Alternativer-Nobelpreis-Träger

"Wir sind trotz der Größe heute weiter als Japan oder Südkorea"

Interview | 9. Dezember 2011, 18:38

Warum die Großmacht China im Klimaschutz kein Zwerg ist, sondern Industriemächte wie die USA und Japan abgehängt hat, erklärt der diesjährige Alternativer-Nobelpreis-Träger Huang Ming

Standard: Sie betonen, dass China im Klimaschutz nicht so gewissenlos ist, wie im Ausland behauptet wird. Was meinen Sie damit?

Ming: Auf chinesischen Dächern werden inzwischen mit Solarheizungen über 350 Millionen Tonnen Kohle eingespart. Das entspricht auf Haushalte umgerechnet etwa der US-Gesamtbevölkerung. Würde (US-Präsident Barack) Obama die gleiche Menge, also alle amerikanischen Haushalte, mit Solarheizungen ausstatten, würde er den Nobelpreis ein zweites Mal erhalten.

Standard: Sie haben Ihren sicheren Job in der Ölindustrie aufgegeben und sind als Unternehmer in die Solarenergie eingestiegen. Sind viele Chinesen so umweltbewusst wie Sie?

Ming: Es werden zumindest immer mehr. Und der Klimaschutz rückt zunehmend in den öffentlichen Fokus und in die Gesetze. China ist derzeit der größte Bauplatz der Welt. Vor fünf Jahren haben wir ein Gesetz eingeführt, das vorschreibt, dass 65 Prozent aller neuen Häuser energiesparend sein müssen. Die Umsetzung ist nicht so strikt wie in Europa und wurde oft umgangen. Aber zumindest 55 bis 60 Prozent der neuen Gebäude werden tatsächlich energiesparend gebaut. Auch alte Gebäude sanieren wir nach und nach energiesparend. Das ist eine enorme, aber langsame Veränderung. Im Westen wird oft vergessen: Wir sind trotz der Größe unseres Landes heute weiter als Japan oder Südkorea.

Standard: Wie sieht es bei der Solarenergie aus?

Ming: 2010 haben wir 80 Prozent der weltweiten erzeugten Solarenergie in China auf einer Fläche von 49 Millionen Quadratmetern hergestellt.

Standard: Gibt China nach Fukushima die Kernenergie auf?

Ming: Atomenergie ist auch in China unpopulär geworden. Auch wenn es da keine offiziellen Grundsatzentscheidungen gibt wie in Deutschland, wurden alle neuen Atomenergieprojekte auf Eis gelegt. Angefangene Projekte werden nicht weitergebaut. Das ist vorläufig, aber ich glaube, wir sind auf dem Weg zum Ausstieg. Auch wenn Atomenergie das Klima nicht belastet, sie ist einfach zu gefährlich.

Standard: Der deutsche Umweltminister Norbert Röttgen hat beim UN-Klimagipfel Chinas Klimapolitik heftig kritisiert. Zu Recht?

Ming: Ohne Frage müssen auch wir schneller handeln. Der Übergang zu erneuerbaren Energien dauert weltweit zu lange. Aber den Fokus auf China als Buhmann zu legen, ist falsch. Ich empfinde seine Kritik als etwas ignorant. Im Westen wird immer wieder vergessen, wie neu unser Aufschwung ist, wie groß unser Land ist und wie lange die Dinge deshalb brauchen. Exaußenminister Joschka Fischer sagte einmal sehr treffend: "Wir haben nicht das Recht, Menschen in Entwicklungsländern das Streben nach einem guten Leben übelzunehmen oder gar zu verbieten." Unter Berücksichtigung dieses Kontexts sind wir schon weiter gekommen, als es anderen Nationen möglich gewesen wäre, auch denen der sogenannten Ersten Welt. (André Anwar/DER STANDARD, Printausgabe, 10./11. 12. 2011)

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12 Postings
Adam Markus
00
10.12.2011, 21:21

Gerade in Österreich sollten wir ganz leise sein wenn es um die Kritik an Umweltsündern geht.

Weil groß reden können unsere Politiker, aber in Wahrheit haben wir die Kyoto Ziele auch weit verfehlt und denken noch nicht einmal daran der Schwerindustrie in puncto Luftverpestung Einhalt zu Gebieten.

FrühpensionsTschuschnLesbenHausfrau
00
10.12.2011, 20:35
Es wäre sehr schade

wenn China sich von der Atomenergie abwenden würde, waren es doch gerade die Chinesen, die vor der Fukushima-Katastrophe mit ihren Ideen zum thoriumbasierten Flüssigsalzreaktor Hoffnung erweckt haben.

