Die Diva aus dem Trailerpark

8. Dezember 2011, 17:02
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Die US-Sängerin Lana Del Rey wurde heuer mit ihrer Inszenierung zwischen Lolita-Sexappeal und White-Trash-Ästhetik noch lange vor dem Erscheinen ihres Albums "Born To Die" 2012 zum Star

Den Social Media sei Dank.

Dass Musiker sich ohne ein eigenes Management oder einen der großen verbliebenen Unterhaltungskonzerne im Rücken sich einzig aus eigener Kraft über Social Media wie Myspace, Facebook oder Google+ zu Stars von Weltgeltung hocharbeiten können, gehört zu den modernen Mythen der Digital Natives. Noch bevor der kommende Weltstar Lana Del Rey im Jänner 2012 sein Debütalbum "Born To Die" veröffentlichen werden wird, sorgt die scheinbar aus dem nichts kommende US-amerikanische Sängerin in der Blogosphäre mit ihren kunstvoll billigen Heimwerker-Videos zu den Songs Video Games und Blue Jeans seit Monaten für Aufsehen.

Dabei konstruiert die 25-jährige Sängerin mit dem Gesamtpaket ihrer künstlerischen Erscheinung, das sie selbst als "Gangster Nancy Sinatra" beschreibt und abblätternden Hollywood Glamour der 1950er-Jahre mit den Alptraumwelten eines David Lynch vermählt und dazu traumverlorene Musik zwischen den Einsamkeitsballaden eines Chris Isaak mit ein wenig TripHop und jazziger Loungemusik kurzschließt, ein möglicherweise selbstbestimmtes Image. Dem stehen im Hintergrund trotzdem gestandene Männer bei.

Elizabeth Grant alias Lana Del Rey veröffentlichte schon vor zwei Jahren ein Album namens "Kill, Kill". Entstanden unter den Fittichen ihres Vaters, eines Werbeprofis und Immobilienhändlers aus Lake Placid, beeindruckte die junge, frisch nach New York umgezogene Frau schon damals die Fachwelt. Weil sich ihre Karriere aber nicht erwartungsgemäß entwickelte, wurde das Album auf Druck eines neuen Managers vom Markt genommen und das ganze Unternehmen noch einmal ganz von vorn in Angriff genommen.

Lana Del Rey intensivierte ihre Inszenierung als mysteriöser, gefährlicher, zwischen Unschuld und Verruchtheit die schweren Augenlider aufschlagender Daddy's Darling und White-Trash-Vamp aus der Wohnwagensiedlung. Man kann also sagen, dass die Frau in Zeiten des auch von selbstbestimmten Frauen gern taktisch eingesetzten, drastisch femininen Porno- und Privat-TV-Looks für die neuen Bundesländer ausgezeichnet mit der Erwartungshaltungen eines männlichen Publikums zu spielen weiß und trotzdem auch weibliche Laufkundschaft mit einnehmender Romantik in den Songs zu interessieren vermag.

Wie man jetzt im Herbst im Rahmen einer aus Gründen der Exklusivität und der dadurch bezweckten medialen Hochheizung absichtlich durch viel zu kleine kleine Clubs und ausgesuchte Fernsehsendungen führenden Tour durch Europa beobachten konnte, funktioniert diese Unternehmung ganz ausgezeichnet.

Ihre anonym wie unbeteiligt im Hintergrund agierende Begleitband fällt dabei exakt gar nicht ins Gewicht: Einsam unter einer Stroboskopkugel steht Lana Del Rey zwischen zwei riesigen Ballonen, auf die neben Ausschnitten aus Bildungsfilmen zum Thema Sonne, Mond und Sterne, nächtliche Autofahrten durch Los Angeles oder gefälschte Super-acht-Kinderfilme von Geburtstagen damals in Lake Placid noch Found-Footage-Sequenzen von Elvis, Skateboardern oder Tanzszenen aus drittklassigen Hollywood-Produktionen kommen. Lana Del Rey blickt dazu verzweifelt in den Saal. Irgendwo da hinten über den Köpfen des Publikums wartet ein Sonnenstrahl, ein Regenbogen, kommt ein Raumschiff, um die Sängerin aus dem Elend dieser Welt rauszuholen. Die dramatische Frisur, ihre Gestik sind dabei der Welt des Schlagers abgeschaut, bevor Farbe und Dieter-Thomas Heck ins Fernsehen kamen.

Hände ringen gegen Himmel, strecken sich hilfesuchend ins Publikum. Es ist ein großes Vergnügen, dieser durch und durch stimmigen Inszenierung, die noch zusätzlich mit schleppenden Beats, verhallten Angelo-Badalamenti-Gitarren und verzweifelten Kieksern Del Reys behübscht wird, zuzusehen: "I heard that you like the bad girls. Honey, is that true?"

Überhaupt die Stimme. Sie erinnert nicht nur an große Pop-Tragödinnen wie Nancy Sinatra, Julie London oder Peggy Lee. Zeitgenössischer kann man auch Parallelen zur nasalen Angriffsstimme einer Stevie Nicks bei Fleetwood Mac ziehen, so diese in ihrer Hochzeit auf Valium vertraut hätte.

Die Produzenten des im Jänner erscheinenden zweiten Debüts "Born To Die" heißen Eg White und Guy Chambers. Ersterer stand schon bei den Welterfolgen von Duffy oder Adele im Hintergrund, Chambers schrieb so gut wie alle Hits von Robbie Williams in dessen großer Zeit. Man muss also davon ausgehen, dass sich bei Lana Del Rey eine selbstbestimmte Karriereplanung zumindest mit gewichtigen künstlerischen Vorstellungen der zwei Produzenten irgendwo in der Mitte treffen und es manchmal kreativ kracht.

Vor einiger Zeit ist Lana Del Rey – im übrigen eine Namenskombination aus dem Vornamen der Hollywooddiva Lana Turner und der alten Automarke Ford Del Rey – nicht ganz ohne Grund nach Europa umgezogen. Sie residiert in London, ihren Plattenvertrag hat sie bei Universal in Berlin unterzeichnet. Mit großer Wahrscheinlichkeit kann ein europäisches Publikum mit den Sichtungen eines falschen Cinemascope-Glamours, abgerockten Stripteasebars und dem in David-Lynch-Filmen aufgehenden Pappmond aus den Trinkeridyllen eines Tom Waits mehr anfangen als die für Metaebene und Subversion im Mainstream nicht gerade bekannten Amerikaner. Historische Versatzstücke dominieren seit gut eineinhalb Jahrzehnten die Popmusik. Diesbezüglich wächst mit Lana Del Rey ein neuer Superstar heran. (Christian Schachinger / DER STANDARD, Printausgabe, 9.12.2011)

  • Lana Del Rey – Born To Die  (Universal)
Ab 27. Jänner 2012 im Handel
    foto: nicole nodland

    Lana Del Rey – Born To Die (Universal)

    Ab 27. Jänner 2012 im Handel

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