Soziale Bindung entscheidend: Italienische Forscher stellten fest, wie sich Empathie auswirkt
Berlin - Gähnen ist ansteckend - doch ist das "Infektionsrisiko" längst nicht immer gleich hoch. Forscher der Universität Pisa haben belegt, dass die emotionale Nähe zu einem Menschen entscheidend für die unbewusste Nachahmung ist. Am häufigsten sei Gähnen deshalb in der Familie ansteckend, danach unter Freunden, dann bei Bekannten - und ganz zum Schluss erst bei Fremden. Damit folgten Gähn-Attacken den Empathie-Mustern bei emotionalen Bindungen, berichten die Wissenschafter um Elisabetta Palagi im Fachjournal "PLoS One".
Die Empathie - also die Fähigkeit, Gefühlsregungen anderer Menschen zu erkennen und darauf zu reagieren - ist entscheidend für ein vielschichtiges Sozialverhalten. Einige Wissenschafter gehen davon aus, dass sogenannte Spiegelneuronen als Netzwerk von Nervenzellen in verschiedenen Hirnregionen uns automatisch ein Lächeln erwidern lassen. Schon lange gab es die Vermutung, dass es auch bei ansteckendem Gähnen solche empathische Verbindungen gibt. Diese Annahme stützen nun die Ergebnisse von Wissenschaftern, die über ein Jahr lang 109 Erwachsene in ihrem gewohnten Umfeld beobachtet hatten. Die 56 Frauen und 53 Männer stammten aus Europa, Nordamerika, Asien und Afrika. 480 Aktionen haben die Forscher schließlich ganz genau ausgewertet - inklusive des Winkels, von dem aus das erste Gähnen von Beobachtern zu sehen war.
Das Ergebnis blieb immer gleich: Die soziale Bindung war jedes Mal entscheidender als Geschlecht, Nationalität oder die jeweilige Situation. Wenn sich Menschen nahe stehen, ahmen sie das Gähnen sogar noch schneller nach als bei guten Bekannten, ergab die Untersuchung. Der Nachahmer-Effekt funktioniert aber nur, wenn Empathie bei einem Menschen ausgeprägt ist. Bei kleinen Kindern funktioniert er noch nicht, ebenso wenig bei Menschen mit Störungen wie Autismus.
... ganz wie bei unseren nächsten Verwandten
Die Ergebnisse decken sich überdies mit einer Studie, die der Primatologe Frans de Waal gemeinsam mit seinem Kollegen Matthew Campbell im Frühling diesen Jahres veröffentlicht hatte. Auch Schimpansen lassen sich nämlich von gähnenden Artgenossen anstecken - und auch bei ihnen macht es einen Unterschied, wie nahe sie dem Gähner stehen. Die Forscher teilten 23 Schimpansen zwei Gruppen zu und spielten den Menschenaffen Gähnvideos vor. Und dabei zeigte sich, dass die Versuchsaffen um 50 Prozent häufiger mitgähnten, wenn der Vorgähner am Video der eigenen Gruppe angehörte, also ein Bekannter oder Verwandter war. (APA/red)