Richterliche Familienauflösung

Blog10. Dezember 2011, 12:26
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Die Unantastbarkeit der Familie wird gern beschworen – Den Y.s, die getrennt aus Afghanistan flohen, wurde das Familie-Sein schlicht aberkannt

Mann und Frau, ein oder mehrere Kinder, allesamt gut aufgelegt, in einer Situation trauter Zusammengehörigkeit, also am Besten in der Freizeit - wie auf dem Bild zu diesem Blogeintrag: So stellen sich die meisten Menschen nach wie vor die "richtige Familie" vor. So mögen sie Familie, finden Familie anstrebens- und schützenswert, auch wenn ihr eigenes Familienleben diesen Vorgaben vielleicht gar nicht entspricht. Aber ein bisschen Idealisierung muss offenbar sein ...

Dass es neue - oder auch nur: andere ­ Familienformen gibt, die dieser Idealvorstellung widersprechen (die, geben wir es zu, die zwischenmenschliche Vielfalt einschränkt), hat sich inzwischen schon herumgesprochen. Viel Hirnschmalz für Expertisen ist geflossen, Tonnen Papier für Studien wurden verbraucht, um über Alleinerziehende, Patchworkfamilien, gleichgeschlechtliche Paare mit Kindern zu sinnieren. Man müsse neuen familiären Bedürfnissen Rechnung tragen, die Gesellschaft sei im Wandel.

Damit hat man ja so Recht! Also versucht man familienpolitisch konservativ Gesinnte davon zu überzeugen, dass die neuen Familienformen keinen Werteverfall oder zusätzliche soziale Devianz zur Folge haben. Und nimmt auf einer benachbarten gesellschaftlichen Bühne gleichzeitig das behördlich betriebene Zerbrechen von Familien hin, indem ihnen der Familienstatus aberkannt wird, auch wenn Familienmitglieder ganze Kontinente durchqueren, um wieder "Familie", sprich: beieinander, zu sein. 

Gescheiterter Abschiebeversuch

So geschah es in Österreich der afghanischen Familie Y., bestehend aus einer Mutter und sechs Kindern. Über den gescheiterten Abschiebeversuch der Frau und fünf Kleineren aus Wien ins bulgarische Sofia wurde auf derStandard.at vor wenigen Tagen berichtet. Obwohl die Kinder in Europa nur einander und ihre Mutter als Familie haben, befand der Asylgerichtshof am 11. Oktober 2011: "Es kann somit nicht davon ausgegangen werden, dass ein im Sinn des Artikel 8 der Europäischen Menschenrechtskonvention schützenswertes Familienleben vorliegt." Es bestehe kein Familienleben, also keine Familie: kein menschenrechtlich schützenswertes Gut.


Wie das? Weil die Y. getrennt aus Afghanistan geflohen sind, zuerst Sohn Farshad, dann die Frau und die fünf Kleinen. Der damals 13-jährige Farshad kam nach Österreich, stellte einen Asylantrag. Nach der Ablehnung durchs Bundesasylamt ist er jetzt in Berufung. Zwei Jahre später folgten die Mutter und die fünf Kleinen, schafften es nach Bulgarien und bekamen dort als nicht Abschiebbare subsidiären Schutz. Dann erfuhren sie, dass Farshad, heute 15 Jahre alt. in Österreich ist. Sie kratzten weiteres Geld zusammen und reisten ihm nach.

Dieser Ablauf der Ereignisse bringt die österreichischen Asylrichter zu dem glasklaren Schluss: "Als sie ihren erst 13-jährigen Sohn nach Europa schickte, hat die Frau in Kauf genommen, in Zukunft kein gemeinsames Familienleben mit ihrem Sohn mehr führen zu können." Konsequenz: Man könne die Y.‘s auch jetzt problemlos wieder trennen, Farshad als unbegleiteter Minderjähriger in Österreich, Mutter und Geschwister in Bulgarien.

Flucht, nicht Übersiedlung

Nur: Was, wenn die Frau und die Kinder keine andere Chance hatten, aus Afghanistan herauszukommen, als getrennte Wege zu gehen? Eine Flucht ist keine organisierte Übersiedlung. Was, wenn es für die Y.‘s dabei ums Überleben ging? Die Schilderungen der Frau Y.‘s können darauf schließen lassen: Ihr Mann, Vater der Kinder, ist vor wenigen Jahren gestorben, dessen Bruder, mit dem sie daraufhin zwangsverheiratet wurde, gewalttätig: In Afghanistan, dem nach wie vor stark von der frauenfeindlichen Taliban-Herrschaft geprägten Land, ist das keine Ausgangsposition, die viel Wahlmöglichkeiten eröffnet. 

Nun werden LeserInnen, die moderne Fluchtgeschichten nach Europa prinzipiell als Lügen betrachten, sicher viel Grund zum Zweifeln an diesen Überlegungen finden: Frau Y. habe gepokert, Farshad sei ein so genanntes "Ankerkind", nur vorausgeschickt, um der Restfamilie den Weg in die EU zu eröffnen. Jetzt versuche Frau Y., statt im armen Bulgarien im reichen Österreich einen Anknüpfungspunkt zu finden. Da komme ihr Farshads Status nur Recht.

Doch abgesehen von diesen Argumenten, die übrigens auch der Asylgerichtshof zum Teil vorgebracht hat: Wie kommen österreichische Richter dazu - in der EU mit ihrer Dublin-II-Verordnung, die Flüchtlinge zu Fliegenden Holländern macht -, einer Frau und ihren Kindern, die sich ganz offensichtlich zusammengehörig fühlen, diese Zusammengehörigkeit von Rechts wegen abzusprechen? Sie aus asylrechtlichen Gründen zur Nicht-Familie zu erklären? Dass Kinder allein auf die Flucht geschickt wurden, weil Eltern um deren Zukunft und Wohlergehen besorgt waren, aber das nur um den Preis der Trennung sein konnten, ist historisch vielfach vorgekommen: Etwa bei der Flucht der Boat-People aus Nordvietnam in den späten 1970er- und beginnenden 1980er-Jahren. Oder - um einiges früher - als jüdische Kinder aus Nazideutschland allein nach England gerettet wurden. Wenn Eltern damals in der Folge ebenfalls die Flucht gelang: Würde man ihnen und ihren Kindern rückblickend den Familienstatus aberkennen? Wohl kaum. Aber im Österreich des Jahres 2011, da geht sowas. (Irene Brickner, derStandard.at, 10.12.2011)

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    So stellen sich die meisten Menschen nach wie vor die "richtige Familie" vor.

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