Zum Upgrade nach London

9. Dezember 2011, 18:38
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Vom lukrativen Wandel zur Trouvaille profitiert meist nur ein kleiner Kreis - Die ursprünglichen Besitzer gehören nur in Ausnahmefällen dazu

Es war ein Kuckuckskind jener Güte, der selbst Experten der Auktionsbranche nicht alle Tage begegnen: das Porträt eines Glatzköpfigen mit Gitzibart, das zusammen mit anderen Gemälden in der Bonhams-Niederlassung in Oxford eingeliefert worden war, jedoch ob seiner Güte hervorstach. Also überantwortete man das Bild den Kollegen in der Londoner Hauptniederlassung, die ihrerseits detaillierte Untersuchungen veranlassten.

Einige Monate und Analysen später war die Sensation perfekt: Niemand geringerer als Diego Velásquez habe dieses Porträt gemalt. Mittwoch dieser Woche gelangte es im Zuge der Londoner Altmeistersause bei Bonhams zur Versteigerung und wechselte für rund 3,5 Millionen Euro in den Besitz Otto Naumanns. Dabei wäre der New Yorker Altmeisterhändler mehr als das Doppelte zu zahlen bereit gewesen. Womöglich hatten sich andere von der stark vergilbten Firnisschicht abschrecken lassen. Er werde das Bild davon befreien lassen, um es anschließend mit Gewinn zu verkaufen, wie er gegenüber Bloomberg unumwunden zugab.

Auf den ersten Blick bedienen solche Episoden die klassische Sehnsucht nach verheißungsvollen Schnäppchen, die sich als lukrative Trouvaillen entpuppen. Dass dabei andere auf der Strecke bleiben können, liegt in der Natur der Sache und lässt sich mit Pech nur unzureichend beschreiben. Etwa im Falle jener Dame, die einem Augsburger Auktionshaus einen Teppich übergeben hatte, der dort mit einer Taxe von 900 Euro aufgerufen und schließlich für 19.700 Euro versteigert wurde.

Bloß, der Käufer verdiente sich kurze Zeit später als Einbringer an dem von Christie's-Experten schließlich als seltener Vasen- Kirman identifizierten Knüpfwerk ein wahrhaft goldenes Näschen: Erst bei 7,03 Millionen Euro erteilte das Auktionshaus im April 2010 den Zuschlag. Seit dieser Woche beschäftigt der teuerste Teppich der Welt deshalb das Gericht.

Beschreibung oder Forschung

Die Klägerin sieht sich um eine erhebliche Geldsumme gebracht und fordert vom Inhaber des Augsburger Auktionshauses zumindest 330.000 Euro. Ob diese Causa mit einem Vergleich endet, wird weniger vom Nachweis verletzter Sorgfaltspflichten abhängen als vom Interpretationsspielraum der Geschäftsbedingungen, mit denen sich die Versteigerer in der Regel absichern.

Ein Teil dieses Problems dürfte, wie auch andere Fälle belegen, in der unterschiedlichen Arbeitsweise der Auktionshäuser beheimatet sein: In Österreich und Deutschland konzentriere man sich höchstens auf präzise Beschreibungen der überantworteten Kunstwerke, hier ist aktive Forschung nicht Teil der Unternehmensphilosophie, fasst Johann Kräftner seine Erfahrungswerte als Chefeinkäufer Fürst Hans-Adams II. von Liechtenstein zusammen. Und das erklärt wiederum, warum solche um Recherchen oder technologische Analysen angereicherten Upgrades meist in London oder New York über die Bühne gehen. Nicht immer zur Freude der Vorbesitzer, die von dieser Aufwertung nicht mehr profitieren, wie ein weiteres Beispiel zeigt, das diese Woche die Kunstöffentlichkeit beschäftigte.

Im Frühjahr 2007 hatten die Nachfahren des Wiener Bankiers, Unternehmers und Schriftstellers Richard Kola (1872-1939) dem Dorotheum ein Bildnis zum Verkauf überlassen. Am 1. Jänner 1924 hatte Kola das Porträt Papst Julius' II. für 420 Millionen Kronen erworben, worüber damals auch das Neue Wiener Tagblatt unter dem Titel "Ein unbekannter Raffael in Wien" berichtete, wie man auch im Altmeisterkatalog zur Auktion am 19. Juni 2007 anführte.

"Das vorliegende Porträt geht auf ein früher Raphael zugeschriebenes Bildnis zurück, von dem mehrere Repliken existieren. Es galt in der jüngeren Vergangenheit als eigenhändiges Werk von Raphael oder Sebastiano del Piombo", informierte das Dorotheum, deklarierte das Bildnis als "Nachahmer" und taxierte es auf 8000 bis 12.000 Euro. Am Tag der Auktion blieb es unverkauft, erst im Nachverkauf sollte es eine neue Heimat finden. Auf Anfrage will das Dorotheum den Preis nicht bekanntgeben, vermutlich dürften die Kola-Erben um die 11.000 Euro erhalten haben. Dem Vernehmen nach erwarb ein auf Altmeister spezialisierter Händler aus Deutschland das Bildnis, der es, (wohl steuerschonend) als Privatsammler deklariert, 2010 mit ordentlichem Profit an das Frankfurter Städel verkaufte.

Im Vorfeld der Neuaufstellung des Altmeisterbestands verlautbarte das Museum jetzt den Erwerb des nunmehr "Raffael und Werkstatt" zugeordneten Werks. Eingehenden kunsthistorischen und technologischen Analysen zufolge handle es sich um ein Bild, das etwa 1511/12 in der Werkstatt Raffaels unter eigenhändiger Beteiligung des Künstlers entstanden sein soll. Dazu soll es im Bildfindungsprozess der bislang von der Fachwelt anerkannten Fassungen in der National Gallery (London) sowie jener in den Uffizien (Florenz) eine wesentliche Rolle gespielt haben.

Und während sich die Fachwelt in den nächsten Wochen über diese neue und als strittig geltende Theorie ereifert, rätseln andere über den Kaufpreis. Auf Anfrage betont Sprecherin Dorothea Apovnik lediglich, der Betrag soll deutlich unter dem Marktwert gelegen haben. Nur, einen solchen gab es für "Raffael und Werkstatt" genau genommen nicht, er liegt in jener Preisklasse verborgen, die jemand auf dem freien Markt zu zahlen bereit wäre. Also ein sieben- oder achtstelliger Betrag? Sorry, man habe Stillschweigen vereinbart. Kategorie Holbein-Madonna und damit um die 40 Millionen? Kein Kommentar. (Olga Kronsteiner, DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 10./11. Dezember 2011)

  • 2007 im Dorotheum als "Nachahmer" verkauft, wurde das Bildnis Papst Julius II. als "Raffael und Werkstatt" vom Frankfurter Städelmuseum für einen unbekannten Betrag erworben.
    foto: städel museum

    2007 im Dorotheum als "Nachahmer" verkauft, wurde das Bildnis Papst Julius II. als "Raffael und Werkstatt" vom Frankfurter Städelmuseum für einen unbekannten Betrag erworben.

  • Infrarot-Reflektographie des Bildes.
    foto: städel museum

    Infrarot-Reflektographie des Bildes.

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