"Bis wir nicht mehr Bürger zweiter Klasse sind"

Reportage | 8. Dezember 2011, 17:48

Die Unzufriedenheit der schiitischen Minderheit wächst

Was als lokaler Protest begann, ist zu einer Kampagne gegen die Diskriminierung der ganzen Bevölkerungsgruppe geworden.

*****

Die Bilder sind schrecklich. Ali Al Filfils Augen starren ins Leere. Während ein Nothilfeteam im Spital verzweifelt versucht, den leblosen Körper des 24-Jährigen wiederzubeleben, quillt Blut aus einem Loch in seiner Brust. Al Filfil wird der Zweite von insgesamt vier Toten und neun Verletzten, die Proteste im saudi-arabischen Qatif jüngst gefordert haben.

Diese Bilanz ist das Ergebnis einer Eskalation, die von friedlichen Protesten zu Straßenschlachten geführt hat. Obwohl Geistliche und politische Vertreter der Schiiten die jungen Demonstranten zur Zurückhaltung aufgefordert haben, scheint die Aussicht gering, dass der Konflikt zwischen der schiitschen Minderheit und dem sunnitisch-wahhabitisch geprägten Königreich Saudi-Arabien eine friedliche Lösung finden wird.

Das Video von Al Filfils letzten Augenblicken ist eines von dutzenden, die auf Youtube und Facebook tausende Male aufgerufen und weitergeschickt wurden.

Untermalt von Musik mit Texten über Folter und Erschießungen, erzählen sie die Geschichte der letzten Novemberwoche: die Proteste von manchmal nicht mehr als fünfzig jungen Demonstranten. Das Trommelfeuer, das sie begleitete. Die Getroffenen auf dem Boden, gefolgt von den Be-erdigungen, bei denen die Toten nach Brauch mehr als eine Stunde auf Händen durch die Stadt gereicht wurden und an denen bis zu 50.000 Trauernde teilgenommen haben. Und schließlich die Demonstration nach der ersten Beerdigung, als ein Zug von rund 3000 Demonstranten aller Altersgruppen "Tod den Al Saud" -rufend durch die Stadt gezogen ist.

Qatif, die Hochburg der Schiiten Saudi-Arabiens am Persischen Golf, hat bis zu einer Million Einwohner. Um sie und die sich im Süden anschließenden drei Städte Dammam, Al Khobar und Dahran sind die gesamten saudischen Erdöllagerstätten gruppiert. Wie viele Schiiten genau in Saudi-Arabiens Ostprovinz leben, ist ein Politikum im Königreich. Nach manchen Schätzungen sind es bis zu drei Millionen - was einem Bevölkerungsanteil von etwas mehr als zehn Prozent entspräche.

Die Proteste von oft nicht mehr als einhundert Demonstranten in Qatif und Al Ahsa, rund 100 km im Landesinneren, begannen Anfang März. An der Oberfläche war der Auslöser die bereits 15 Jahre dauernde Haft von neun Schiiten, denen die Regierung den Bombenanschlag auf eine US-Kaserne in Al Khobar vorwirft. Bald richteten sich die Proteste jedoch gegen die Benachteiligung der Minderheit in Politik und Wirtschaft. In einem Bericht nannte Human Rights Watch die Situation der saudischen Schiiten "systematische staatliche Diskriminierung" .

Schweres Gewehrfeuer

Am 20. November wurde der 19-jährige Student Nasser Al Muheischi an einer Straßensperre erschossen. Seitdem ist die Gewalt eskaliert. Auch Leute in Qatif, die nichts mit den Demonstrationen zu tun haben, sagen, seitdem sei fast jede Nacht schweres Gewehrfeuer durch die Straßen gehallt.

Auf die Frage, warum er trotz der Gewalt bei den Protesten dennoch demonstrieren gehe, sagte Mohammed Al Ali (Name von der Red. geändert): "Wenn man es im Blut hat, kann man nicht aufhören, selbst wenn man es wollte."

Er räumt ein, dass Demonstranten bei Protesten geschossen haben, sagte jedoch: "Die sind nicht von uns. Das sind Provokateure, die uns schaden wollen." Er und andere wollten auf jeden Fall weiter demonstrieren - "so lange, bis die Schuldigen am Tod der vier Märtyrer bestraft sind. Und bis wir endlich nicht mehr Bürger zweiter Klasse sind." (Peter Böhm aus Qatif/DER STANDARD, Printausgabe, 9.12.2011)

Kommentar posten
17 Postings
NONE
00
9.12.2011, 13:23

WO BLEIBT DIE NATO!!!

Kuni bert
00
9.12.2011, 22:41

In Saudi-Arabien sind die "Guten" an der Macht. Da brauchts keine NATO!

