Das Ende von "Wetten, dass..." könnte eine Chance sein. Jahrelang vernachlässigte US-Serien haben sich mittlerweile zu einer eigenen Kunstform entwickelt, die packend Folge für Folge unterhalten. Da braucht man keinen Gottschalk mehr - Von Yascha Mounk
Thomas Gottschalk hört bei "Wetten, dass..." endlich auf, und eine ganze Nation sorgt sich um seine Nachfolge. Wer kann bloß Gottschalk, der mit seiner Goldmähne Glamour und mit seinen stinklangweiligen Fragen Bodenständigkeit versprühte, ersetzen? Gibt es ein, oh schreckliches Wort, "Moderatorennachwuchstalent", das es so konsequent wie er schaffen könnte, ohne jeden ersichtlichen Grund Stunden zu überziehen? Wird der Deutschen letzter Zusammenhalt, die samstagabendliche Wettrunde beim Gummibärchenmillionär, unwiederbringlich verloren gehen?
Ich hoffe es inständig. In den letzten zwanzig Jahren bestand die größte Modernisierung des Showformats darin, im Titel das alte "ß" durch das von der Rechtschreibreform aufoktroyierte "ss" zu ersetzten. Und so gehört "Wetten, dass..." eben weiterhin in eine andere Zeit: in eine Zeit, in der wir amerikanische Superstars nur auf Gottschalks Sofa, und nicht etwa auf Youtube, in unser Wohnzimmer locken konnten. Und, ja, auch in die gemächlichere, provinziellere Zeit der Bonner Republik, als der durchschnittliche Deutsche Gottschalk vielleicht noch ohne Ironie für einen Mann der Welt halten konnte.
Es wäre natürlich unfair, diese Altbackenheit Gottschalk und "Wetten, dass..." alleine anzukreiden. Die Berliner Republik, die bei all ihren Problemen in den letzten zwanzig Jahren fraglos bunter, vielfältiger und auch weltgewandter geworden ist, braucht einfach kein Staatsaktfernsehen im Stile der alten Samstagabendshows mehr. In den drei Stunden, die diese Shows beim ZDF verschwenden, könnten die Programmmacher stattdessen eine der fantastischen amerikanischen oder britischen Fernsehserien bekannt machen, die im deutschen Fernsehen während Gottschalks Dominanz unerklärlicherweise ignoriert wurden.
Fernsehserien als Kunstform
Denn während Hollywood in den vergangenen Jahren zu einer immer dumpferen Fabrik für Actionfilme, seichte romantische Komödien und obszöne Slapstickkalauereien verkommen ist, haben sich amerikanische Fernsehserien zu einer ernst zu nehmenden Kunstform fortentwickelt. Aber die besten Serien wurden in Deutschland entweder gar nicht erst gezeigt, schnell abgesetzt, oder von vornherein spätabends im Bezahlfernsehen versteckt - und außerdem auch noch mit mittelmäßigen Schauspielern totsynchronisiert.
Dies fing schon in den Neunzigerjahren an. "Seinfeld" - eine feine, intelligente, pessimistische Serie, die in den USA das Genre der Sitcoms revolutionierte - wurde hierzulande durchweg ignoriert. Stattdessen schauten Deutsche weiter "Friends", "Alf" oder gar die "Al Bundy Show". Dieser Trend setzte sich auch im vorigen Jahrzehnt fort. Während in Amerika anspruchsvolle Komödien wie "Curb Your Enthusiasm", "Arrested Development" und jetzt das fantastische "Louie" immer mehr Zuschauer für sich gewinnen konnten, glotzten die Deutschen "Hör mal wer da hämmert", "Die Nanny" oder das unsäglich dämliche "Two and a Half Men".
Und es liegt wohl nicht nur an einem etwaigen Antiamerikanismus. Denn auch die besten britischen Serien, wie "Blackadder", "Yes, Minister" und "Peep Show", die es in ihrem Sprachwitz locker mit Oscar Wilde aufnehmen können, sind in Deutschland weitgehend unbekannt. Für "The Office", eine der ehrlichsten und härtesten Sendungen, die man sich über den Büroalltag hätte ausdenken können, hatten sich deutsche Fernsehproduzenten sogar die schlimmste Strafe erdacht: Es wurde in Deutschland zum ekelerregenden "Stromberg" verulkt.
Packende Unterhaltung - Folge für Folge
Nun gut: Der Humor ist eben Geschmacksache. Aber die größten Defizite hat das deutsche Fernsehen nicht in der Kategorie der halbstündigen Fernsehkomödien, sondern in dem ganz neuen Genre der anspruchsvollen, vollstündigen Romanserien. Das engste deutsche Pendant zu ihnen ist vielleicht die Kultserie "Heimat". Denn so wie "Heimat" ist diese neue Art von Serie aufwendig produziert, ästhetisch ansprechend, fantastisch dargestellt, und vor allem von der ersten bis zur letzten Folge dramaturgisch durchdacht.
"The Sopranos" war wohl die erste große Serie, die diese Verwandlung anstieß. Aber viele ebenso großartige Serien folgten. "The Wire" ist ein so eindringliches Porträt des Ghettos in Baltimore, dass Harvards Soziologen einen ganzen Kurs über die Serie abhielten. "Mad Men" hat mit seiner stilsicheren Darstellung der 60er-Jahre nicht nur die amerikanische, sondern indirekt auch die deutsche Mode verändert - ist hier aber trotzdem kaum bekannt. Und "Breaking Bad", ein fantastischer Fernsehthriller über einen biederen Chemielehrer, der aus Geldnot zum Drogenbaron wird, steckt zwar noch in den Kinderschuhen, ist bisher aber ähnlich packend.
Es müsste nicht so sein ...
Kein Wunder also, dass selbst ein berühmter und snobistischer amerikanischer Romanschriftsteller wie Jonathan Franzen - der Oprah Winfrey einst bat, "Die Korrekturen" ja nicht in ihrer Sendung zu besprechen - nun in Kooperation mit dem Sender HBO gerade diesen Roman zu einer Fernsehsendung entwickelt.
So wie der Roman im Laufe des 18. Jahrhunderts langsam zu einer ernst zu nehmenden Kunstform reifte, so tut es gerade auch das Fernsehen. Die Gründe dafür sind vielfältig, aber einer ist vielleicht zentral: Durch immer bessere und billigere Kameratechnologie ist es mittlerweile möglich, auch mit einem begrenzten Budget ästhetisch anspruchsvoll zu drehen.
Während das Fernsehen aber in den USA und in Großbritannien mittlerweile auch von Schriftstellern wie Franzen als künstlerische Ausdrucksform ernst genommen wird, schimpfen deutsche Intellektuelle weiter auf die verdummende Glotze. Wenn es außer "Wetten, dass...", "Tatort" und "Two and a Half Men" im deutschen Fernsehen nichts zu sehen gibt, ist dies ja kein Wunder. Aber es müsste nicht so sein ... (Yascha Mounk, derStandard.at, 7.12.2011)
Autor
Yascha Mounk, The Euroepan, ist Doktorand in Harvard und Herausgeber des von ihm mitbegründeten Magazins The Utopian. Als freischaffender Journalist schreibt Mounk für europäische und amerikanische Publikationen wie die New York Times, den International Herald Tribune und den Boston Globe.