Ganztagesschule als Allheilmittel?

Gastkommentar27. Dezember 2011, 09:38
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Unsere Kinder sollen so gut und vielfältig wie möglich gefördert werden. Wer und wie soll/kann das übernehmen?

Bernd Schilcher ist für ein flächendeckendes Angebot an Ganztagesschulen

Wir brauchen ein flächendeckendes Angebot an Ganztagsschulen als Regelschulen, weil die heute zu 72 Prozent berufstätigen Eltern die vielfältigen Aufgaben der Begabungsförderung und der Unterstützung bei Leistungsschwächen wie auch die Vermittlung von sozialen Kompetenzen nicht erfüllen können. Schon heute fehlt in der Halbtagesschule die Zeit für das Wiederholen und Vertiefen. Das wird einfach "out-gesourced" - an die Eltern und die Nachhilfelehrer. (Und kostet dort jährlich 140 Millionen Euro.) Gleichzeitig gibt es in Österreich Jahr für Jahr 40.000 Sitzenbleiber. Dazu kommen 9.000 Schulabgänger ohne Abschluss, die in Kürze teure Abonnenten der Sozialsysteme werden. Schließlich können 25 Prozent der 15-Jährigen nicht lesen und sind auch im Schreiben und Rechnen äußerst schwach. Alles auch eine Folge der Halbtagesschulen. Dazu kommt, dass die überwiegend berufstätigen Familien das alles längst nicht mehr leisten, was von ihnen immer noch verlangt wird: Sporterziehung am Nachmittag, Erlernen von Musikinstrumenten, Theaterspielen, Vertiefung in Naturwissenschaften, weitere Fremdsprachen, grundlegende Wirtschaftskenntnisse und vor allem die Einübung in soziale Kompetenzen. Das alles muss in Ganztagesschulen geschehen. Gar nicht zu reden von der ständigen Begabungsförderung und Förderung jener Schüler, die Schwächen haben: Dafür reicht nur eine Ganztagsschule. Jedenfalls als Regelschule.

Schülerunion-Bundesschulsprecherin Conny Kolmann: "Eltern sollen autonom entscheiden können."

Wenn wir von flächendeckender Ganztagsschule sprechen, ist es wichtig zu beachten, dass diese nicht verpflichtend sein soll, sondern als mögliche Alternative zu der "normalen" Halbtagesvolksschule. Diese gibt 72 Prozent der Kinder, deren Eltern berufstätig sind, die Möglichkeit gut versorgt zu sein, aber auch umfassende Bildung zu genießen. Es ist jedoch wichtig jedem Elternteil autonom die Entscheidung zu lassen, ob das Kind halbtags oder ganztags betreut werden soll.

Es ist zu beachten, dass den Ganztagesschulen Ressourcen in allen Bereichen zur Verfügen zu stellen sind. Die anderen Schulen dürfen darunter aber unter keinen Umständen leiden. So wird gewährleistet, dass jedem Kind eine vielfältig Bildung, welche es auf das Leben, nicht nur auf den Abschluss, vorbereitet. Dabei sind alternative Lernmethoden genauso wichtig wie das Angebot an Möglichkeiten die Freizeit sinnvoll zu gestalten. Durch dieses Modell könnte das "In-die-Schule-Gehen" einen völlig neuen Stellenwert in unserer Gesellschaft einnehmen sowie vielseitiger und individueller angewandt werden. Ob jedoch die Ganztagsschule ein Allheilmittel für alle momentanen Probleme ist, ist kritisch zu hinterfragen. (derStandard.at, 27.12.2011)

Autoren

Dr. Bernd Schilcher ist Ordinarius für Bürgerliches Recht an der Universität Graz.

Conny Kolmann ist Bundesschulsprecherin der Schülerunion.

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  • Kann hier nur die Ganztagesschule "helfen"? Turnen, Erlernen von Musikinstrumenten, 
Theaterspielen und andere Nachmittagsaktivitäten sind für berufstätige Eltern oft ein organisatorisches Problem.
    foto: www.corn.at

    Kann hier nur die Ganztagesschule "helfen"? Turnen, Erlernen von Musikinstrumenten, Theaterspielen und andere Nachmittagsaktivitäten sind für berufstätige Eltern oft ein organisatorisches Problem.

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