Ein schwer krankes Kind macht Weihnachten unter normalen Umständen unmöglich - Im Spital wird der Heilige Abend für viele Betroffene zu einem ganz besonderen Fest
„Für uns im Spital ist Weihnachten die stillste Zeit des Jahres", erzählt Ulrike Habeler, stationsführende Oberärztin im St. Anna Kinderspital in Wien. Die Fachärztin für Pädiatrie ist auch im Aufsichtsrat des Ronald McDonald Kinderhilfe tätig und verbringt, selbst kinderlos, seit einigen Jahren den Heiligen Abend im Krankenhaus. Traurig ist sie darüber nicht. Und auch den Familien, die gemeinsam mit ihren schwer kranken Kindern Weihnachten im Spital feiern, bleibt dieser Tag häufig in guter Erinnerung. „Ein Vater eines kranken Kindes bezeichnete Weihnachten im Spital als seine schönsten Weihnachten", erzählt Habeler. Ein außergewöhnliches Kompliment, lag doch das krebskranke Kind zu diesem Zeitpunkt auf der Intensivstation.
Während es draußen bereits in der Vorweihnachtszeit oft hektisch und laut zugeht, legt man im St. Anna Kinderspital auf Ruhe und eine geborgene Atmosphäre bereits in diesen Wochen besonderen Wert. Die Krankenstationen sind weihnachtlich geschmückt, jede Station ziert ein Adventskranz und die Lichtquellen erzeugen gedämpftes Licht. Am Heiligen Abend stehen Patienten, Angehörige, Pflegepersonal und Ärzte dann gemeinsam vor dem Christbaum. Geschenke werden verteilt und Weihnachtslieder gesungen.
Weihnachten im Spital sind Ausnahmeweihnachten, denn ein schwerkrankes Kind macht das Fest unter normalen Umständen unmöglich. „Wenn ein Kind die Diagnose Krebs erhält, dann ist das ein Rieseneinbruch im Leben einer Familie", erzählt die Wiener Kinderärztin. Eine Krisensituation, die das Leben der Betroffenen grundlegend verändert. Die Krankheit wird plötzlich zum zentralen Thema innerhalb der Familie. In vielen Fällen muss ein Elternteil seinen Beruf aufgeben, was zu gravierenden finanziellen Einbußen führt. Zudem müssen die Eltern viele organisatorische Probleme lösen und nebenbei trotzdem ihren Verpflichtungen nachgehen.
Zuhause auf Zeit
Als wäre das alles nicht schon Aufgabe genug, sind erforderliche Therapien oft nur in Spezialkliniken, weit weg von zu Hause, möglich. Für den Heilungsprozess eines kranken Kindes ist die Nähe der Familie jedoch ganz entscheidend. Der karitative Verein Ronald McDonald Kinderhilfe bietet hier Unterstützung. In rund 300 Ronald McDonald Häusern weltweit finden Eltern schwer kranker Kinder ein „Zuhause auf Zeit". Die Häuser wurden und werden in unmittelbarer Umgebung der behandelnden Kliniken erbaut und ermöglichen Eltern und Geschwistern in dieser schweren Zeit in unmittelbarer Nähe des kranken Kindes zu sein.
Das erste österreichische Ronald McDonald Haus wurde in Wien 1987 gegenüber dem St. Anna Kinderspital gegründet. 2008 wurde es erweitert und bietet nun Platz für 13 Familien. Zwar gibt es mittlerweile in fast allen Kinderspitälern Übernachtungsmöglichkeiten für zumindest einen Elternteil, ist das kranke Kind aber beispielsweise in einer Sterileinheit aufgenommen, dann können die Eltern nicht im Krankenzimmer des Kindes schlafen. Dazu kommt, dass die permanente Anwesenheit im Spital für die Familien eine große Belastung darstellt. Das Ronald McDonald Haus gibt Eltern die Möglichkeit das Krankenhaus für ein paar Stunden zu verlassen, um selbst Kraft zu tanken.
„Kinder, die nur den Support des Spitals brauchen, verbringen den Weihnachtsabend mit ihrer Familie im gegenüberliegenden Ronald McDonald Haus und kommen dann nur für etwaige Therapien und Blutbildkontrollen ins Spital herüber", beschreibt Habeler wie man vielen kleinen Patienten ein familiäres Weihnachtsfest auch unter erschwerten Umständen ermöglicht.
Nicht umsonst wird Weihnachten auch das Fest der Familie genannt. Im Krankenhaus feiert diese Tradition ihre Renaissance. Im schützenden Umfeld einer Familie finden kranke Kinder nicht nur Geborgenheit, sondern auch Hoffnung und Lebensfreude. Gefühle, die Menschen an vielen anderen Orten an diesem Abend schmerzlich vermissen. (derStandard.at, 23.12.2011)