Alexej Nawalny ist der populärste Blogger Russlands
Schon sein Blick scheint die Herrschenden infrage zu stellen. Alexej Nawalnys Einfluss beruht auf der Lesergemeinde, die sich durch seine Blogs auf rospil.info ("Zersägen") und Livejournal klickt. Und das tun mittlerweile Hunderttausende. Der Jurist ist Russlands populärster Regimekritiker.
Der Mann, der in Yale Corporate Governance studierte, begann als "Shareholder-Aktivist". Er kaufte kleine Aktienpakete von 30 russischen Staatsunternehmen, etwa der Gasprom, des Pipeline-Betreibers Transneft und der Sberbank. Dann forderte er Zugang zu den Firmendaten und Geschäftsberichten. Wenn ihm etwas verdächtig vorkam, ging er vor Gericht. Transneft warf er etwa vor, beim Bau einer Ölpipeline nach China vier Milliarden Dollar veruntreut zu haben. Nawalny veröffentlichte Dokumente, er bat seine Leser um Mithilfe im Kampf gegen die Korruption bei der Vergabe von öffentlichen Aufträgen.
Mittlerweile werden ihm nicht nur brisante Dokumente (und Spenden) zugesandt, er ist ein politischer Player geworden. Sogar Medwedews Insor-Institut bescheinigt dem 35-Jährigen, eine "Waffe in der Hand zu halten". Die setzt er auch ein. Putins "Einiges Russland" bezeichnete Nawalny als eine Partei der "Betrüger und Diebe".
Und Demonstranten übernahmen diesen Slogan des Mannes mit dem rollenden "R" . Wenn Nawalny antreten würde, würde er Umfragen zufolge zum Bürgermeister Moskaus gewählt werden. Das Time Magazine nannte ihn "Russlands Erin Brockovich" . Er landete auf dem Cover der russischen Ausgabe des Esquire. Dabei entspricht er gar nicht dem Bild des liberalen Dissidenten. Kürzlich nahm er mit Ultranationalisten am "Russischen Marsch" teil. Nawalny ist für freien Waffenbesitz und die Ausweisung illegaler Migranten. Die liberale Partei Jabloko schloss ihn aus. Mit seinem Nationalismus immunisiert er sich dagegen, dass er vom Regime als Nestbeschmutzer abgetan wird.
Vor der Wahl rief Nawalny dazu auf, irgendwen zu wählen, nur nicht die Partei Putins. Am Wahlabend wurde der Vater zweier Kinder wegen "Nichtbefolgung einer Anordnung der Vertreter der Staatsmacht" festgenommen und zu 15 Tagen Haft verurteilt. Noch im Polizeibus twitterte er seine Erlebnisse. Manche sehen in Nawalny schon ein Modell für einen Internet-Politiker, der die TV-Ära hinter sich gelassen hat. Mit seiner Verhaftung wurde jedenfalls seinen Status als Volksheld gefestigt. (Adelheid Wölfl/DER STANDARD, Printausgabe, 9.12.2011)