Gnadenhof statt Schlachthaus: Nach drei Tagen Arbeit in die Schweinspension

8. Dezember 2011, 17:21
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Die Ferkel aus der Billa-Werbung werden nach ihrem Karriereende wider Erwarten nicht zu Speck, sondern beziehen einen Alterssitz auf Biobauernhöfen

Salzburg - Conchita und Sissy genießen die letzten warmen Sonnenstrahlen auf ihrer Schweineweide. Als sie noch Ferkel waren, wurden sie am Drehort noch sorgfältig mit Sonnencreme eingeschmiert. Heute müssen sie ihre Haut selbst vor einem Sonnenbrand schützen und sich im Schlamm suhlen. Conchita und Sissy sind richtige Stars in Michelbeuern bei Salzburg. Rund 500 Kinder besuchen die zwei Fernsehdiven jährlich auf ihrem Pensionssitz. Denn die beiden Mastschweine sind die ehemaligen Hauptdarstellerinnen der "Ja natürlich"-Werbung von Billa.

Nach einem dreiwöchigen Trainingscamp standen Conchita und Sissy im zarten Alter von neun Wochen drei Tage lang vor den Fernsehkameras, unter der Regie des Oscarpreisträgers Stefan Ruzowitzky. Nach den anstrengenden Drehtagen wurden die beiden sofort in Pension geschickt - auf den Biobauernhof von Johanna Gerhalter. Immer wieder würden Kunden bei Rewe anrufen, um sich nach dem Schicksal der Werbeschweine zu erkundigen. Daher kommt der Konzern für Kost und Logis seiner Werbestars auf. Rund 500 Euro pro Jahr und Schwein bekommt Gerhalter.

Wenn der tiefe Schnee liegt, werden sie wieder nur mit Müh und Not ihren Stall verlassen. Denn die Hufen der Fernsehstars berühren nur ungern das weiße Nass. Dann muss Johanna Gerhalter mit den Schweinen den trockenen Weg über den Kuhstall hin zur Schweineweide einschlagen. Die Damen genießen ihre Pension in vollen Zügen. Bis elf Uhr wird geschlafen, dann gibt es draußen auf der Weide Futter. Zu ihren Lieblingsspeisen zählen Milch und Käse. Den Käse haben sie schon als Werbeschweinderln mit Genuss verschlungen. Im Tiertraining wurde Weichkäse eingesetzt, um die typischen Kaubewegungen hervorzurufen, die den Fernsehzuschauer glauben lassen, das Schweinderl spricht, lüftet Tiertrainer Herbert Pecher das Geheimnis.

Dass die beiden keine normalen Schweine sind, wird klar, wenn man sie bei ihrem Tagesablauf beobachtet. Nach dem Weiden machen die Sauen noch einen Spaziergang zu den Apfelbäumen. Auf Pfiff. Im Schweinsgalopp. Damit sie fit bleiben. Die 47-jährige Gerhalter schüttelt die letzten Äpfel vom Baum. Und tatsächlich: Wenn die beiden kauen, sieht es aus, als würden sie sprechen. Auch die kleinen Kunststückchen führen sie noch immer vor. Johanna Gerhalter hebt einen Apfel hoch, und die vierjährige Sissy setzt sich vor die Biobäuerin hin, um den letzten Apfel zu ergattern. 2007 saß sie in der TV-Werbung in einer Schulbank zwischen Kindern und widersprach dem Lehrer im Mathematik-Unterricht.

Aufsässig mit Starallüren

Aufsässig waren die beiden Damen auch, als sie auf den Biobauernhof zum Pensionsantritt kamen. Weil sie so auf Menschen fixiert waren, zog sie das Gelächter aus dem benachbarten Gasthof magisch an. Da sei es oft vorgekommen, dass die beiden über den Elektrozaun hüpften und zum Gasthaus galoppierten, um bei den Gästen ein wenig Aufmerksamkeit zu erhaschen, erzählt Gerhalter. "Jetzt im Alter werden die beiden aber immer braver", sagt die Schweinehalterin.

Für den Rewe-Konzern waren die zahlreichen Tiere bisher jedenfalls durchaus gewinnbringend. Bereits im Jahr 2007 erhielt die Kampagne den Werbepreis "Effie" in Gold. Die Auszeichnung bewertet, wie effizient die von der Agentur Demner, Merlicek & Bergmann kreierte Kampagne ist. Und glaubt man den Zahlen, wuchs der "Ja natürlich"-Umsatz dreimal stärker als der des Gesamtkonzerns. (Stefanie Ruep/DER STANDARD, Printausgabe, 9.12.2011)

  • Solange noch kein tiefer Schnee liegt, sind die "Ja natürlich"-Sauen 
zu allerlei Kunststückchen bereit. Wird es tief winterlich, werden sie 
in ihrem Ruhestandsasyl dagegen ziemlich zickig.
    foto: uwe schwinghammer

    Solange noch kein tiefer Schnee liegt, sind die "Ja natürlich"-Sauen zu allerlei Kunststückchen bereit. Wird es tief winterlich, werden sie in ihrem Ruhestandsasyl dagegen ziemlich zickig.

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