Reaktion

Helmut Schmidt und der Neoliberalismus

Kommentar der anderen | 9. Dezember 2011, 19:27

Zur Kritik des deutschen Altkanzlers an Angela Merkel - von Lorenz Gallmetzer

Betrifft: Kommentare von Hans Rauscher und Stefan Brändle zur Kritik des deutschen Altkanzlers an Angela Merkel (Standard, 5. 12.)

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Gleich mit zwei Kommentaren in einer Ausgabe widersprechen meine geschätzten Kollegen Hans Rauscher und Stefan Brändle dem "großen Alten der SPD" Helmut Schmidt und nehmen Angela Merkel vor dem angeblichen Vorwurf der "deutschnationalen Kraftmeierei" in Schutz: "respektvoll" Rau, Giscard d'Estaing und Schmidt wegen ihrer Gehstock- und Rollstuhl-Stützen lächerlich machend hingegen Brändle.

Beide haben offenbar die Mühe gescheut, Schmidts Rede genau anzuhören. Denn der "deutschnationalen Kraftmeiereien" wird dort niemals Angela Merkel bezichtigt, sondern der CDU-Fraktionsvorsitzende im Bundestag Kauder aufgrund seiner Aussage "Europa spricht jetzt Deutsch", der Politluftikus Guttenberg aufgrund seiner verunglückten außenpolitischen Medien-Selbstinszenierungen und all jene, die gegen eine "Transferunion" wettern.

Was Schmidt der Kanzlerin und ihrer Regierung sehr wohl vorwirft, ist das allzu lange Zögern bei der Hilfe für die krisengeschüttelten EU-Partner, aus Angst vor den Stammtischen, mit ihrem dumpfen "warum sollen wir für die Faulen zahlen?" . Den Deutschen eindringlich in Erinnerung gerufen hat Schmidt deshalb die historische Verantwortung seines Landes und die Notwendigkeit einer steten und berechenbaren Außenpolitik angesichts der enormen deutschen Handelsbilanzüberschüsse "chinesischen Ausmaßes" . Zitat: "Alle unsere Überschüsse sind in Wirklichkeit die Defizite der anderen (...) Es handelt sich um eine ärgerliche Verletzung des einstmals von uns zum gesetzlichen Ideal erhobenen "außenwirtschaftlichen Gleichgewichts."

In die gleiche Kerbe schlug kürzlich der CDU-Vordenker Kurt Biedenkopf: "Seit es den Euro gibt, haben wir im EU-Bereich rund achthundert Milliarden Bilanzüberschuss erwirtschaftet. (...) und bezahlt wurde er von den Ländern, in die wir exportiert haben."

Beide - Schmidt und Biedenkopf - appellieren an die Deutschen, sich daran zu erinnern, dass sie ohne die Hilfe der USA und der Nachbarn wohl kaum aus den Trümmern der Nazikatastrophe wieder auferstehen hätten können und dass sie deshalb heute zur europäischen Solidarität verpflichtet sind. Schmidt: "Aber zwangsläufig wird auch eine gemeinsame Verschuldung unvermeidbar werden (Eurobonds!). Wir Deutschen dürfen uns dem nicht national-egoistisch verweigern."

Von solchen staatsmännischen Reden kann man in Österreich nur träumen - und sie sollten deshalb nicht heruntergemacht werden, nur weil Schmidts Kampfaufruf gegen die "unbeaufsichtigten Ratingagenturen" , gegen die "globalisierte Bankenlobby" und für eine Finanztransaktionssteuer nicht zur täglichen Zu-Tode-sparen-Predigt des lachsfarbenen Neoliberalismus passt. (DER STANDARD, Printausgabe, 10.12.2011)

Lorenz Gallmetzer, langjähriger ORF-Journalist

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 89
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Kalvarienberg
00
13.12.2011, 16:28
Und hier nochmals die Rede in voller Länge:

http://www.youtube.com/watch?v=3clNsHRoUBI

Marcus Maccabaeus
60
11.12.2011, 19:08
Das ist schlicht seniles Geschwätz eines alten Mannes!

alpenmilch
21
11.12.2011, 12:55

Schon schlimm wenn man erkennt, dass die masochistische Selbstaufgabe der Deutschen auch seine Grenzen hat....

