Festschrift für den Schattenvermesser

6. Dezember 2011, 19:01
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Ein umfangreicher Sammelband würdigt den Historiker Gerhard Botz, der kürzlich 70 Jahre alt wurde

"Ich werde Monate brauchen, den Unsinn zu widerlegen", soll der deutsche Historiker Theodor Mommsen gesagt haben, als ihm zu seinem 60. Geburtstag eine Festschrift überreicht wurde. Gerhard Botz ließ es sich vergangene Woche anlässlich der Überreichung einer etwas verspäteten Festschrift zu seinem 70. Geburtstag nicht nehmen, diesen Ausspruch des großen deutschen Kollegen in seiner launigen Rede zu zitieren.

Es könnte gut sein, dass der streitbare Zeithistoriker, der im März 1941 in Schärding geboren wurde, im Fall seiner Festschrift sowohl aus qualitativen wie quantitativen Gründen mit seiner ausgeborgten Ankündigung überfordert sein könnte: Der eben erschienene Band Politische Gewalt und Machtausübung im 20. Jahrhundert Zeitgeschichte, Zeitgeschehen und Kontroversen umfasst nämlich zum einen mehr als 700 eng bedruckte Seiten. Und die rund 50 Beiträge stammen zum überwiegenden Teil von führenden österreichischen und internationalen Kollegen der Zunft - wie eben unter anderem auch Ian Kershaw, der anlässlich der Präsentation der Festschrift den Hauptvortrag hielt. Da könnte es mit dem Widerlegen etwas schwierig werden.

Das Cover des Bandes, den vier junge Mitarbeiter des von Botz gegründeten Ludwig-Boltzmann-Instituts für Historische Sozialwissenschaft herausgegeben haben, würdigt eine der vielen bahnbrechenden Forschungsarbeiten des Jubilars: Mithilfe der Schatten auf historischen Fotos sowie nachgestellten Vergleichsaufnahmen gelang es ihm, die genaue Chronologie der Ereignisse des Justizpalastbrands 1927 zu rekonstruieren - was ihm in der Zeit den Titel "Schattenvermesser" eintrug.

Zu weiteren wichtigen Werken von Botz, der an den Unis in Linz, Salzburg und zuletzt in Wien lehrte, wo er vor zwei Jahren auch emeritierte, zählen seine Schriften über den "Anschluss" sowie Fallstudien über Wien im Nationalsozialismus. Der Zeithistoriker war aber auch an etlichen methodischen Innovationen beteiligt: am Einsatz von "Oral History" ebenso wie an der Quantifizierung in der Zeithistoriografie.

Botz' Arbeit war dabei immer mit gesellschaftspolitischem Engagement und einer Lust an der Provokation verknüpft. Diese machte den Umgang mit Botz nicht immer ganz einfach, weshalb die Festschrift auch mit einem Text unter dem Titel Botz verstehen! endet. Zumindest diesen Artikel könnte er ja wirklich noch widerlegen. (tasch)


Heinrich Berger u. a. (Hg.), "Politische Gewalt und Machtausübung im 20. Jahrhundert. Zeitgeschichte, Zeitgeschehen und Kontroversen. Festschrift für Gerhard Botz", Böhlau-Verlag 2011

  • Gerhard Botz, streitbarer Zeithistoriker.
    foto: standard/corn

    Gerhard Botz, streitbarer Zeithistoriker.

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