"Greening" Agrarförderung

Die Produktivitätskeule

Kommentar | Roman David-Freihsl, 6. Dezember 2011, 19:32

Kaum werden ökologische Bedingungen für Förderungen diskutiert, wird schon die Argumentationskeule der "Versorgungssicherheit" ausgepackt

Das Vorhaben, die Direktförderungen der EU für die Landwirtschaft ab 2014 zu ökologisieren, löst naturgemäß geteilte Reaktionen aus. Geld soll es nur noch geben, wenn maximal 70 Prozent einer Kulturart und mindestens drei Pflanzenarten angebaut werden. Grünland wird geschützt, und es müssen mindestens sieben Prozent der Fläche als ökologische Vorrangflächen bereitgehalten werden. Gleichzeitig sollen Kleinbauern besser unterstützt und Zuschüsse für Großbetriebe gedeckelt werden.

Seitens der bisherigen Kritiker des agrarischen europäischen Fördersystems wird dieser Plan nahezu einhellig begrüßt. Der neue Bauernbund-Chef Jakob Auer wiederum kritisierte gleich nach seiner Wahl am verwichenen Samstag die "bürokratischen Greening-Maßnahmen": Es brauche eine produzierende, keine stillgelegte Landwirtschaft.

Kaum werden ökologische Bedingungen für Förderungen diskutiert, wird also schon die Argumentationskeule der "Versorgungssicherheit" ausgepackt: Selbstverständlich muss es eine Balance zwischen Produktivität und Ökologisierung geben. Aber eines darf nicht passieren: Dass die Begehrlichkeiten einer industrialisierten Produktion über das Ziel einer nachhaltigen Landwirtschaft gestellt werden.

In anderen Bereichen der Wirtschaft sind Umweltauflagen eine Selbstverständlichkeit. Es wäre nicht einzusehen, warum ausgerechnet im Agrarsektor die maximale Produktivität das allein bestimmende Maß sein sollte. (DER STANDARD, Printausgabe, 7./8.12.2011)

Kommentar posten
15 Postings
Salz Burger
00
7.12.2011, 15:09

Also eigentlich wird sich nicht viel ändern.
Die Auflagen erfüllt sowieso jeder normale Betrieb locker. Je größer, desto leichter.

Logyal
00
7.12.2011, 12:29
Vorgestrige Funktionäre

Zu den Argumenten der vorherigen Postings sei hinzuzufügen:
Konventioneller Anbau gefährdet die "Versorgungssicherheit":
Wie der Agronom Claude Bourgignon darlegte, sind im konventionellen 90% der Böden TOT. Um Lignin abbauen zu können, braucht es Pilze. Um den verbrauchten Humus zu regenerieren, braucht es Regenwürmer und Insekten. Zitat: "Was würde denn passieren, wenn wir die Chemie nicht mehr hätten? -gar nichts -weil alles tot ist".
Der Ackerboden -heute zunehmend Spekulationsobjekt- wurde zum Substrat für chem. Nährstofe -wie die Steinwolle in den Gewächshäusern.
http://www.koreus.com/video/ale... bylone.htm

Salz Burger
00
7.12.2011, 15:03

An diesen Argumenten stimmt etwas nicht. Wenn 90% der konventionellen Böden tot wären, wieso werden dann die Erträge immer höher?
Da ist nichts tot. Auch auf konventionellen Ackerböden gibt es Leben, unter anderem auch Regenwürmer. Und auch die Chemie wird immer sparsamer eingesetzt, weil die Pflanzenschutzmittel immer besser werden und außerdem immer leichter abbaubar sind.

Logyal
00
7.12.2011, 16:32
Umdenken tut Not

Die Erträge sinken, sie stiegen kurz -nach der Einführung der Kunstdünger. Mit dem Humusrückgang fällt auch der Ertrag.
In Frankreich -Agrarland Nr1- gibt es bereits Flächen, auf welchen der Schotter sichtbar wird. (Eine Gegenmaßnahme, gennnat "agroforesterie" studiert die Pflanzung von Baumreihen in den Kulturen zur Humusrückführung).
Fungizid = kein Ligninabbau.
Das Problem mit "zuviel Pilzen" (ich denke sie meinen AUF den Kulturpflanzen) sind anfällige Pflanzen (Klone, Hybride statt varietät) und kranke Böden. Der Punkt am BIO-Anbau ist, gesunden Boden zuzulassen.
Walgarten hat die 3-fache Produktivität als Monokulturen, wenn auch nicht die anfälligen und anspruchsvollen Kulturpflanzen Mais, Reis und Weizen (über. 80% unserer KH)

Salz Burger
00
7.12.2011, 17:45

Kurz nach der Einführung der Kunstdünger? Das ist jetzt 70 oder 80 Jahre her. Wie lange ist bei Ihnen kurz?
Je länger das dauert, desto mehr Leute kommen drauf, dass das Märchen, das uns manche einreden wollen, konventionelle Landwirtschaft würde die Böden kaputt machen, nicht stimmt. In manchen Bereichen sind es sogar die Biobauern, die ihren Boden mit dem Schwermetall Kupfer vergiften, während moderne Landwirte Pflanzenschutzmittel verwenden, die sich biologisch abbauen.
Aber das passt halt nicht in die Bio-Werbung. Sprechende Schweinderln schon.