Zarathustra
33
11.12.2011, 12:24
"The germans....greatest victims of all"

Der britische Telegraph und die FAZ sehen das anders. Bemerkenswert auch wie endlich eine Qualitätszeitung wie der Telegraph die Wahrheit ausspricht: Deutschland wurde damals von Frankreich und Italien erpresst: Sie bekommen die Wiedervereinigung - dafür müssen sie in den Euro. Freiwillig hätte Deutschland das nicht gemacht und es ist traurig dass man hierzulande noch immer die alte deutsche Staatspropaganda vom großen Profiteur verbreitet - klar, was sollte man dem Volk sonst erzählen, das die Nachteile tagtäglich zu spüren bekommt:

http://blogs.telegraph.co.uk/finance/a... im-of-emu/

www.faz.net/aktuell/w... 52994.html

kra3
11
11.12.2011, 16:59
Nicht die europäischen Länder führen einen (Wirtschafts-)Krieg gegeneinander...

Zunächst einmal Dank für den Hinweis auf diese beiden interessanten Artikel.

Dem eher emotionalen von Hrn. Evans-Pritchard steht die kühle Analyse der "Bogenberger Erklärung" gegenüber. Letzterer argumentiert, "Die These, dass Deutschland in besonderer Weise vom Euro profitiert habe, ist angesichts dieser Fakten nicht haltbar."

Das und weiteres mag zwar stimmen, jedoch bleibt der Aspekt des Auseinanderdriftens von Arm und Reich völlig ausgeklammert (was angesichts der Autoren nicht verwundert). Dies aber halte ich für ein größeres Übel als oder sogar die Ursache der derzeitigen Krise.

Auch dazu gibt es in der FAZ einen Artikel: http://www.faz.net/aktuell/f... 49829.html

Lupus67
52
11.12.2011, 11:19
ist leider völlig falsch

"Seit es den Euro gibt, haben wir im EU-Bereich rund achthundert Milliarden Bilanzüberschuss erwirtschaftet. (...) und bezahlt wurde er von den Ländern, in die wir exportiert haben."

stimmt hinten und vorne nicht. die deutschen haben diesen ländern kredite aufgeschwazt, die die deutschen exporte ermöglicht haben.

dann haben sie sich als "exportweltmeister feiern lassen und rest-europa ihr system als das selig-machende hingestellt.

und jetzt zahlt GANZ EUROPA die rechnung, weil die länder nämlich pleite und haushoch verschuldet sind.
die deutschen sind zu einem nicht geringen anteil SCHULD an der momentanen krise, weil sie es nicht unterlassen können sich immer hervorzutun und selbst auf den podest zu stellen in allem was sie machen.

Zarathustra
11
11.12.2011, 13:01

Wie tief muss der Deutschenhass eigentlich sein, wenn es sogar schafft, den Deutschen auch für diese Krise eine (Teil)Schuld zu geben. Ich beschäftige mich mit dieser Systemkrise schon seit 2004 (also bereits vor dem Crash 2008) so gut wie jeden Tag, aber über die Deutschen als Schuldige bin ich noch nie gestoßen.

Lupus67
00
14.12.2011, 17:35
wahrscheinlich

sind auch einer dieser "experten" die vor lauter statistiken und papierschlichten die realität völlig vergessen und übersehen, dafür umso verbissener den computer bedienen, um aus dem endlich "die wahrheit" herauszuquetschen.

die deutschen haben die eu genau so geschaffen, wie sie sie gebraucht haben. und wenn sich die merkel als große retterin heute aufspielt, dann ist das nur gut für deutschland, aber sicher nicht für den rest der angeblich och stimmberechtigten mitglieder

N1N2
02
11.12.2011, 12:01
die deutschen haben diesen ländern kredite aufgeschwazt :)

der war echt gut.

alpentiger
11
11.12.2011, 09:27
Ob da bei Schmidt wie bei Biedenkopf nicht inzwischen das ....

