Das Wall Street Journal spricht bereits die Machtübernahme durch den US-Skiverband aus, aber nicht nur der US-Alpinchef schwächt ab
Denver - Am Mittwoch fragte sich das Wall Street Journal, ob die USA das neue Österreich des Skisports sind. "Seltsame Dinge gehen in den schneebedeckten Bergen Europas und Nordamerikas vor
sich. Eine Hand voll US-Skifahrer ist dabei, den österreichischen Nationalsport
zu übernehmen", schrieb Matthew Futterman und hob dabei Siegertypen wie Lindsey Vonn, Bode Miller und Ted Ligety hervor.
Die Frage der Kadertiefe
Die Antwort bekam Futterman am Donnerstag von seinem Branchenkollegen Chris Freud auf der Webseite "Vail Daily". Der sieht zwar die selben Siegertypen, bemerkt aber auch den breiteren Kader der Österreicher und der Schweizer: "Sehen Sie sich die Startlisten an, sehr viel SUI und AUT, aber nicht sehr viel USA. Erst wenn wir dieselbe Tiefe erreichen, können wir die USA mit diesen Ski-Nationen in einem Atemzug nennen."
In der Tat kommen Österreichs Alpinskiteams als Nummer 1 in den Teamwertungen von der Nordamerika-Tournee zurück nach Europa. Bei den Herren führt Österreich mit 1303 Punkten vor der Schweiz (958), Frankreich (722) und den USA (688). Bei den Damen führt ebenfalls Österreich (1117) vor den USA (886), der Schweiz (671) und Deutschland (590). Knapp 59 Prozent der Punkte des US-Damen-Teams gehen dabei auf das Konto von Seriensiegerin Vonn. Die beste ÖSV-Dame Elisabeth Görgl zeigt sich lediglich für 26 Prozent der Punkte ihres Teams verantwortlich.
Die USA als Siegernation
Und jetzt das große Aber: In den Einzelwertungen liegt außer Aspen-Siegerin Marlies Schild im Slalom kein einziger ÖSV-Vertreter in Front. Dominierende Nation an Siegen ist eindeutig die USA, die acht der bisher 15 Saisonrennen und damit mehr als die Hälfte gewonnen haben. Sieben der acht Triumphe gehen freilich auf das Konto der beiden Seriensieger Lindsey Vonn (5) und Ted Ligety (2). Den achten Sieg steuerte Bode Miller in der Abfahrt von Beaver Creek bei.
Bei Vonn und Ligety hakte auch ÖSV-Herrenchef Mathias Berthold ein. "Beide waren schon im Vorjahr Seriensieger, Miller zeigt das eine oder andere Mal auf. Sonst sehe ich da nichts dramatisches", wollte der Vorarlberger den Sensationsstart der Amerikaner nicht überbewerten. "Die Amis sind gut, aber auch nicht so gut, wie alle tun. Wir sind auch gut", wollte Berthold festgehalten wissen. Seine Nordamerika-Bilanz fiel trotzdem durchwachsen aus. "Die Highlights waren sicher Marcel Hirscher und Hannes Reichelt. Aber die Arrivierten können mehr. Das müssen wir jetzt sofort in Gröden und Alta Badia abrufen." Den Artikel im Wall Street Journal kommentierte er leicht angesäuert: "Hochmut kommt vor dem Fall."
"Wahnsinn, dieser Anfang"
Hochzufrieden bilanzierte hingegen Bertholds Landsmann Patrick Riml. Der Tiroler ist seit diesem Jahr Alpinchef der US-Amerikaner. "Wahnsinn, dieser Anfang. Ich bin beeindruckt, wie unsere Athleten auf den Tag genau ihre Topleistungen bringen", freute sich der Söldener. Grund für die Frühform sind laut Riml zwei Dinge. "Die Stimmung in der Mannschaft ist sehr gut, zudem hatten wir ein hervorragendes Sommertraining."
Den Artikel im "WSJ" nahm Riml natürlich erfreut zur Kenntnis, schwächte aber realistisch ab: "Der Autor hat nur auf die Zahl der Siege geschaut. Wir haben mit Michaela Shiffrin, Nolan Kasper und Will Brandenburg zwar auch einige gute Junge, aber eine Dichte wie Österreich oder die Schweiz bei weitem nicht". Prinzipiell sei der Artikel für die öffentliche Anerkennung aber eine feine Sache: "Das hilft uns enorm, wenn auf diese Weise die ganze Nation erfährt, dass wir erfolgreich sind."
Speed Park in Copper Mountain
Hilfreich auf dem Weg zu einer größeren Dichte könnte dem US-Skiverband auch das kürzlich eröffnete Trainingszentrum in Copper Mountain sein. Dank 87 Schneekanonen und
Sicherheitsnetzen auf elf Kilometern Länge kann dort in punkto Sicherheit und
Schneebedingungen ein Weltcup-Rennen von 1:40 Min. Laufzeit simuliert werden. (pb/APA; derStandard.at; 9. Dezember 2011)