Alles kam anders

9. Dezember 2011, 08:55
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Das Raab-Olah-Abkommen gilt als Grundstein für die Einwanderung von Gastarbeitern in den 60er und 70er Jahren. Billige Arbeitskräfte waren damals nicht nur in Österreich heiß begehrt

Am 28. Dezember 1961 schlossen der Gewerkschafts-Präsident Franz Olah und der Präsident der Wirtschaftskammer Julius Raab ein Abkommen. Ausländern sollte der Zugang zum österreichischen Arbeitsmarkt wesentlich erleichtert werden. Das war deshalb sinnvoll, weil die Wirtschaft einen Boom wie selten zuvor erlebte - es war die "goldene Zeit". Darüber hinaus regelte das Abkommen, wie viele Gastarbeiter der Arbeitsmarkt brauchen würde, unterteilt nach Branchen und Bundesländern. Anfangs kamen weniger, später mehr Zuwanderer, als das Kontingent vorsah. Die Sozialpartner störte das nicht weiter, denn trotz anhaltender Zuwanderung gab es kaum Arbeitslose.

Den Zugang zum österreichischen Arbeitsmarkt zu liberalisieren reichte nicht, um ausreichend Arbeitskraft ins Land zu holen. Daher wurden zwischenstaatliche Abkommen geschlossen. 1964 mit der Türkei, 1966 mit Jugoslawien. Die formale Form der Anwerbung von Gastarbeitern verlief anfangs Großteils über Arbeitsämter in den Heimatländern. Potentielle Gastarbeiter mussten sich dort einem Test unterziehen. Dabei achtete man auf die Gesundheit und notierte etwaige Arbeitserfahrungen. Somit konnte man sie später den entsprechenden Branchen vermitteln. Die formale Bildung - also ob eine Schule abgeschlossen wurde - spielte dagegen in der Regel keine Rolle.
Später verloren die Anwerbestellen an Bedeutung. Interessierte erfuhren durch Mundpropaganda von Jobmöglichkeiten in Österreich. Die Visafreiheit - Türken und Jugoslawen konnten in Österreich drei Monate ohne Visum bleiben - machte es möglich, auf eigene Faust sein Glück zu suchen.

"Tätigkeiten, für die keine Inländer zu bekommen sind"

Österreich brauchte - ähnlich wie andere West-Europäische Länder Arbeiter, und zwar billige Arbeiter. Denn Nachfrage gab es vor allem im Niedriglohnbereich. Es waren Hilfsarbeitertätigkeiten, sowie einfache Jobs etwa in der Textil-, Metall- und Bau-Branche sowie im Dienstleistungssektor. Die Handelskammer schrieb noch 1985: "Die Situation bei den Gastarbeitern ist nach wie vor dadurch geprägt, dass die Ausländer fast durchwegs Tätigkeiten ausüben, für die noch immer Inländer nicht zu bekommen sind. Also etwa die Beschäftigung mit ungünstiger Arbeitszeit- Wochenende und Nachtarbeit- sowie für Schmutzarbeiten bzw. niedrigentlohnte Hilfstätigkeiten."

"Wohnungen, die für Österreicher unattraktiv sind"

Auch die Wohnungssituation der Gastarbeiter war prekär. Der Politikwissenschaftler Hannes Wimmer schloss 1983 aus einer repräsentativen Erhebung, dass Ausländer nur zu solchen Wohnungen Zugang hätten, die aufgrund ihrer schlechten Qualität für Österreicher unattraktiv wären. Überbelegte Substandardwohnungen (Kategorie D, WC und Wasserentnahme außerhalb der Wohnung) waren die Regel.

Laut der "Häuser- und Wohnungszählung 1981" der Statistik Austria wohnten 64,3 Prozent der Gastarbeiter in Substandardwohnungen, bei Österreicheren waren es nur 14,1 Prozent. Die durchschnittlich zur Verfügung stehenden Quadratmeter pro Person betrugen mit 14,2m2 gerade einmal die Hälfte des österreichischen Mittelwerts (28m2). Fast doppelt so hoch war hingegen der Mietpreis pro Quadratmeter (47 Schilling im Gegensatz zu 24,50). Dieser Rahmen führt dazu, dass sich Gastarbeiter in bestimmten Stadtteilen (in Wien etwa Gürtel-nahe Bezirke) konzentrieren.