"Langzeitgedächtnis" zu Lasten aller akutell notwendigen Schritte zuviel Platz einnimmt?

Historisch haben sie natürlich recht, nur die Begründung und Rechtfertigung jetzt paßt nicht mehr.

Ob das allerdings der Rauscher in seiner Reflexion gemeint haben könnte?

alpentiger
13
11.12.2011, 09:24
In einem Punkt liegen Schmidt wie Biedenkopf daneben ....

Deutschland hat nicht wegen des EURO solche Handelsbilanzüberschüsse (gemeint ist der Gewinn aus den Exporten in die PIGS) erzielt, sondern weil - wie z. T. Ö auch - in 10 Jahren eine "innere Abwertung" durch Lohnzurückhaltung und Weitergabe der Produktivitätssteigerungen an die (Export-)Konsumenten die Konkurrenzfähigkeit relativ gesteigert wurde, während die PIGS dies - auf Pump von D wie wir wissen - sich leisten konnten. D hat sich die PIGS-Schulden dadurch ins Haus geholt. Aus diesem Targetkuchen haben sich die PIGS also einmal bedient und jetzt ist die EURO-Zone ein zweites Mal dran?

Insofern hat der ehrwürdige Alt-Alt-Kanzler und der vorwitzige Biedenkopf nicht die gesamte Dimension erkannt oder nicht erkennen wollen.

/. nerd
 
00
11.12.2011, 21:17
Angebotsorientertes Denken hat so seine massiven Schwächen

An wen, wenn nicht an die über die (Schulden-)Stränge schlagenden PIGS (und Co), hätte DE seinen Krempel denn verkaufen sollen?

"Unsere Leistungsbilanzüberschüsse sind die Defizite der anderen", das ist die Kernaussage von Schmidt.

"Jedes Angebot schafft sich seine Nachfrage", das ist das hinrissige und völlig unhaltbare Mantra der Neoliberalen, das in den drei Jahrhunderten seines Bestehens von Millionen Wirtschaftswissenschaftern trivial widerlegte "Saysche Gesetz".

Es gibt makroökonomisch drei Arten, seinen Krempel an den Mann oder die Frau zu bringen:
Am Binnenmarkt, dann muss man den Arbeitnehmern so viel zahlen, dass sie es sich leisten können
Im Export, wenn man arm ist (Bananenrepublik)
Im Export, wenn man den Käufern Geld borgt

one comment:
00
11.12.2011, 08:16
ganz einfach: wie im kleinen so auch im großen! Hausfrauen wissen das schon längst!

Gleicher Hofer/Aldiwarenkorb einmal in Ö. einmal in Germany. Wo zahlen Sie mehr?

dick maverick
15
11.12.2011, 05:42
Egal, ob der deutsche Kanzler

Merkel, Müller oder Mumpitz heißt und ob an der Spitze Frankreichs ein Herr Sarkozy oder Monsieur Dupont stehen: den Personen, die derzeit diese Funktionen wahrnehmen, ist es gemeinsam gelungen, alle EU-Länder mit Ausnahme GBs hinter einer Stabilitätsstrategie zu versammeln, wie sie vor einigen Monaten noch undenkbar war.

Die EU wird damit vorankommen. Merkel und Sakozy haben einen guten Job gemacht.

Althase
00
11.12.2011, 03:25

Der Herr Rauscher hat ja schon öfter daneben gegriffen, dass er jetzt einmal so aufgeblattelt wird ist ein Genuss.
Endlich mal Literatur in einer Zeitung - Hut ab.

leichen schmaus
 
06
10.12.2011, 22:51
DANKE für diese Gegendarstellung !!

DANKE DANKE !!!

Einbahnfahrer
03
10.12.2011, 20:52
Es kommt weniger darauf an, was jemand sagt als darauf, wer etwas sagt!

