Seit Wochen bombardiert die Österreichische Ärztekammer ihre (Zwangs-)Mitglieder mit E-Mails zum Thema ELGA und auch die "Österreichische Ärztezeitung" widmet dem Thema breiten Raum
Es ist unbestritten, dass Datensicherheit für die Patienten ein hohes Gut ist und jede missbräuchliche Verwendung gesundheitsbezogener Informationen verhindert werden muss.
Nüchtern betrachtet geht es dabei um zwei mögliche Risiken: Zum einen herrscht Angst vor der Gefahr des Hackens, zum anderen Sorge um den Zugriff auf sensible Daten durch (private) Versicherungen. EDV-Sicherheit ist aber, wie man seit dem Anonymous-Angriff auf die Tiroler Gebietskrankenkasse weiß, auch ohne ELGA schon jetzt ein Problem, das man vermutlich nie ganz ausschalten wird können. Was die Dateneinsicht von Versicherungen auf medizinische Details des Patienten betrifft, so sollte man sich besser keinen Illusionen hingeben. Denn natürlich sind den Krankenkassen schon aufgrund der Zuweisungen zu Untersuchungen und der Speicherung von Daten über die Abgabe rezeptpflichtiger Medikamente an den einzelnen Patienten die wichtigsten Informationen bekannt. Interessant ist auch, dass die Standesvertretung der Ärzte derzeit ganz in der Rolle der Patientenvertretung aufgeht. Ist das ihre Aufgabe?
Lang negierte Probleme
Das wichtigste am Verhalten der Ärztekammer ist aber wie so oft, das was sie nicht tut. Damit sind schon wieder, oder noch immer aktuell die praktisch nicht vorhandene Reaktionen zum viel dringenderen Problem des Zugangs zum Medizinstudium und zu dem seit Jahren bekannten, aber genauso lange negierten Problem des drohenden Ärztemangels gemeint. ("Hilfe, die Ärzte kommen!", Der Standard 7.7.2011)
Man sollte der Meinung sein, dass hoch bezahlte Kämmerer in der Lage sein müssten, demografische Daten, die eine Zunahme der Lebenserwartung zeigen, mit den im besten Falle konstanten (in Wahrheit durch den derzeit, allerdings nicht EU-konform, gedeckelten Zustrom nicht-österreichischer Studenten künftig rückläufigen) Ärztezahlen zu kombinieren und daraus die nötigen Konsequenzen zu ziehen. Wenn hier nicht sehr bald gegengesteuert wird, droht eine Situation, die schon in den 1960er Jahren durch genau dieselben Versäumnisse dazu geführt hat, dass die Bevölkerung am Land schlecht versorgt war und ausländische Ärzte mit großem finanziellem Einsatz ins Land gelockt werden mussten.
Unverständliches Agieren der Kammer
Warum tut die Ärztekammer also in diesem Fall (fast) nichts? Warum bedarf es einer Pressekonferenz der Freiheitlichen, um dieses Thema in die Öffentlichkeit zu bringen?
- Erstens, weil die Kammer auf dem Standpunkt steht, dass Medizinstudenten eben keine Ärzte sind und daher einer Vertretung durch die Kammer nicht würdig.
- Zweitens, weil die Funktionäre fürchten, die eingesessenen (Burn-out-gefährdeten) Kollegen durch eine Forderung nach mehr Ärzten in Vorwahlzeiten vor den Kopf zu stoßen.
- Und drittens, weil ihr die medizinische Versorgung der Bevölkerung egal zu sein scheint. Sonst müsste sie nämlich dafür sorgen, dass es in Zukunft überhaupt genügend Ärzte geben wird, um Einträge in die ELGA vorzunehmen.
Womit wir beim Ausgangspunkt dieser Betrachtungen sind. Die Ablehnung gegen ELGA entspringt wohl kaum der Sorge um die Datensicherheit der Patienten (jüngste Umfragen zeigen nämlich, dass 81 Prozent der befragten Patienten dafür sind). Sondern sie dient zur Ablenkung von systemimmanenten Problemen. (Leser-Kommentar, Andreas Schindl, derStandard.at, 9.12.2011)
Autor
DDr. Andreas Schindl, geboren 1968 in Wien, Studium der Medizin in Wien und
der Photobiologie in Padua und Sassari. Er arbeitet als Hautarzt in Wien