Proteste auf Klimakonferenz

Hoffen, Bangen, Frust in Durban

Martina Schwikowski, 9. Dezember 2011, 17:41

Bei den Uno-Verhandlungen besteht die Aussicht auf ein leeres, unverbindliches Klimaabkommen

Nur wenige Stunden vor dem Ende des Klimagipfels in Durban kam es am Freitagnachmittag zu Protesten in den Hallen des Internationalen Konferenzzentrums. Umweltschützer standen Seite an Seite mit Delegierten der am meisten vom Klimawandel betroffenen Länder vor den Plenarsälen, in denen noch nach Lösungen für ein gemeinsames Dokument zum Klimaschutz gestritten wurde. Die Aktivisten forderten die seit zwei Wochen in Durban versammelten Vertreter der Nationen auf, jetzt kein Todesurteil zu unterzeichnen. Sie sangen südafrikanische Friedenslieder und riefen: "Hört auf die Menschen, nicht die Verschmutzer!"

Durban droht am Widerstand der USA und der Basic-Staaten wie China und Indien zu scheitern. Sie machten in der vorigen Nacht klar, dass sie bis 2020 keine neuen Vereinbarungen wollen, und lassen offen, wie es danach weitergehen soll. Eine mögliche Einigung, die echten Klimaschutzaktionen bis 2020 aufzuschieben, sei ein Todesurteil für Millionen Menschen in Afrika und weltweit, warnen die Aktivisten. In den vergangenen zwei Tagen haben mehr als 700.000 Menschen Petitionen unterzeichnet und mit zivilgesellschaftlichen Organisationen gefordert, die afrikanischen Staaten zu unterstützen, die am meisten unter dem vorangeschrittenen Klimawandel leiden.

Es ist ein letzter Versuch, gehört zu werden, bevor der Vorhang in Durban fällt. Doch eigentlich haben die Klimaschützer den Gipfel der Vereinten Nationen in Durban schon abgeschrieben. "COP17= 200 Millionen Klimatote" stand auf Aufklebern, die sie überall auf dem Konferenzgelände angebracht hatten. Das Durban-Mandat ist ein schrecklicher Deal", heißt es zur Begründung: "Das Kioto-Protokoll ist tot. Das einzige bindende internationale Abkommen zum Klimaschutz ist ausgehöhlt worden - ohne Ersatz. Der Welt steht ein durchschnittlicher Temperaturanstieg von mindestens vier Grad bevor. Hunderte Millionen Menschen auf der ganzen Welt sind zu Hunger, Durst, Unsicherheit, Vertreibung und Tod verurteilt worden."

Die Aktivisten beschrieben ein befürchtetes Szenario, denn auch die EU hatte sich morgens pessimistisch geäußert: "No Deal" - fasste EU-Kommissarin Connie Hedegaard den Verhandlungsstand zusammen. Wenn sich China und Indien nicht bewegen, werde es keinen Klimafonds und keine zweite Verpflichtungsperiode für das Kiotoprotokoll geben. China hatte Mitte der Woche signalisiert, ab 2020 Verpflichtungen einzugehen.

Greenpeace lobt die EU-Haltung, denn man will kein Pseudopapier: Es liege jetzt an der EU sowie den vom Klimawandel am meisten betroffenen Staaten wie den Inselstaaten und den "least developed countries", der Welt zu zeigen, wer für ein mögliches Scheitern des globalen Klimaprozesses verantwortlich ist. "Keine Entscheidung wäre besser, als ein Pseudoabkommen zu schließen, das nach außen einen Konsens vorgaukelt, innen aber völlig leer ist und uns in eine Welt von vier bis sechs Grad Erwärmung führt", erklärte Martin Kaiser, Leiter der internationalen Klimapolitik der Umweltschutzorganisation.

Neue Allianzen

In der Nacht zuvor hatte es Hoffnung gegeben. Die Allianz der Basic-Staaten war aufgebrochen: Brasilien, Südafrika, Indien und China gingen auseinander und die Gruppe der afrikanischen Staaten, die Gruppe der am wenigsten entwickelten Länder (LDC) und die Allianz der kleinen Inselstaaten (Aosis) wollten ab sofort mit der EU für ein gemeinsames Ziel streiten, nämlich die Erwärmung der Erde unter zwei Grad zu halten, die zweite Verpflichtungsperiode für das Kioto-Protokoll und das Verhandlungsmandat für ein neues Klimaabkommen, das alle Staaten mit Reduktionspflichten belegt. Aber Freitagabend ging es noch in die heiße Phase der Verhandlungen.

Für die meisten Entwicklungsländer ist eine Einigung über die langfristige Finanzierung des Grünen Klimafonds ein zentraler Bestandteil für den Abschluss in Durban. Der Fonds war bei der Klimakonferenz in Cancún beschlossen worden, aber die USA und Saudi-Arabien eröffneten die Diskussion in Durban neu. Woher - nach einigen Anschubfinanzierungen der Industrieländer sowie einer Abgabe auf Transport - die anvisierten 100 Milliarden US-Dollar (75 Mrd. Euro ) pro Jahr ab 2020 kommen sollen, mit denen Klimaschutzprojekte und eine grünere Wirtschaft in Entwicklungsländern finanziert würden, blieb offen. Die EU versprach, 40 Millionen Dollar einzuzahlen, Dänemark 15 Millionen Dollar. (Martina Schwikowski, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 10./11.12.2011)

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