"Oper darf kein Museum sein!"

Gespräch9. Dezember 2011, 18:12
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In Leos Janáceks Oper "Aus einem Totenhaus", die am Sonntag in der Staatsoper Premiere hat, singt Christopher Maltman die Rolle des Schischkoff

Der britische Bariton schätzt schwierige Figuren wie diese.

Wien - Es ist alles andere als eine gewöhnliche Opernpartie, die Christopher Maltman ab Sonntag an der Wiener Staatsoper verkörpert: "Erst im dritten Akt platzt Schischkoff plötzlich herein. Vorher ist er nicht vorgekommen; es gibt keinerlei Erklärung dafür, wo er herkommt. Schließlich erzählt er selbst, wer er ist und warum er überhaupt da ist. "

Die ganze letzte Oper Leos Janáèeks fällt aus dem Rahmen gängiger Werke. Dem Bariton selbst kam, wie er schildert, Aus einem Totenhaus zunächst fremd vor: "Als ich das Stück zum ersten Mal gesehen habe, habe ich überhaupt nicht verstanden, worum es überhaupt geht. Es gibt eigentlich keine Story" - bis auf die Rahmenhandlung, in der ein gewisser Gorjantschikow in das sibirische Gefangenenlager eingeliefert wird und am Ende wieder freikommt.

"Wenn jemand einfach mit der Erwartung einer guten Geschichte in diese Oper kommt, liegt er völlig falsch. Eigentlich ist es eine psychologische Studie über menschliche Wesen, über ihre Motivationen zu handeln, und darüber, wie ganz normale Menschen unter bestimmten Umständen dazu gebracht werden können, schreckliche Dinge zu tun."

So war das auch bei Schischkoff: "Eigentlich ist er nur ein schwacher Charakter. Aber weil etwas in seinem Leben danebengegangen ist, hat er seine Frau ermordet. Wenn die Dinge anders gelaufen wären, würde er immer noch auf seinem Bauernhof sitzen und Kartoffeln pflanzen."

Flexibler Biochemiker

Diesen gebrochenen Charakter darzustellen, empfindet der 1970 geborene Brite allerdings nicht schwieriger als andere Opernpartien: "Es ist sogar relativ leicht, weil man sich ganz auf diese Rolle konzentrieren kann. Er öffnet seinen Mund erst im dritten Akt und macht ihn in den nächsten zwanzig Minuten überhaupt nicht mehr zu. Aber in der ganzen übrigen Oper hat er nichts mehr zu singen. Daher kann ich es dem Regisseur (Peter Konwitschny, Anm.) überlassen zu zeigen, wie er mit dem Rest zusammenhängt."

Dabei liebt es Maltman, sich in schwierige Charaktere hineinzudenken: "Ich versuche mich den psychologischen Seiten der Personen, die ich darstelle, so intensiv zu widmen, wie es nur geht. Ohne emotional zu investieren, wäre Oper leer. Sie darf kein Museum sein, daher muss man sie immer wieder neu erfinden - das heißt natürlich nicht, sie zu zerstören, sondern neue Perspektiven auf sie zu finden."

Dabei kommt Maltman, der zunächst einen Abschluss in Biochemie gemacht hat und erst mit 22 Jahren an die Royal Academy of Music kam, um Gesang zu studieren, wohl seine grundsätzliche Vielseitigkeit zugute. Am Anfang seiner Karriere ist er besonders mit dem Liedrepertoire hervorgetreten: "Diese Erfahrungen helfen mit bei allem anderen, was ich singe. Bei Liederabenden ist man völlig nackt, es ist die reinste Form des Singens, bei der man sich überhaupt nicht verstecken kann. Wenn man stimmlich nicht in guter Verfassung ist, kann man kaum einen guten Liederabend singen."

Angesprochen auf sein breites Repertoire, das von Barockmusik bis in die Gegenwart reicht, lacht Maltman: "Es hat mir immer Spaß gemacht, die Leute zu verwirren. Nein: Als junger Sänger muss man ganz verschiedene Dinge machen, um Geld zu verdienen. Das mag nicht sehr romantisch oder anregend klingen, aber so ist das gelaufen. Seit einiger Zeit bin ich aber glücklicherweise in der Lage auszuwählen." Währenddessen zeichnet sich nun eine Verschiebung in seinem Repertoire ab, das bisher vor allem von Mozart-Rollen geprägt war, etwa seinem fulminanten Don Giovanni: "Barock oder frühe Klassik wird wahrscheinlich in Zukunft keine allzu große Rolle mehr spielen. Dafür kommt in nächster Zeit viel italienisches Repertoire, etwa der Jago, Macbeth oder Simon Boccanegra."

Ein besonderes Interesse hat der Sänger schließlich auch für das 20. und 21. Jahrhundert: "Ich versuche so offen wie möglich zu bleiben", sagt Maltman, "Ich würde nie etwas ausschließen, weil es aus dem falschen Jahrhundert kommt. Denn es gehört für jeden Künstler zum Wichtigsten, flexibel zu bleiben." (Daniel Ender, DER STANDARD - Printausgabe, 10./11. Dezember 2011)

Staatsoper, Premiere: 11. 12., weitere Termine: 14., 18., 27., 30. 12.

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    Plädoyer für intensives emotionales Engagement auf der Bühne: der Bariton Christopher Maltman.

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