"Ich erwarte, dass Sie sterben, Mr. Bond"

10. Dezember 2011, 12:12
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Daniel Craig, Judy Craig und Javier Bardem drehen zwar schon den nächsten 007-Streifen, aber das wird nichts mehr - Warum es mit den Bond-Filmen aus und vorbei ist

Langsam beginnt sie sich wieder zu rühren, die Bond-Werbemaschinerie. Die Pause war ja auch gar zu lang, bei all den juristischen und finanziellen Querelen rund um MGM und EON Productions. Doch Bond 23 ist endlich auf dem Weg, Skyfall heißt er, warum auch nicht, dieser Tage laufen die Kameras, Daniel Craig meldet per Interview seine wachsende Begeisterung, ja, er ist schon ganz heiß auf den Dreh, die Medien spekulieren: Ist ein neuer "Q" dabei? Wird Javier Bardem der Bösewicht? Die neue Moneypenny ist dunkelhäutig - how shocking ...

Und mir ist das alles so was von egal. Also richtig total egal. Und das will was heißen. Immerhin bin ich lebenslanger Bond-Fan, habe alle Filme mehrfach gesehen und alle Bücher gelesen, sogar selber ein Opusculum über den Agenten Ihrer Majestät verfasst (James Bond in 60 Minuten). Warum mir Bond 23 und vermutlich auch 24 ff. egaler nicht sein könnten? Da muss ich etwas ausholen.

Meine Liebe zum filmischen Bond begann mit dem Theater am Karlstor in München. Dort gab es in meiner Schulzeit ein kleines Kellerkino, und dort liefen im wöchentlichen Wechsel die James-Bond-Filme. Zumeist in übel zerkratzten Kopien, aber alle nacheinander, von Dr. No aufwärts. In die Bücher verliebte ich mich kurz danach - und zwar hielt ich meinen ersten Ian-Fleming-Roman, eine englische Signet-Taschenbuchausgabe von Casino Royale, in einem venezianischen Palazzo in den Händen. Seit 30 Jahren habe ich so Bond die Stange gehalten, von Connery über Lazenby, Moore, Dalton und Brosnan bis zu Daniel Craig. Es gab Höhen und Tiefen, zumeist mehr Tiefen, einige echte Glanzlichter; aber jetzt ist das Ende der Fahnenstange erreicht. Was Bond von jetzt an erlebt, ist mir völlig wurscht.

Warum? Bond hat alles verlassen, was ihn ausmachte; die Optik der 60er-Jahre; nach und nach wurden alle Romane verfilmt oder zumindest verbraten, dann die Kurzgeschichten Flemings und schließlich zumindest noch ihre Titel; danach verschwanden die liebgewonnenen kleinen Rituale, die zu Bond gehörten, sein einzigartiger Charme und seine hedonistische Liebe zu luxuriösem Genuss ... irgendwann war Moneypenny fort und dann "Q" ... und jetzt starre ich in den neuesten Filmen auf "M" und Konsorten, die in kalten Design-Laboren mit dem Finger Daten über leuchtende Plasmaschirme schieben, Bond, der sich in "M"s Computer einhackt oder sich in einem leerstehenden Wüstenhotel um die wichtige Ressource Wasser prügelt (oder so ähnlich) ... und denke, so, jetzt ist es genug. Das ist ein schlechterer Mission Impossible.

Dabei schien Casino Royale (2006) bei all seinem Ikonoklasmus ein frischer Schub, Craig atmete etwas von der respektlosen Wildheit und Brutalität eines jungen Connery, und vor allem: Hier wurde noch einmal ein echter Fleming-Roman verfilmt; doch das wirre actionüberladene Quäntchen Trost danach machte mir klar, dass ich eigentlich überhaupt nicht wissen will, was diese ungeheuer geheime Organisation hinter Mr. White genau ist und wo Bond in Film Nr. 23 gegen sie antritt. Eine Weile saß dann noch der geniale Peter Morgan als Drehbuchschreiber auf dem "neuen Bond", aber das ist jetzt auch vorbei. Ich kann nur mit Gert Fröbe in Goldfinger sagen: "Ich erwarte, dass Sie sterben, Mr. Bond."

