"Ineinander verschlungenes Geben und Nehmen"

5. Juni 2003, 16:30
posten

Zahlreiche Forschungen zum Verhältnis Nationalsozialismus und Universitäten

Wien - Fast 60 Jahre hat es gedauert, aber nun sind die Forschungen über das Verhältnis Nationalsozialismus und Universitäten bzw. Wissenschaft offenbar voll angelaufen. "Derzeit laufen österreichweit rund 30 Projekte zu diesem Thema", sagte der Historiker Mitchell Ash vom Institut für Geschichte der Universität Wien. Ash leitet das Projekt "Hochschulen und Wissenschaften im Nationalsozialismus und danach", das beim Symposium "Österreich und der Nationalsozialismus - Die Folgen für die wissenschaftliche und humanistische Bildung" am Donnerstag präsentiert wurde.

Ash ist mit seinem Projekt angetreten, eine Art Forschungsnetzwerk zu errichten und die Leistungen der verschiedensten Disziplinen und Wissenschafter aufzuzeigen. Auch eine CD-ROM mit Kurzfassungen der Projekte ist erschienen. Lange galt an den Unis die Ansicht, dass die Wissenschaft von den Nazis missbraucht und quasi ein instrumentalisiertes Opfer gewesen sei. Tatsächlich habe ein ineinander verschlungenes Geben und Nehmen geherrscht, ist Mitchell überzeugt.

Fehlende Aufarbeitung

Dabei sind eindeutige Nehmer seitens der Universitäten nach 1945 durchwegs im Amt geblieben, eine Aufarbeitung ist lange überhaupt nicht passiert. Nur sehr zögerlich sind dann doch einige wenige Beispiele an die Öffentlichkeit gelangt. Durch die Medien gingen etwa der Fall des Anatomen Eduard Pernkopf mit seinem Atlas, der in das so genannte Euthanasie-Programm verwickelte Arzt Heinrich Gross und Nobelpreisträger Konrad Lorenz. Wieso nur einige prominente Beispiele in die Öffentlichkeit gelangten, ist für Ash nach wie vor nicht ganz klar. "Da müssen Sie auch die Medien fragen", so der Historiker.

Die rund 30 Forschungsprojekte zum Thema Universitäten und Nationalsozialismus sind breit gefächert. Sie reichen von Untersuchungen über die Vertreibung von jüdischen Wissenschaftern und den dadurch bedingten Aderlass für die Forschung über die Zensur in Universitätsbibliotheken bis hin zu wissenschaftlich-theoretischen und auch aktiven Beiträgen von österreichischen Wissenschaftern zur so genannten Rassenhygiene der Nationalsozialisten.

Frühe Auswirkungen der nationalsozialistischen Ideologie

In einem gemeinsamen Projekt des Instituts für Soziologie der Universität Graz (Leitung: Christian Fleck) und des Instituts für Experimentalphysik der Universität Wien (Leitung: Anton Zeilinger) untersuchten die Forscher das Schicksal von aus Österreich emigrierten Physikern und Technikern. Dabei zeigt sich in Interviews mit Betroffenen der zweiten Generation, dass die Auswirkungen der nationalsozialistischen Ideologie bereits lange vor 1938 merkbar wurden. So wurden bereits in den 20-er Jahren Wissenschafter aus "rassischen Gründen" nicht habilitiert. Auch die Emigrationen begannen schon früher.

Insgesamt war die Zahl der aus den Universitäten vertriebenen Physiker kleiner als vermutet. Dies scheint im Widerspruch zu häufigen Meldungen über Erfolge von aus Österreich emigrierten Physikern - bis hin zu Nobelpreisen - zu stehen. Fleck vermutet, dass viele erst nach ihrer Vertreibung bzw. Emigrationen begannen, Physik zu studieren. Auffallend ist jedenfalls, dass nach dem Krieg nur wenige Emigranten nach Österreich zurück kehrten. Es gab auch keine Bemühungen dazu von offizieller Seite. (APA)

Share if you care.