Anfangs überwiegend Saisonarbeiter

Wieso haben sich Gastarbeiter diese Arbeits- und Wohnsituation angetan? Nun, dafür gibt es verschiedene Gründe. Die allermeisten der ersten Gastarbeiter arbeiteten von Frühjahr bis Spätherbst und gingen über den Winter in die Heimat zurück. Der Arbeitsmarkt sorgte für diese Rotation, da über es über den Winter weniger Arbeit gab. Es ist übrigens auch dieses Rotationsprinzip, das nicht ahnen ließ, dass viele später dauerhaft bleiben würden.
Nicht nur Österreich rechnete damit, dass die Gastarbeiter früher oder später zurück gehen würden. Die meisten Gastarbeiter wollten zunächst selbst nicht dauerhaft bleiben. Noch Anfang der 80er Jahre sagten nur zirka drei Prozent, dass sie nicht wieder zurückkehren möchten, so eine Studie des IHS (Institut für Höhere Studien). Der Plan war vielmehr in Österreich Geld zu verdienen, um es an die Familie zu schicken, oder für den eigenen Lebensabend zu sparen. Die hohe Einkommensorientierung, die schlechtere Bildung und der Wunsch, wieder zurück zu kehren waren schließlich Gründe, weshalb man die schlechten Lebensstandards in Kauf nahm bzw. nehmen musste.

Knapp 80 Prozent der Gastarbeiter am Land aufgewachsen

"Schlechte Lebensstandards" sind natürlich relativ zu betrachten. Im Vergleich zu Österreichern traf das wohl zu. Im Vergleich zu Menschen mit ähnlicher Bildung in den Heimatländern nur in manchen Bereichen. Die Industrialisierung in der Türkei und Jugoslawien lief nicht wie gewollt. Das Bruttosozialprodukt pro Kopf war in Österreich zeitweise bis zu sechs Mal höher als in der Türkei und dreieinhalb Mal so groß wie in Jugoslawien. Außerdem mussten Jugoslawien und besonders die Türkei mit hohen zweistelligen Inflationswerten zurechtkommen. Die Arbeitslosigkeit war teilweise mehr als doppelt so hoch als in Österreich.

Die Landflucht, die in den Heimatländern entstand, war auch ein Grund, wieso arbeiten im Ausland sinnvoll wurde. Knapp 80 Prozent der Gastarbeiter wuchsen am Land auf. Eine Befragung von knapp 500 türkischen Gastarbeitern zeigt, dass die meisten vor der Auswanderung am Land gearbeitet hatten. Zuvor arbeitslos gewesen war dagegen nur ein einziger Befragter.

Niedriger Bildungsstand

Laut IHS-Studie hatten 26,2 Prozent der türkischen- und knapp 10 Prozent der jugoslawischen Gastarbeiter gar keine Schule abgeschlossen. Die Volksschule als höchste abgeschlossene Bildung gaben dagegen 54,6 Prozent der Türken und 37,6 Prozent der Jugoslawen an. Die formale Bildung war damals in den Heimatländern auf einem sehr niedrigen Level. So waren 1965 in der Türkei immer noch über 50 Prozent der Menschen Analphabeten. Es ist anzunehmen, dass dieser Wert auf dem Land noch höher war.

"Froh, dass ausländische Arbeitskräfte nach Österreich kommen"

Gastarbeiter waren damals jedenfalls gerne gesehen und durchaus willkommen, leisteten sie doch einen wertvollen Beitrag zur Konjunktur. Das war den Österreichern auch durchaus bewusst. Anfang der siebziger Jahre sagten 83 Prozent: "Wir müssen froh sein, dass ausländische Arbeitskräfte nach Österreich kommen, denn es fehlen überall Arbeitskräfte."

Diese positive Stimmung fing an ab 1973 umzuschlagen - im Jahr der Erdölkrise und der darauf folgenden Rezession. Es kam zu einem Anwerbestopp. Zu diesem Zeitpunkt erreichte die Zuwanderung mit knapp 230.000 Gastarbeitern ihren vorläufigen Höhepunkt. Die Zahl der Gastarbeiter reduziert sich in den Folgejahren dadurch, dass Saisonarbeiter nicht mehr ins Land gelassen wurden. 1982 hatten nur mehr 156.000 Ausländer eine Beschäftigungsgenehmigung. Die Zahl der Ausländer in Österreich stieg dennoch. Der Grund dafür waren Familienzusammenführungen.

Das Rotationsprinzip erwies sich zunehmend als unpraktisch, da Firmen jedes Jahr neue Arbeiter einschulen mussten. Gastarbeiter bekamen öfter dauerhafte Arbeitsverträge. Die Verdienstmöglichkeiten und Wohnsituation verbesserten sich mit zunehmender Aufenthaltsdauer und so holten immer mehr Menschen ihre Familien nach. Die Aussichten auf adäquate Jobs in der (alten) Heimat waren schlecht, es konnte nicht genug Geld gespart werden. Und die Kinder hatten bereits mit der Schule angefangen. Die Aussicht auf ein besseres Leben war schließlich in Österreich größer. (Yilmaz Gülüm, daStandard.at, 09. Dezember 2011)

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    ÖBB-Sonderzug vor der Abfahrt nach Wien, Sirkeci Bahnhof in İstanbul (1971).

    Das Foto stammt aus dem Hürriyet-Archiv und wurde bei der Ausstellung "Gastarbajteri" (www.gastarbajteri.at) gezeigt.

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