Dankesrede: Heute hier, morgen dort

9. Dezember 2011, 18:20
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Feier des Flüchtigen: Folgender Text basiert auf der Dankesrede, die Arno Geiger anlässlich des an ihn vergebenen Johann-Beer-Preises am 6. Dezember in Linz hielt

In den Romanen Johann Beers werden die Menschen selten alt, das ist Teil des Realistischen in den Büchern dieses Autors. Den Männern wird das Leben verkürzt durch das Zanken der Ehefrauen, den Ehefrauen durch die Schläge der Männer. Es wird im Krieg gestorben durch Spieße und Kartätschen oder weil einer zu nah an die Ehefrau des andern gegangen ist. Manchmal liegt die Schuld am frühzeitigen Ableben der gutgläubigen Christen bei den Ärzten. Im siebzehnten Jahrhundert wurden zum Ausgleich zwischen den zankenden Eheleuten zuweilen Bluttransfusionen durchgeführt, dem melancholischen Mann verabreichte man Blut der lebensfrohen Gattin und umgekehrt; nur dass die Patienten die Behandlung selten überlebten.

Bei Johann Beer erfährt man bei aufmerksamer Lektüre auch, woher das Wort radebrechen stammt: in Jucundus Jucundissimus stirbt ein Student, der seine Frau mit dem Schnupftuch erwürgt hat, durch Radebrechen. Mit anderen Worten: ihm werden unter dem Rad die Knochen gebrochen. Vom Knochenbrechen unterm Rad, dem Radebrechen, komme ich zur Literatur. Worte brechen keine Knochen, heißt es. Eine Meinung, die ich persönlich nicht teile. Wörter haben Macht zum Leben und zum Tod.

Es gibt drei Berufsgruppen, die es ganz besonders mit dem Tod haben: Priester, medizinisches Personal und Schriftsteller. Das Wissen um den Tod und die Angst vor dem Tod treibt diesen Berufsgruppen ihre Klientel zu. Priester, medizinisches Personal und Schriftsteller sind auch diejenigen, die im besten Fall etwas vom Tod verstehen. Wenn einer es mit dem Tod hat, halte ich es mit ihm.

Im Barock war der Tod allgegenwärtig. Gegenwehr leisteten die Menschen, indem sie die strikte Endlichkeit des menschlichen Erdenlebens zelebrierten und dem Tod herausfordernd ins Auge sahen. Bei Johann Beer liest man allerorts von der beständigen Unbeständigkeit des Lebens und vom allen Menschen drohenden Ende. In unserer heutigen Gesellschaft sind Gebrechlichkeit, Hilflosigkeit und Endlichkeit in vielen Lebensentwürfen ausgeblendet - so lange, bis sich die Realität mit Macht zu Wort meldet. Dann ist das Staunen derer, die sich klüger meinten als das Leben, um so größer, und die Fassungslosigkeit bleibt ihnen ins Gesicht geschrieben bis zuletzt.

Doch wer die Niederlage des Alters und die Niederlage des Sterbens nicht ertragen kann, kann auch das Leben nicht ertragen.

Der Tod wird in unserer Gesellschaft oft dargestellt, als wäre er eine Art Versagen seitens des Individuums - als ob trauriger- und unglücklicherweise er oder sie den Tod nicht kommen gesehen und sich deshalb nicht rechtzeitig weggeduckt hat. Und das Leben wird als Leistung angesehen, als wäre es ein prinzipielles Verdienst, noch da zu sein. Die, die der Tod ereilt hat, haben das Unglück eben nicht oder zu spät auf sich zukommen gesehen. Der Tod als Versagen. Das Leben als Erfolg. Im krassen Gegensatz zum Barock des Johann Beer, das zwanghaft mit dem Tod beschäftigt und eingeschüchtert war von der Sexualität der Menschen, feiert unsere Gesellschaft das Vitale und Ephemere und versucht dergestalt zu verbergen, dass es eine Notwendigkeit gibt, über die Endlichkeit des Alltäglichen nachzudenken. Mit der Feier des Flüchtigen versuchen wir, unsere Angst vor dem Tod in Schach zu halten. Eine oft zu beobachtende Haltung dem Tod gegenüber - als einem Betriebsfehler auf dem Weg zur Unsterblichkeit.