Hardcoreboson
00
10.12.2011, 21:30
also salzschmelzreaktoren

sind eine schon relativ alte (aber gute) idee. jetzt nicht in dem sinn von den chinesen...

FrühpensionsTschuschnLesbenHausfrau
00
10.12.2011, 21:48
Naja

Edison hat ja auch nicht die Glühbirne erfunden, sondern 'nur' (zugegebenerweise ziemlich genial) verbessert, trotzdem lernt man in der Schule, dass er es war. Falls es den Chinesen gelingt, die erste industrietaugliche Anlage zu bauen, wer glauben sie wird in 100 Jahren in den Geschichtsbüchern als Erfinder zu lesen sein ;)

molekühl
02
10.12.2011, 13:56

"2010 haben wir 80 Prozent der weltweiten erzeugten Solarenergie in China auf einer Fläche von 49 Millionen Quadratmetern hergestellt."
Das ist entweder missverständlich oder grob falsch. "80% weltweit aus 49 Mio m2" kann weder für Strom noch Wärme stimmen.
Bei Solarstrom ist China jedenfalls in erster Linie Exporteur von Modulen, die installierte Leistung liegt (Anteil an Weltproduktion) im niedrigen einstelligen Prozentbereich. Selbst bei Solarthermie scheint mir der Wert viel zu hoch.

Im Ernst: die genannte Zahl ist dermaßen unwahrscheinlich, dass sie einem schon auffallen sollte und man sie ruhig noch einmal gegenchecken könnte, bevor man das Interview veröffentlicht.

a li
00
11.12.2011, 02:05

Ich kann die zahl weder veri- noch falsifizieren. Fest steht aber, dass in China auf den meisten Haeusern Sonnenkollektoren zur Warmwasseraufbereitung stehen und da kommen schon viele m2 zusammen.

NONE
03
10.12.2011, 11:17

Die Chinesen sind schlau. Die machen beides - alte Energie und kombinieren es mit neuer Energie.

Schon jetzt sind die Chinesen global führend beim Ausbau der erneuerbaren Energie. Und das wird sich verstärken.

Ich sage es immer wieder - wenn die Chinesen so weitermachen haben sie sogar die Todesstrafe noch vor den USA abgeschafft.

Die Frage im Energiesektor ist nicht wieso die EU nicht mehr subventioniert.

Die Frage ist wieso EU "Politiker" uns systematisch verraten. DAS ist die eigentlich wichtige Frage.

Der Sinomarxismus hat sich adaptiert und funktioniert bald besser als unser verblödetes System indirekter Demokratie, wo korrupte Personen die Menschen kontrollieren.

catfish eyes
00
10.12.2011, 06:28

Vielen Dank für das Interview!
(Es ist so schwer, Stimmen aus Ostasien in europäischen Medien zu vernehmen.)

Der Kluge
02
10.12.2011, 02:57

2010 haben wir 80 Prozent der weltweiten erzeugten Solarenergie in China auf einer Fläche von 49 Millionen Quadratmetern hergestellt.

__________

Während Europa die private Nutzung von Solarenergie fördert, wird in China die Produktion subventioniert.

Die Folge: China wird Marktführer.

andkos
00
10.12.2011, 23:48
das ist so nicht richtig

deutschland hat mit dem erneuerbare energien gesetz den weg vorgezeigt und hat weltweit die führung übernommen! eine komplett inkompente regierung hat diesen weg teilweise zerschlagen und im selben zeitraum haben andere regierungen erfolgreich kernpunkte des EEG übernommen

es ist einfach nur peinlich, china ist bei wind, photovoltaik und wärmeerzeugung aus erneuerbaren energiequellen führend und wird dennoch laufend kritisiert! bei uns ist um ein vielfaches mehr kapital zur verfügung und wird bringen nur sehr wenig auf die reihe damit

btw. ja, der atomausstieg chinas ist so gut wie sicher, aber das verschweigen die meisten medien! warum steigen sie aus? china kann rechnen! die kosten eines akws sind wahnwitzig!

Coleman Silk
00
11.12.2011, 15:48

endlich mal ein/er der weiß wovon sie/er schreibt.

und nicht zu vergessen: der co2 austoß eines akws ist, betrachtet man den gesamten lebenszyklus, ebenfalls rießig und durchaus mit fossilen verbrennungskraftwerken vergleichbar.

akws wachsen leider nicht auf der grünen wiese und sie verotten am ende irhres lebens auch nicht einfach.
china rechnet einfach alle kosten ein - eh klar, muß ja auch alle das land zahlen. nicht so wie bei uns, wo einen großteil der kosten der steuerzahler zahlt und die gewinne die unternehmen bekommen.

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