Mir fällt auf, dass Helmut Schmidt in wesentlichen Punkten eher mit der Linkspartei übereinstimmt als mit seiner eigenen Partei!
Bemerkenswert finde ich, dass die Linken für die gleichen Forderungen ausgebuht werden (nicht nur von politischen Gegnern), für welche Schmidt beklatscht wird!

Ja, dürfen's denn das ?
116
10.12.2011, 20:33
"lachsfarbener Neoliberalismus"

Diesen Ausdruck sollten sich Standard-Redaktion und Herausgeber golden einrahmen und aufhängen.

Und sich einmal überlegen, was aus dem ursprünglichen Anspruch des Standards geworden ist, eine Qualitätszeitung zu werden.

Bis jetzt ist das eher die "Kronenzeitung für höhere Einkommen" geworden. Mit einem Hrn. Rauscher als patscherten Staberl-Verschnitt.

Bergdolm
00
11.12.2011, 18:58

Auch wenn sich Hans Rauscher bei manchen Themen "hineinsteigert" und den Blick auf die größeren Zusammenhänge verliert, würde ich Rauscher nie mit St...rl vergleichen oder gar gleichsetzen.

Traurig ist, dass "politische Menschen" wie Schmidt, Portisch und einige andere Alte eher früher als später wegsterben, und uns Faymänner, Spindis, Glawis und HCs erhalten bleiben.

NONE
00
10.12.2011, 23:01

Ach, das ist zu stark formuliert.

Die Printausgabe ist noch immer ok, viel besser als die APA copy/paste Meldungen.

Und ich kenne Rauscher bis heute nicht. Ich habe keinen einzigen Artikel gelesen, weil es mich nie interessiert hatte.

Sie sehen, man kann Standardleser sein ohne Rauscher zu kennen.

sawi48
00
13.12.2011, 07:23
@NONE

Dann war das jetzt Deine Rauscher-Defloration - und wir alle dürfen dabei sein :-)

Schinkenfleckerl 3000
19
10.12.2011, 19:57
Sehr guter Kommentar.

Ein Lob an den Standard diese scharfe Kritik am eigenen Blatt unzensiert ("lachsfarbener Neoliberalismus") abzudrucken.

pike bishop
00
11.12.2011, 17:11

Vielleicht haben sie das vom lachsfarbenen neoliberalismus einfachnicht verstanden. Im Grunde schätz ich den Standard ja sehr, sonst würde ich ihn ja nicht lesen. Aber das vergnügen wird einen bisweilena usgetrieben, etwa was die Berichte zum Nahen Osten betrifft, wo eine derart fiese Manipulation betrieben wird, dass es fast nicht auszuhalten ist (dazu gehört auch, dass dazwisch durchaus kritische Artikle wie die von der mir sehr geschätztenFrau Harrer gestreut werden, die anscheinend nur dazu dienen, den Schein zu waren; im Falle von Libyen hat man das dann auch bleiben lassen, bis Gaddafi tot war; jetzt tut man wider kritisch).

Ja, dürfen's denn das ?
01
10.12.2011, 20:35
diese scharfe Kritik am eigenen Blatt unzensiert ("lachsfarbener Neoliberalismus") abzudrucken.

Tun Sie sich nicht täuschen. In den Foren wird manchmal gelöscht wie Feuerwehr. ZB. kritische Postings zu Sarkozy (in der Affaire DSK) verschwanden fast schneller, als sie geschrieben worden sind.

Totaler Durchblicksstrudel
120
10.12.2011, 18:11

Ein alter De** halt, den sein Umfeld besser vor solch peinliche Auftritten bewahren sollte.
Apropos, weil es auch Gallmetzer vergessen hat, auszusprechen: noch nie davor hat ein Bundeskanzler so viel Schulden gemacht wie Schmidt - danach auch nie mehr! Meine Generation und die meiner Kinder darf diese Suppe auslöffeln. Danke, her Alt-Bundeskanzler!

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