Auch Johann Beer hat sich, so gesehen, nicht rechtzeitig weggeduckt. Im Jahre 1700 wurde er von einer verirrten Kugel bei einem Jagdunfall aus dem Leben gerissen. Rasch tritt der Tod an den Menschen heran. Ein Marterl-Spruch in Oberalm bei Hallein, der an einen ähnlichen Jagdunfall erinnert, könnte von Johann Beer geschrieben worden sein:

Hier liegt der Förster Rupert Huß,

Er starb an einem Büchsenschuss,

Der auf der Jagd von Ohngefähr

Ihn hat getroffen folgenschwer.

Zum Glück konnt man ihn noch versehen:

Gott lass ihn fröhlich auferstehen!

Ich nannt ihn oben Rupert Huß,

Um hinzuweisen auf den Schuss,

Doch hieß er in der Tat Franz Leim,

Das aber passte nicht zum Reim.

Was hätt' ich mit dem Leim gemacht?

Wie hätt' den Schuss ich angebracht?

An dem er doch verschieden ist

Als Jägersmann und guter Christ.

Ob Johann Beer ein guter Christ war, weiß ich nicht. Dass er ein hervorragender Schriftsteller war, weiß ich seit gut 15 Jahren. Meinem ersten Roman Kleine Schule des Karussellfahrens wollte ich ursprünglich ein Motto aus Johann Beers Abenteuerlichem Jan Rebhu voranstellen: "Heute sind wir fröhlich, morgen traurig; heute vergnügt, morgen krank; heute da, morgen dort, und so fort." (DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 10./11. Dezember 2011)

Laudatio von Karin Fleischanderl auf Arno Geiger

Die ehrlichste Weise, sich mit Krankheit auseinanderzusetzen, und die gesündeste Art, krank zu sein, heißt es in Susan Sontags berühmten Essay Krankheit als Metapher, bestünde darin, sich so weit wie möglich von metaphorischem Denken zu lösen, ihm größtmöglichen Widerstand entgegenzusetzen. 

Zweifellos ist jedem Patienten und auch jedem Angehörigen geholfen, Krankheit als objektive Realität und nicht als eine mit einem geheimen Sinn aufgeladene Botschaft zu begreifen, in der Literatur hingegen schlägt sich der Mangel an wissenschaftlichem Denken als Plus zu Buche. 

Der Begriff der Krankheit, der ohne den Begriff der Gesundheit nicht zu denken ist, hat ja - außerhalb der Medizin - wenig mit der Beschreibung eines objektiven Zustand zu tun. Beide Begriffe, gesund und krank, sind Teile eines normativen Wertesystems, mit dem eine Gesellschaft oder auch einzelne etwas als normal oder nicht normal bezeichnen.

Gerade von Schriftstellern und Künstlern wurde immer wieder versucht, das Positive, Schöne und Wahre im Kranken zu entdecken. Während die Klassiker die Ideale der Aufklärung und eine Ästhetik der Harmonie und Ausgewogenheit befürworteten, begeisterte sich die Romantik ausdrücklich für das Irrationale, Emotionale, Andersartige, Dunkle.

Die Kunst der Moderne wurde nicht nur von außen pathologisiert, sondern hat sich tatsächlich für das Kranke, Morbide, das Abweichende und den Normverstoß interessiert. Einen vorläufig letzten Impuls in diese Richtung hat die Literatur wahrscheinlich mit der antiautoritären 68er Bewegung und danach erfahren, als Gesellschaft schlechthin als krankmachend empfunden wurde.

Adolf Muschg etwa sprach vom Kunstwerk Krankheit und Heinar Kipphart fragte sich im "März", dem Roman über einen Schizophrenen: "Heißt denn verrückt krank? Wahnsinn muss nicht Zusammenbruch sein, Wahnsinn kann der Durchbruch zu sich sein."

Unabdingbare Voraussetzung für die Verallgemeinerung oder Metaphorisierung der Krankheit scheint jedoch zu sein, dass es sich um geheimnisvolle und im Grunde unbehandelbare oder um nicht in jedem Fall beahndelbare und heilbare Krankheiten handelt. 

