PRO
Zwischen Themen der Bildungspolitik wie Gesamtschule und Zentralmatura stellt der Elternsprechtag eine der wenigen unangefochtenen Konstanten dar. Beim Überleben dieser Institution handelt es sich jedoch nicht um reine Bequemlichkeit oder Konservativität. Denn der ursprüngliche Geist hinter den beinahe endlos erscheinenden Warteschlangen am Elternsprechtag liegt im ehrlichen Wunsch, die Eltern aktiv in den Schulbetrieb zu involvieren. An zwei Nachmittagen im Jahr haben Lehrer die Möglichkeit, Eltern auf den neuesten Stand zu bringen, was die Leistungen ihrer Kinder angeht. Darüber hinaus können in einem solchen Gespräch Grenzen bezüglich dessen abgesteckt werden, was Schule leisten kann und soll und wo ihr Aufgabenbereich endet - hierüber sprechen Lehrer nämlich besonders gern im Unterricht. Für Eltern ist es die Chance, innerhalb eines Nachmittags mit mehreren Lehrern zu sprechen. Dabei können sie sich ein Bild vom schulischen Auskommen der Kinder im Allgemeinen machen und, wenn nötig, versuchen, etwas zu ändern. Somit können selbst fünfminütige Gespräche dazu beitragen, ein besseres Verständnis innerhalb der Institution Schule zu schaffen. (Bath-Sahaw Baranow, DER STANDARD, Printausgabe, 7.12.2011)
KONTRA
Die Klassenzimmer sind leer, auf den Gängen ist es ruhig, die Schulglocke läutet nicht. Jedes Semester erlebt das jede Schule einmal - am Elternsprechtag. An diesem sollten sich Eltern und Lehrer zu einem gemeinsamen Gespräch treffen, mitunter auch im Beisein der Schüler. Mittlerweile kommen aber immer weniger Eltern, von den Schülern ganz zu schweigen. Dies liegt sicherlich an der nur fünf- bis zehnminütigen Gesprächsdauer und dem ungünstigen Termin am Nachmittag. So machen sich Eltern, deren Kinder ohnehin gute Schüler sind, nicht den Aufwand, sich einen Nachmittag freizunehmen, und die Eltern "gefährdeter" Kinder kommen lieber in die wöchentliche Sprechstunde. Aber auch die Lehrer scheinen den Termin nicht mehr ernst zu nehmen: Oft findet man auf der Liste ein "Dienstlich verhindert", oder sie sind nur einen Bruchteil des Nachmittags zu sprechen. Jene, die anwesend sind, sitzen meist in leeren Klassenzimmern, während die Schüler gemütlich zu Hause vor der Spielkonsole sitzen. So muss man sich eingestehen, dass der Elternsprechtag seinen ursprünglichen Zweck nicht mehr erfüllt - und der war schließlich nicht, einen freien Nachmittag zu haben. (Tarek Diebäcker, DER STANDARD, Printausgabe, 7.12.2011)