Der Klimawandel - nur ein Symptom?

8. Dezember 2011, 13:02
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Wir brauchen eine neue Art des Denkens und eine neue Definition von lebenswertem Leben

Am Morgen hört man überall Sirenen. Immerhin kommen die Minister von fast 200 Staaten täglich zum Konferenzgebäude in Durban. Alle haben ihren Kordon aus Polizeifahrzeugen und das Internationale Kongresszentrum - eines der größten der Welt - gleicht einer belagerten Festung. Sie alle sind gekommen, weil sie wissen, was der Klimawandel für die Welt bedeutet. Aber sie sind auch gekommen, um das Minimum an Zugeständnissen für ihr eigenes Land herauszuholen. Denn Minister sind Repräsentanten einer Partei. Und Parteien kämpfen um die Macht im Land. Sie alle wollen wiedergewählt werden. Und sie haben Angst, dass zu strenge Maßnahmen eine Reduktion des Wirtschaftswachstums bedeutet - mit einer Senkung der Beschäftigung. Viele der armen Länder haben weder die Technologie noch die Mittel, dem Klimawandel wirksam zu begegnen, und wollen die einschneidenden Maßnahmen lieber den reicheren Staaten überlassen. Welches Land reich und welches arm ist, ist ebenso eine Streitfrage in Durban. Immerhin betrachtet sich China als der größte weltweite Emittent von Treibhausgasen bis vor kurzem nicht als reiches Land, das Zugeständnisse machen muss.

 

Interview mit Jim Leape, Direktor von WWF International

Klimawandel ist eigentlich ein verharmlosendes Wort. Der Planet Erde hat schon viele Klimawandel erlebt. Es gab eine Zeit, wo die Erde komplett eisfrei war. Damals war der Meeresspiegel aber 70 Meter höher. Der Klimawandel, mit dem wir heute konfrontiert sind, ist vergleichbar mit einem Kometeneinschlag. In minimaler Zeit haben wir es als Menschheit geschafft, den Planeten so zu verändern, wie es nur gewaltige Vulkanausbrüche oder andere Naturkatastrophen vollbringen konnten. Auf der so genannten Klimakonferenz geht es nicht um die Erde, sondern um unser eigenes Überleben. Während Tausende Papiere verteilt werden und um einzelne Unterparagraphen und Formulierungen gestritten wird, verlieren die politischen Unterhändler die Gesamtsicht, um die es eigentlich geht. Wir haben in weniger als 100 Jahren unseren Planeten so gemorpht, dass wir uns an den Rand einer globalen Katastrophe gebracht haben.

Der Klimawandel ist nicht das Problem. Er ist nur ein Symptom - das Symptom eines Superkapitalismus, der zum Selbstzweck geworden ist und der mit der technischen, wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Revolution durch den Zweiten Weltkrieg begonnen hat. Die Entwicklung von Plastik, der "grünen" Revolution und der Waffen- und Weltraumtechnik hat ihre Wurzeln im letzten großen Weltkrieg. Wir haben mit modernster Radartechnik und einer Flotte von 38.000 Industriefischereischiffen mit mehr als 100 Tonnen die Ozeane leergefischt. Wir bauten 50.000 Dämme weltweit und zerstörten damit viele Ökosysteme. Riesige Wälder wurden auf allen Kontinenten abgeholzt. Wir vergiften das Land und die Meere mit Pestiziden und Gülle aus der Land- und Viehwirtschaft. Während ein Fünftel der Menschheit am Hungertuch nagt, ist ein weiteres Fünftel übergewichtig und leidet an Zivilisationskrankheiten. Alle diese Entwicklungen sind Symptome eines fehlgeleiteten Systems - genauso wie der Klimawandel.

Jetzt versuchen wir mit ähnlichen Mitteln die großen Weltproblem zu bekämpfen - Mittel die das Problem erst geschaffen haben - mit Technik und den Lösungen des Superkapitalismus, die selbst Teil des Problems sind. Einstein sagte einmal, dass man Probleme, die durch eine bestimmte Art des Denkens entstanden sind, nicht mit derselben Art des Denkens lösen kann. Könnten wir das, wären alle Psychologen und Psychotherapeuten arbeitslos.

Wir brauchen also eine neue Art des Denkens und des Lebens und eine neue Definition von lebenswertem Leben. Nur wenige Staaten wie Bhutan gingen andere Wege. Dort ist nicht das Bruttonationalprodukt das Maß aller Dinge, sondern das "Brutto-Glücklichkeitsprodukt" ("Gross Happiness Product") ist das oberste Staatsziel, wie mir mein Sitznachbar - ein Staatssekretär aus Bhutan - auf dem Weg zur Konferenz in Durban im Flugzeug erklärte. Wir brauchen nicht nur Umweltverträglichkeitsprüfungen für große Bauvorhaben sondern Prüfungen über die ökologischen Lebenszirkel für jedes einzelne Produkt, das auf den Markt kommt. Statt Ölmonarchien brauchen wir Solar-Demokratien und Windkraft-Kommunen. Das dreidimensionale Kreisdenken von A zurück zum A und nicht das lineare Liniendenken von A nach B muss das Paradigma der Zukunft sein.

Das Ziel des WWF ist es, Wasser, Nahrung, Energie für alle zu schaffen - und das dauerhaft und nachhaltig. Nur so können wir die Ökosysteme mit ihrer Artenvielfalt, die heute noch vorhanden ist, schützen. Wir verwenden Billionen von Euro, um den Weg zu unserem eigenen Untergang fortzusetzen. Das Gute dabei ist, dass wir lange genug leben, um noch zu sehen, wie dumm wir heute waren. Durban ist eine große Chance für die Menschheit. UNO-Generalsekretär Ban Ki-moon glaubt nicht mehr an eine Einigung, wie er gestern sagte. Zu groß wären die Differenzen, meinte er. Die Weltwirtschaftskrise und die unterschiedlichen Ansichten der reichen und armen Staaten verhindern eine globale Übereinkunft. Morgen Abend bzw. am Samstagmorgen werden wir wissen, wie die Weltgemeinschaft sich entschieden hat, mit dem Klimawandel umzugehen.

Die Sirenen in den Straßen von Durban sollten die Minister in ihren Luxuskarossen nicht nur in Sicherheit wiegen, sondern sie auch endlich aufwecken, dass sie wirklich global denken, global handeln und in dieser Woche richtig entscheiden werden.


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WWF

  • Artikelbild
    foto: franko petri
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