Logyal
00
8.12.2011, 12:20
Produktionsabfall

läßt sich weltweit beobachten, Stichwor "grüne Revolution".
Der zitierte Agronom arbeitet privat (Bodenbiologen wurden in F -INRA- wegrationalisiert, als man bemerkte, was der Effekt von konventionellem Landbau ist) und ist im Gelände unterwegs -was für mich glaubhafter ist, als eine Behauptung.
Kupfer ist kein "SChwermetall" & wird von allen Weinbauern verwendet und die BIO-Bauern sind sich der Problematik bewußt (Limit).
Cadmium, Uran und Polonium -aus Kunstdünger sind aber sehr wohl schädliche Metalle...

metalwoman
00
7.12.2011, 15:58

Jene Landwirte, die immer noch glauben viel düngen = viel Ertrag sind am Aussterben. Heute lernt jeder in der Landwirtschaftsschule das Gesetz vom abnehmenden Ertragszuwachs.
Die ÖPUL-Bauern arbeiten alle schon mit einem Computerprogramm, das aus der ausgebrachten Düngermenge (auch eigener Dünger wie Mist und Odel gehören dazu) errechnet, ob man nicht etwa zu viel gedüngt hat. Und bei einer Kontrolle oder bei der Bodenprobenahme kommt man dann sicher drauf, wenn jemand krumme Dinger gemacht hat. Außerdem sind Kunstdünger und Pflanzenschutzmittel ja auch nicht gerade billig. Auf dem Betrieb meiner Eltern wird so etwas jedenfalls sehr sparsam eingesetzt.

Salz Burger
00
7.12.2011, 17:42

Das Gesetz vom abnehmenden Ertragszuwachs lernten die Bauern in ihren Schulen schon vor 50 Jahren. Das ist nichts Neues. Düngen scheint sich aber trotzdem auszuzahlen. Im Vergleich zum Aufwand ist der zusätzliche Ertag nämlich ganz beträchtlich. Natürlich wird so was sparsam eingesetzt.

Dass die ÖPUL-Bauern alle mit Computern arbeiten, das wage ich ganz stark zu bezweifeln. Die ausgebrachte Düngermenge aufzeichnen, das geht auch ohne Computer. Da braucht man nicht mal einen Taschenrechner.

Pierre d´Aubusson
00
7.12.2011, 14:32

Wenn Sie den Boden nicht sterilisieren und steril verpackt halten werden Sie mit dem Abbau von Holz/Lignin etc keine Sorge haben. Bauern haben eher das Problem mit zuviel Pilzen.
Das Problem waren da eher die vielen Jahr in denen es keinen Nachschub an verrottbarem strukturbildenden Material gab. Das ist aber schon länger her.

Peter G
00
7.12.2011, 11:14
Versorgungssicherheit ??

Wie bitte ?

Die EU muss Lebensmittel exportieren, weil sie in der EU nicht verbraucht werden können.

Salz Burger
01
7.12.2011, 15:07

Den Unsinn, die Produktion in Entwicklungsländern kaputt zu machen indem man die Überschüsse dorthin verschenkt, der wurde/wird ja gerade eingestellt.
Gegen den Export an Kunden, die dafür ordentlich bezahlen, gibt es eh nichts einzuwenden.

Aber es ist halt die Masche mancher Leute, so zu tun, als wäre die Versorgung in Gefahr. Möglicherweise kommen da alte Zeiten der Hungersnöte in früheren Jahrhunderten aus der Erinnerung hoch.

freudenstein
01
7.12.2011, 08:14
Also was mich betrifft...

empfinde ich Jakob Auer als arroganten, reaktionären ÖVP-Politiker und Raiffeisen-Multifunktionär. Was soll man von dem an weitsichtigen Visionen erwarten.

Salz Burger
00
7.12.2011, 15:08

Wenn Ihr Hass auf ÖVP und Raiffeisen nicht so groß wäre, hätten Sie mitbekommen, dass er die Raiffeisen-Funktionen, die ja meistens zusammenhängen, abgibt.

metalwoman
03
6.12.2011, 21:04

Im ÖPUL-Programm muss man als Landwirt schon jetzt einen gewissen Prozentsatz seiner Ackerfläche begrünen, soviel ich weiß sogar mehr als 7 Prozent. Für diese Landwirte ist das also nichts neues.
Maximale Produktivität ist für die öst. Bauern meist gar nicht möglich, geschweige denn zielführend.
Mir ist aber ohnehin nicht neu, dass die Bauernbündler die Interessen des typischen österreichischen Kleinbauern nur soweit vertreten, wie es auch den "Großen" Vorteile bringt.

Pierre d´Aubusson
00
7.12.2011, 14:41
Warten auf 2014

Naja, immerhin habe ich da das Wort "gedeckelt" irgendwo gelesen. Aber wenn ich 7% quasi stillegen soll - riesige Ländereien wie ich hab - und das vielleicht ganze Grundstücke sein sollen, dann hab ich ein Problem: 7% geht nicht, das kleinste sind 14% und dafür müßt ich meinen besten Weingarten roden...
Da müssen die Kleinen rechtzeitig auf die Barrikaden, zahlenmäßig viele wären es ja...

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