Susan Sontag beschreibt in dem bereits erwähnten Essay die Metaphern, die sich um die großen Geißeln der Menschheit im 19. Und 20. Jahrhundert, TBC und Krebs, ranken. Harmlose, banale Krankheiten wie Diabetes, Asthma oder Rheuma hingegen sind kein Thema für die Literatur. Auch fällt mir kein Autor ein, der sich dem Thema Herz-Kreislaufkrankheiten gewidmet hätte. Schlaganfälle, Infarkte und Thrombosen eignen sich offenbar nicht so sehr zur Metaphorisierung. 

An dieser Stelle möchte ich jedoch feststellen, dass es verschiedene Arten gibt, sich literarisch mit dem Phänomen Krankheit auseinanderzusetzen. Zweifellos gibt es jede Menge Erfahrungsberichte, die sich mit der Krankheit auf realistische Weise auseinandersetzen, die beschreiben, mit welchen Symptomen, mit welchen Verfallserscheinungen sie einhergeht, ohne sie zu Träger einer verborgenen Wahrheit zu machen, darunter auch Erfahrungsberichte auf hohem literarischen Niveau, wie zum Beispiel die Romane von Philipp Roth, in denen es immer wieder um Prostatakrebs geht, oder von Hervé Guibert, der die eigene tödliche Aidserkrankung beschreibt.

Aber darum geht es mir hier nicht so sehr, sondern vielmehr darum, welche Bilder und Phantasien von gewissen Krankheiten ausgelöst werden. So galt TBC lange als die Krankheit der Ruhelosen und Sinnlichen, der Frauen und Künstler, von der es hieß, sie vergeistige und verflüssige, entmaterialisiere den Körper. Die interessanten Schwindsüchtigen in der Literatur, von Dumas' Kameliendame bis zu den Insassen von Thomas Manns Zauberberg, sind Legion, und zweifellos sind sie den banalen und vulgären Normalsterblichen bei weitem überlegen.

Krebs hingegen galt und gilt zuweilen noch immer als Krankheit unterdrückter Leidenschaft, die angeblich all jene befalle, die sexuell unterdrückt, gehemmt, unspontan sind und unfähig, ihre Aggressionen auszuleben - ein Urteil, zu dem nicht unwesentlich auch Wilhelm Reich mit seiner "Charakteranalyse" beigetragen hat. Krebs gilt als Krankheit des verfehlten Lebens, nicht ausgedrückter Kreativität, unterdrückter Wünsche. In dem Anfang der 80er Jahre des vorigen Jahrhundert erschienen Roman „Mars" des Schweizer Autors Fritz Zorn heißt es bezeichnenderweise: "Ich finde, jedermann, der sein ganzes Leben lang lieb und brav gewesen ist, verdient es nicht anders, als dass er Krebs bekommt. Es ist nur die gerechte Strafe dafür."

Und der amerikanische Autor Norman Mailer, der seine Frau mit dem Messer attackierte, rechtfertigte seine Tat damit, er habe zum Messer gegriffen, damit er später nicht einmal an Krebs erkranke.
Somit stellt sich die Frage, mit welcher Wirklichkeit die Alzheimerkrankheit, um die es in Arno Geigers Buch "Der alte König in seinem Exil" geht, in Zusammenhang gebracht wird. Alzheimer ist zwar keine ungeklärte, aber doch mehr oder weniger unbehandelbare Krankheit, und da sie erst seit relativ kurzer Zeit massiv in Erscheinung tritt, hat sie auch noch kein eigenes Genre begründet, das man als Referenz heranziehen könnte. Nur Margit Schreiner spricht in "Nackte Väter" von der Demenzerkrankung ihres Vaters.

Ich würde sagen, dass Alzheimer von allen die am meisten "poetische" Krankheit ist, und aus dieser Tatsache schlägt Arno Geiger literarisches Kapital. Der Wegfall von Vernunft und Verstand infolge von Demenz oder Wahn beschert uns all jene Phänomene, die die Literatur willentlich erzeugt: Komik und Poesie, Witz, sorgt für Belustigung aber auch Beunruhigung. 