Mann40
13
9.12.2011, 11:08

"..gefolgt von den Be-erdigungen, bei denen die Toten nach Brauch mehr als eine Stunde auf Händen durch die Stadt gereicht wurden und an denen bis zu 50.000 Trauernde teilgenommen haben."

Sehr berührend muss ich sagen.

johann steiner
03
9.12.2011, 08:55

Die saudischen Demokraten kaufen weitere 300 Panzer, aber nicht um sich gegen eine iranische Landung zu schützen, und auch nicht um Israel anzugreifen, sondern um die schiitischen Milizen in Bahrain und Saudi Arabien selbst niederzuschießen

NONE
00
9.12.2011, 13:24

Religion ist aber nur eine fadenscheinige Begründung. Die Pseudo-Islamisten gegen Gaddafi zeigten das Religion nur eine Tarnung ist.

Es geht um Einflussphären. Das Saud Regime spielt Grossmacht.

Fritz Meyer
01
9.12.2011, 08:03
Solange die Saudis unsere "treuen Verbündeten" sind...

dürfen sie sich ihren eklatanten Mangel an Demokratie und die Finanzierung des islamischen Extremismus problemlos leisten.

Bertel Mann
03
9.12.2011, 06:45
Man vergleiche diesen Bericht über ein Regime das auf Demonstranten schiessen lässt, mit dem Bericht über das Syrische Regime, das auf Demonstranten schießen lässt

Soviel Verständnis und Relativierung ("Er räumt ein, dass Demonstranten bei Protesten geschossen haben,...") ist ja rührend.

P.S.: Hat es eigentlich schon ein toter Demonstrant aus Saudi-Arabien auf die Titelseite des Standard geschafft?

NONE
00
9.12.2011, 13:25

Ich werde einmal die US Presse systematisch durchforsten und schauen wie viel sie darüber Bericht erstatten.

Richtig2
03
9.12.2011, 03:33

Den Schiiten geht es im Vergleich zu den asiatischen Gastarbeitern ziemlich gut.

Carlito336
67
8.12.2011, 18:54
Jede demokratische Regung wird in Saudi Arabien

als iranisch gedeutet. Iran ist als Republik zwischen den absolutistischen Monarchien ein Störfaktor.
Daher unterstützen die USA die autoritärsten Despotien in der Region.
Und die Demokratiebewegung muss sich dort gegen die Hegemonialmacht USA positionieren.

NONE
00
9.12.2011, 13:25

Das stimmt nicht ganz. Der Aufbau in Saudi Arabien ging primär an US Konzerne.

Das war Geldwäsche. Den USA war es egal ob das eine Diktatur war oder eine Demokratie.

Hossam Hassan
29
8.12.2011, 21:22
Sie hätten kein Problem mit Saudi Arabien

wäre es offiziell ein Feind der USA. Sie würden im Zusammenhang mit dem Iran niemals von Demokratie reden, wäre der Iran ein Verbündeter der USA.
Ihre politischen Zuordnungen sind lediglich opportunistischer Meinungsschrott im Dienste eines bestimmten Ressentiments.

anders and
 
13
9.12.2011, 04:49
Vielleicht schätzen Sie Carlito336 richtig ein,

aber in der Sache hat er trotzdem recht.

Ramiro
27
8.12.2011, 20:46
Die amerikanischen Autokraten samt ihrer Gesinnungsfreunde gegen den demokratischen Iran

Ist Ihnen selbst nicht peinlich, was Sie da für Mist verzapfen?

O5
13
8.12.2011, 19:40

Naja, so ganz ergibt das was Sie da schreiben keinen Sinn. Denn der Iran ist ganz eindeutig keine Demokratie ;-)

Schiitenbewegungen werden oft als vom Iran gesteuert wahrgenommen, das stimmt - und ist vermutlich meist auch wahr.

Aber Schiitenbewegungen sind eben nicht dasselbe wie Demokratiebewegungen.

hamaca reservada
07
9.12.2011, 04:08

carlito336 spricht von republik und nicht von demokratie. im iran ist der monarch rheza pahlevi 1976 in einem coup d'etat vertrieben worden (aus sozialen gründen der riesen kluft zwischen arm und reich und korrupter beamtenschaften von vielen akklamiert) die religion diente als politisches vehikel und brachte einen diktatorischen, mittelalterlichen gottesstaat - also nicht die ersehnte befreiung.

monarch und glaube - das ist so eine sache. in europa im 16.-17.jhd war es üblich, dass die menschen den glauben annahmen, den der fürst hatte. erst nachdem es passierte, dass personen drei vier mal im leben konvertieren mussten oder vertrieben wurden, kam es zu einer sinnfrage. immer verbunden mit kämpfen und kriegen, toten, hunger.

Meerwelle
21
8.12.2011, 19:23

gähn...

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