Daher mein Rat: Verschließt eure Ohren, wenn sie euch sagen, wer alles mitspielt, wenn Craig vom genialen, schockierenden Drehbuch faselt, wenn Südafrika Drehort ist etc. pp. Es ist vorbei. Und wenn der Werbedruck zu groß wird, zieht Dr. No aus dem DVD-Schrank. Oder, noch viel besser - lest die alten Bond-Romane. Da gibt es eine ganze Welt zu entdecken - die 50er-Jahre, als Männer noch Männer, Frauen noch Frauen und Benzin noch voller Blei war. Ein erfrischender Kosmos voller Vorurteile, von Reisen, köstlichem Essen von Jamaika bis zum Blades Club in London, voller Abenteuer und hinreißender, intelligenter Bondinen. Die zwölf Romane und die beiden Kurzgeschichtensammlungen sind ein echter Genuss, haben zudem nicht allzu viel mit den späteren Verfilmungen zu tun, zeigen uns etwa einen Bond, der ein Häuschen auf einem kleinen Square unweit King's Road bewohnt, mit einer schottischen Haushälterin, die über seine Lebensgewohnheiten schimpft; einen Bond, der über Routine-Schreibtischarbeit stöhnt und glücklich ist, wenn endlich der Anruf von "M"s Büro kommt und damit der neue Auftrag mit seinen Gefahren; einem Bond, der beileibe nicht der Superheld der späteren Filme ist, sondern eine Woche mit seinem getreuen Quarry trainieren muss, ehe er nachts bei Vollmond zur Insel des Bösewichts hinübertaucht.

Weil speziell die frühen deutschen Ausgaben voller Auslassungen, Übersetzungsfehler etc. sind, sollte man sich den Agenten Ihrer Majestät am allerbesten auf Englisch zu Gemüte führen: Die Signet-Taschenbücher aus den 1950ern riechen herrlich nach Moder und kosten antiquarisch fast nix, anders als die Jonathan-Cape-Sammlerausgaben mit den herrlichen Chopping-Coverdesigns. Aber es geht auch auf Deutsch, nur atmen diese Ausgaben nicht das Retro-Flair. Empfohlener Einstieg: Leben und sterben lassen, da erlebt man Ian Flemings Jamaika in aller Pracht. Oder man kauft die Kurzgeschichtensammlung For Your Eyes Only (dt.: 007 James Bond greift ein), Tod im Rückspiegel etwa oder Für Sie persönlich sind zwei absolut klassische Bonds, nur sollte man Ein Minimum an Trost erst zum Schluss lesen, das ist ein eher deprimierendes Ehedrama, bei dem Bond nur zuhört. Kurz - da wartet eine ganze Bibliothek voller "Kino im Kopf" auf neue Leser. Alles ist besser, als sich im Kino den neuesten Bond anzuschauen. Aber was tun, wenn jemand euch absolut nicht in Frieden lässt und wissen will, was ihr vom neuen Bond haltet?

Dann antwortet einfach wie Daniel Craig in Casino Royale auf die Frage des Kellners, ob er seinen Martini geschüttelt oder gerührt will: "Sehe ich aus, als ob mich das interessiert?" (Eduard Habsburg, DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 10./11. Dezember 2011)

Eduard Habsburg ist Autor und Drehbuchautor. Seine Liebeserklärung an 007, "James Bond in 60 Minuten", erschien 2008. Sein persönlicher "M" ist Bischof Klaus Küng von St. Pölten, dem er als Medienreferent dient. Anders als Bond ist Habsburg verheiratet, hat sechs Kinder und lebt nicht auf einem "square off King's Road", sondern in Niederösterreich.

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    Diesem Mann ist gleichgültig, ob er seinen Martini geschüttelt oder gerührt bekommt: Daniel Craig als James Bond.

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