Niemand würde heutzutage wahrscheinlich noch so weit gehen wie einst Heinar Kipphard und behaupten, der Wahnsinn sei der Durchbruch zum wahren Ich, und doch sorgt die sinnentleerte Rede zumeist für einen kurzen Moment der Verunsicherung, der Erschütterung, die wir nicht undankbar hinnehmen, weil sich darin ein kleiner Blitz der Erkenntnis auftut, eine verborgene Wahrheit, mit der auseinanderzusetzen wir uns gezwungen fühlen. Im Kalauer, in der zufälligen Begegnung von Wörtern, sahen die Griechen immerhin die Stimme der Götter.

„Aus zwei verschiedenen Bedeutungen eine dritte, unerwartete und überraschend Bedeutung zu schaffen", schreibt Alberto Savinio, "erhebt den Witzereißer in die Region der Metaphysik und der Mysterien. Und wer weiß, ob die Kälte, die die Zuhörer angeblichem beim Widerhall des Kalauers verspüren, nicht eine Erinnerung an jenes heilige Staunen ist, das uns eine Erinnerung an jenes heilige Staunen ist, das uns eine transzendente Tatsache verursacht."

So kann ich mich zum Beispiel noch gut an mein Staunen erinnern, als mich mein eigener demenzkranker Vater bei einem Abendessen plötzlich todernst anblickte und fragte: "Warst du eigentlich schon immer eine Bäuerin?"

Arno Geigers Buch ist einerseits autobiographischer Bericht, Reportage, er beschreibt das Fortschreiten der Krankheit, von der sein Vater betroffen ist, in realistischer Weise, und er rollt bei dieser Gelegenheit auch dessen Biografie auf und erinnert sich an die eigene Kindheit, aber sein Hauptinteresse liegt bei allem Realismus in der von der Krankheit freigesetzten Poesie, und nicht bei der Beschreibung der schmutzigen Seiten der Krankheit, die man unter Umständen aus eigener Erfahrung kennt, der Inkontinenz und der ebenfalls freigesetzten und von keinerlei Vernunft gebändigten Aggressivität und motorischen Getriebenheit. 

Sein Hauptaugenmerk gilt vielmehr der Heiterkeit und Souvernität, zu der sich sein Protagonist in seiner Not aufschwingt, zu der ihn seine Not überhaupt erst befähigt, und sein Buch ist durchsetzt mit köstlichen Vater-Sohn-Dialogen, die nicht bearbeitet, sondern eins zu eins übernommen wurden: Kleine Kostbarkeiten des absurden Humors, abgründig, poetisch und todtraurig weise, die auch von den Meistern des Genres stammen könnten, von Daniil Charms oder Karl Valentin, zum Beispiel das Zitat: "Bitte, wenn ich gestorben bin, dann sag es mir".

Aus zukünftig wird kuhzünftig, und wenn der Erzähler das Ende des Lateins bekundet, kontert der Vater, er selbst sei am Ende des Daseins.

Und so wird die Krankheit zwar in keiner Weise idealisiert, aber doch zu einem Bild der Befreiung vom Korsett der Vernunft, die - außer in der Literatur - nie gratis oder ohne Konsequenzen zu haben ist. Arno Geiger führt auf einfühlsame und eindrucksvolle Weise vor, dass die mit massiven Einschränkungen einhergehende Krankheit zu einer paradoxen Freiheit führt, dass der König sich von den Fesseln des Alltäglichen befreit hat und sich wie ein Demiurg die eigene sprachliche Realität schafft, allerdings um den Preis, sich im Exil zu befinden. (derStandard.at, 10. Dezember 2011)

 

  • Ein Mann aus Instrumenten - und Wörtern: Der Schriftsteller und 
Komponist Johann Beer (1655-1700) in einem Kupferstich.
    foto: bildarchiv hansmann

    Ein Mann aus Instrumenten - und Wörtern: Der Schriftsteller und Komponist Johann Beer (1655-1700) in einem Kupferstich.

  • "Worte brechen keine Knochen, heißt es. Eine Meinung, die ich nicht teile": Arno Geiger.
    foto: standard/heriberg corn

    "Worte brechen keine Knochen, heißt es. Eine Meinung, die ich nicht teile": Arno Geiger.

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