Deutsche Bundeskanzlerin erhält schwarzen Peter nach Verzögerung des EU-Kandidatenstatus
Man ahnte es, wollte es jedoch bis zum letzten Augenblick nicht glauben: Serbien soll den EU-Kandidatenstatus erst im kommenden März erhalten - und das auch nur, wenn sich Belgrad der Vollendung der Unabhängigkeit des Kosovo nicht mehr in die Quere stellt, den Dialog mit Prishtina konstruktiv fortsetzt und die internationale Friedenstruppe Kfor und die EU-Mission Eulex unterstützt, deuteten serbische Analytiker die unangenehme Botschaft aus Brüssel. De facto werde von Serbien gefordert, auf seine bisherige aktive Nichtanerkennungspolitik zu verzichten, wenn es den europäischen Integrationsprozess fortsetzen möchte.
Es war eine heftige Ohrfeige für Präsident Boris Tadić und die proeuropäische Regierung. Die Staatsspitze hüllte sich zunächst in Schweigen. Man wolle zunächst die offizielle Stellungnahme des EU-Gipfels abwarten, hieß es in der Regierung. Denn nach dem positiven Bericht der EU-Kommission und dem Lob des UN-Kriegsverbrechertribunals nach der Festnahme Ratko Mladićs, war man sich des Kandidatenstatus sicher. Ihn mit neuen Bedingungen zu verknüpfen, empfinden serbische Politiker als äußerst unfair.
Seit Tagen zeichnet sich deshalb in serbischen Medien ein neues Feindbild ab: die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel. Obwohl ein Großteil der EU-Staaten serbische Reformen mit dem Kandidatenstatus belohnen wollte, habe das allein Angela Merkel verhindert. In verschiedenen TV-Talkshows war schon vom "deutschen historischen Revanchismus" die Rede. Nationalisten zeigten sich wegen des "neuen Beweises, dass Serbien auf die EU vergessen sollte", zufrieden. (Andrej Ivanji aus Belgrad/DER STANDARD, Printausgabe, 10.12.2011)