

Auf der anderen Seite sind gerade die Gesundheitsbewussten besonders fleißige Ergänzungsmittel-Konsumenten. Einer britischen Studie zufolge essen vor allem Frauen, die zusätzliche Mikronährstoffe schlucken, deutlich mehr Obst, Fisch, Olivenöl und andere gesunde Nahrung als die Pillen-Abstinenten (vgl. Nutritional Epidemiology, Bd. 135, S. 1782). Des Weiteren gibt es bei den Vitamin-Fans weniger Raucher, sie treiben häufiger Sport und trinken weniger Alkohol. Ihr Gesundheitszustand ist besser als der durchschnittliche, und trotzdem greifen sie beharrlich zu den Präparaten - Ähnliches gilt auch für eine ganze Reihe anderer europä-ischer Länder.

Die österreichische Ernährungswissenschafterin Angela Mörixbauer kann über solches Verhalten nur den Kopf schütteln. "Für Otto Normalverbraucher gibt es keinen Grund, Nahrungsergänzungsmittel zu nehmen, und ohne eine gescheite Anamnese durch einen Arzt und einen Ernährungsexperten ist das eh nicht empfehlenswert." Mit anderen Worten: Wer glaubt, unter einem Mangel zu leiden, sollte sich erst einmal untersuchen lassen.

Risiko Nierensteine

Die unkontrollierte Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln birgt grundsätzlich Risiken, warnt Mörixbauer. "Wenn ich zum Beispiel Vitamin C über einen längeren Zeitraum hinweg in Konzentrationen von über einem Gramm pro Tag nehme, bekomme ich leicht ein Problem mit Nierensteinen."

Für einige Menschen allerdings, darunter schwangere Frauen, Veganer und manche Senioren, kann die zusätzliche Zufuhr von besonders wichtigen Stoffen wie Folsäure, Kalzium, Jod und Omega-3-Fettsäuren durchaus sinnvoll sein, sagt Gaby Kressel. "Es ist nicht alles Quatsch." Dem pflichtet auch Angela Mörixbauer bei und verweist auf aktuelle Untersuchungen zur medizinischen Bedeutung von Vitamin D. Hier scheint es zunehmend Defizite zu geben, weil viele von uns zu wenig draußen ans Tageslicht kommen und die Haut deshalb nicht selbst genug von dieser wichtigen Substanz produzieren kann. "Es werden immer mehr Stimmen laut, dass man Vitamin D sup- plementieren sollte", sagt Mörix- bauer. (Kurt de Swaaf, DER STANDARD Printausgabe, 12.12.2011)

Wissen:

Proteine, Kohlenhydrate und Fette sind die Hauptbestandteile unserer Nahrung. Daneben spielen jedoch auch Mikronährstoffe eine lebenswichtige Rolle. Sie kommen nur in geringen bis winzigen Konzentrationen vor. Fachleute unterteilen sie in Vitamine, Mineralien und Spurenelemente. Bei den Vitaminen handelt es sich um eine chemisch äußerst vielfältige Gruppe. Sie umfasst relativ einfach gebaute Moleküle wie Ascorbinsäure (Vitamin C) und auch komplexe organische Verbindungen wie bestimmte Secosteroide (Vitamin D). Bei den Mineralien zählen vor allem Kalzium und Eisen zu den Stoffen mit Mangelpotenzial. Sie werden meistens in ionisierter Form vom Körper aufgenommen. Spurenelemente wie Selen können in hohe Dosierungen stark giftig sein.

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    Eine Tomaten-Pille, die beispielsweise 2009 auf den Markt kam, versprach vor Herzinfarkt und Schlaganfall zu schützen.

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