Die ÖIAG hat bei der Telekom Austria und OMV genug Probleme, aber kaum Spielraum
Wien - Die Wirtschafts- und Währungskrise in Weißrussland und die daraus resultierenden Probleme der Telekom Austria (TA) mit ihrer Tochter Velcom in Minsk haben auch die Staatsholding ÖIAG aufgescheucht. Kapitalvertreter im ÖIAG-Aufsichtsrat äußern sich sehr besorgt über das 2007 getätigte Milliardeninvestment und dessen Auswirkungen auf die TA.
Die könnten, wie berichtet, heftig ausfallen. Denn die TA muss sich bilanziell für die Hyperinflation in der Ex-Sowjetrepublik rüsten. Das sollte zwar die dünne Eigenkapitaldecke der TA nicht schmälern, wohl aber Ergebnis und Gewinn kosten. Womit die bereits kritisierte Dividendenstrategie der TA (für 2011 und 2012 sind 0,76 Euro je Aktie avisiert, was pro Jahr rund 330 Mio. Euro kostet) auch bei ÖIAG-Aufsehern Kopfschütteln auslöst. Wiewohl als Großaktionär Hauptprofiteur hoher Ausschüttungen, mehren sich auch in Regierungskreisen die Stimmen, die "mit der TA-Dividendenpolitik nicht glücklich sind" und - hinter vorgehaltener Hand - eine Dividendenkürzung fordern. Auch Neo-TA-Großaktionär Marathon, vertreten durch Investor Ronny Pecik, soll eigenkapitalstärkende Maßnahmen befürworten. Das Problem: Seit sich Marathon (mit Ex-Orascom-Eigner Naguib Sawiris an Bord) in die TA eingekauft hat, fehlt der Verstaatlichtenholding ÖIAG jeder Spielraum. Drängt sie TA-Chef Hannes Ametsreiter und Finanzchef Hans Tschuden zur Dividendenkürzung, gibt der Aktienkurs nach und der Neogroßaktionär kann sich noch billiger einkaufen.
"Aktiver Eigentümer" Pecik
Hält die TA am Dividendenversprechen fest, verringert sich die auf zehn Prozent geschmolzene Eigenkapitaldecke des Konzerns weiter. Peciks Ankündigung, "eine aktive Eigentümerrolle" spielen und eigenkapitalstärkende Maßnahmen forcieren zu wollen, kann zweierlei bedeuten: Dividendenbremse oder Kapitalerhöhung. Laut Presse soll Pecik vier Sitze im achtköpfigen Aufsichtsrat und "drei bis vier" statt derzeit zwei Vorstände fordern.
Auch eine Kapitalerhöhung bedeutet für die ÖIAG Ungemach, denn dann müsste sie TA-Aktien kaufen, um ihre 28,42 Prozent zu erhalten. "Eigenkapitalbedarf und ein unwilliger Kernaktionär, das ergibt ein explosives Gemisch" , ätzen Experten. TA-Korruptionsskandal und Untersuchungsausschuss runden das Bild ab. "Telekom und ÖIAG sind gelähmt" , sagt ein Aufsichtsratsmitglied.
OMV im Partnerclinch
Auch an einer zweiten Front gleicht die von Peter Michaelis im Juni an Ex-Industrie-General Markus Beyrer übergebene ÖIAG eher einem Tollhaus denn "einem wohlbestellten Haus" . Bei der OMV deutet einiges auf einen Clinch mit Langzeit-Partner IPIC aus Abu Dhabi (24,9 Prozent) hin.
Dem Vernehmen nach wollten die Investoren aus Abu Dhabi der OMV die gemeinsame Kunststoff-Beteiligung Borealis und die vor wenigen Jahren von OMV und Borealis in der Raffinerie Schwechat um 400 Mio. Euro errichtete Produktion von Crackern (Vorprodukt für Kunststoffe) abnehmen. Die OMV lehnte ab, nun schiele IPIC auf die ganze OMV, sagen Auskenner.
Andere Quellen sehen die Lage weniger dramatisch. IPIC habe bei den Wettbewerbsbehörden die Anteilsaufstockung als Vorsorgemaßnahme gemeldet, um für einen allfälligen Aktienrückkauf der OMV gerüstet zu sein. Der Hintergrund: Kaufte OMV ihre unterbewerteten Aktien zurück, würde der IPIC-Einfluss automatisch über 25 Prozent steigen. Deshalb seien, so das Argument der Anwälte, vorsorglich die Kartellwächter eingeschaltet worden.
AK-Direktor Werner Muhm findet harte Worte für die ÖIAG. Mit Telekom und OMV seien nun zwei wichtige Betriebe Übernahmekandidaten. Jetzt zeige sich, dass man mit 25 oder 28 Prozent Anteilen nichts in der Hand habe. Die ÖIAG bezeichnet Muhm als "Inzuchtverein" im Dunstkreis der Industriellenvereinigung. Die Telekom sei zu so hohen Dividenden genötigt worden, dass ihre Eigenkapitalausstattung bedrohlich geschrumpft sei. Ab acht Prozent sei ein Restrukturierungsverfahren einzuleiten. Allerdings erfüllt die TA die acht Prozent Eigenkapitalquote locker, sie bezieht sich auf HGB. Dünn ist die Eigenkapitaldecke gemäß internationalen Bilanzregeln (IFRS).
Ausreichend Schutz vor einer feindlichen Übernahme sieht Muhm nur bei der Post. Er glaubt nicht, dass hier ein neuer Anlauf für einen Einstieg der Deutschen Post vorbereitet wird. Gerüchten zufolge soll eine Partnerschaft der Konzerne Thema beim Treffen von Bundeskanzler Werner Faymann mit Amtskollegin Angela Merkel in Berlin gewesen sein. (Luise Ungerboeck, Andreas Schnauder, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 10./11.12.2011)