Warum die Großmacht China im Klimaschutz kein Zwerg ist, sondern Industriemächte wie die USA und Japan abgehängt hat, erklärt der diesjährige Alternativer-Nobelpreis-Träger Huang Ming
Standard: Sie betonen, dass China im Klimaschutz nicht so gewissenlos ist, wie im Ausland behauptet wird. Was meinen Sie damit?
Ming: Auf chinesischen Dächern werden inzwischen mit Solarheizungen über 350 Millionen Tonnen Kohle eingespart. Das entspricht auf Haushalte umgerechnet etwa der US-Gesamtbevölkerung. Würde (US-Präsident Barack) Obama die gleiche Menge, also alle amerikanischen Haushalte, mit Solarheizungen ausstatten, würde er den Nobelpreis ein zweites Mal erhalten.
Standard: Sie haben Ihren sicheren Job in der Ölindustrie aufgegeben und sind als Unternehmer in die Solarenergie eingestiegen. Sind viele Chinesen so umweltbewusst wie Sie?
Ming: Es werden zumindest immer mehr. Und der Klimaschutz rückt zunehmend in den öffentlichen Fokus und in die Gesetze. China ist derzeit der größte Bauplatz der Welt. Vor fünf Jahren haben wir ein Gesetz eingeführt, das vorschreibt, dass 65 Prozent aller neuen Häuser energiesparend sein müssen. Die Umsetzung ist nicht so strikt wie in Europa und wurde oft umgangen. Aber zumindest 55 bis 60 Prozent der neuen Gebäude werden tatsächlich energiesparend gebaut. Auch alte Gebäude sanieren wir nach und nach energiesparend. Das ist eine enorme, aber langsame Veränderung. Im Westen wird oft vergessen: Wir sind trotz der Größe unseres Landes heute weiter als Japan oder Südkorea.
Standard: Wie sieht es bei der Solarenergie aus?
Ming: 2010 haben wir 80 Prozent der weltweiten erzeugten Solarenergie in China auf einer Fläche von 49 Millionen Quadratmetern hergestellt.
Standard: Gibt China nach Fukushima die Kernenergie auf?
Ming: Atomenergie ist auch in China unpopulär geworden. Auch wenn es da keine offiziellen Grundsatzentscheidungen gibt wie in Deutschland, wurden alle neuen Atomenergieprojekte auf Eis gelegt. Angefangene Projekte werden nicht weitergebaut. Das ist vorläufig, aber ich glaube, wir sind auf dem Weg zum Ausstieg. Auch wenn Atomenergie das Klima nicht belastet, sie ist einfach zu gefährlich.
Standard: Der deutsche Umweltminister Norbert Röttgen hat beim UN-Klimagipfel Chinas Klimapolitik heftig kritisiert. Zu Recht?
Ming: Ohne Frage müssen auch wir schneller handeln. Der Übergang zu erneuerbaren Energien dauert weltweit zu lange. Aber den Fokus auf China als Buhmann zu legen, ist falsch. Ich empfinde seine Kritik als etwas ignorant. Im Westen wird immer wieder vergessen, wie neu unser Aufschwung ist, wie groß unser Land ist und wie lange die Dinge deshalb brauchen. Exaußenminister Joschka Fischer sagte einmal sehr treffend: "Wir haben nicht das Recht, Menschen in Entwicklungsländern das Streben nach einem guten Leben übelzunehmen oder gar zu verbieten." Unter Berücksichtigung dieses Kontexts sind wir schon weiter gekommen, als es anderen Nationen möglich gewesen wäre, auch denen der sogenannten Ersten Welt. (André Anwar/DER STANDARD, Printausgabe, 10./11. 12. 2011)