Bislang schärfste Aufnahmen des 1.000 Lichtjahre entfernten Systems SS Leporis zeigen Massentransfer der milderen Art
Garching - Soweit bislang bekannt ist, gehört mehr als die Hälfte aller Sterne im Universum einem binären System an - also einem, in dem sich zwei Sterne um einen gemeinsamen Schwerpunkt bewegen. Wenn sie einander sehr nahe sind, kann dabei die sogenannte Roche-Grenze unterschritten werden, unter der die Sterne nicht mehr stabil sind: Es findet ein Massentransfer statt, bei dem Materie von einem Stern zum anderen transportiert wird. Was in spektakulärer Weise ablaufen kann ... oder auch auf die eher sanfte Tour.
Der Hase und der Vampir
Über ein besonderes Beispiel dieser Art berichtet das Max-Planck-Institut für Astronomie: Das etwas mehr als 1.000 Lichtjahre entfernte im Sternbild des Hasen gelegene Doppelsternsystem SS Leporis besteht aus zwei Sternen, die einander innerhalb von 260 Tagen umkreisen. Die beiden Komponenten sind nur wenig weiter voneinander
entfernt als Erde und Sonne, zudem dehnt sich der größere und
kühlere der beiden Sterne bis auf ein Viertel dieses Abstands aus. Aufgrund dieses
geringen Abstands hat der heiße Begleiter bereits etwa die Hälfte der
Masse des größeren Sternes aufgesogen - die Astronomen sprechen von einem "Vampirstern".
"Wir wussten bereits im Vorwege, dass dieses Doppelsternsystem
ungewöhnlich ist und dass dort Materie von einem Stern zum anderen
fließt", erklärt Koautor Henri Boffin von der Europäischen Südsternwarte (ESO). "Dann fanden wir
allerdings heraus, dass der Massentransfer vermutlich ganz anders
abläuft als von bisherigen Modellen dieses Prozesses vorherberechnet.
Der 'Biss' des Vampirs ist sehr sanft, aber dafür umso effektiver."
Geschärfter Blick
Die Forscher kombinierten vier Teleskope am Paranal-Observatorium der ESO zu
einem einzigen virtuellen Teleskop mit 130 Metern Durchmesser und einer
50 Mal höheren Bildschärfe als der des "Hubble"-Teleskops. "Wir können jetzt das Licht von vier Teleskopen am VLT
miteinander kombinieren und damit extrem scharfe Bilder innerhalb
kürzester Zeit erzeugen", erläutert Nicolas Blind vom französischen
Institut de Planétologie et d'Astrophysique de Grenoble (IPAG), der
Erstautor der Studie.
"Wir haben Bilder gewonnen, die so hoch aufgelöst sind, dass wir nicht
nur zuschauen können, wie die beiden Sterne einander umkreisen, sondern
sogar den Durchmesser des größeren Sterns bestimmen können."
Das Auflösungsvermögen der neuen Beobachtungen ist so gut, dass man
erkennen kann, dass der ausgedehnte Riesenstern kleiner ist als bisher
angenommen. Das macht es schwieriger, zu erklären, wie er überhaupt so
viel Masse an seinen Begleiter verlieren konnte. Die Astronomen gehen
jetzt davon aus, dass die Materie, anstatt direkt von einem Stern zum
anderen zu fließen, von dem Riesenstern als Sternwind ausgestoßen wird,
und dass dieser Sternwind wiederum von dem heißen Begleiter eingefangen
wird. (red)
Die Forschungsergebnisse
erscheinen demnächst unter dem Titel "An incisive look at the symbiotic
star SS Leporis - Milli-arcsecond imaging with PIONIER/VLTI" in der
Fachzeitschrift "Astronomy & Astrophysics".