Doping-Diskussion

"Man kommt sich ein bisserl verarscht vor"

David Krutzler, Fritz Neumann, Benno Zelsacher, 6. Dezember 2011, 17:54
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    "Das Problem ist die Analyse. Wir hinken immer nach", sagt Schwab.

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    "Heuer ist ein schlechtes Jahr. Ich bin nicht oft kontrolliert worden", sagt Mayr.

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    Die illustre Runde beim Wirt'n.

Diesmal beim Wirt'n: Marathon-Rekordlerin Andrea Mayr und Anti-Doping-Chef Andreas Schwab über Moral und Haschisch-Wolken

Wien - Noch ehe er Platz nimmt und sich das kleine Bier bestellt, mit dem er eineinhalb Stunden auskommen wird, legt Andreas Schwab Broschüren der Nationalen Anti-Doping-Agentur (Nada) auf den Stammtisch. "Wer dopt, verliert", steht auf der Titelseite. "Wer nicht dopt, verliert", wirft einer - typisch Stammtisch - ein. Andrea Mayr (zuerst Fruchtsaft gespritzt, dann heiße Schokolade ohne Schlag) wird darauf zurückkommen.

"Wer leitet ein Dopingverfahren ein?", will Mayr gleich wissen. "Man sagt, das ist die Nada, aber wer ist das wirklich?" "Toll, dass du die Frage gleich am Anfang stellst", sagt Schwab. "Wir merken nämlich, dass sich die meisten Leute überhaupt nicht auskennen." Und dann erzählt Schwab, dass schon ein begründeter Verdacht ausreicht, um ein Verfahren vor der unabhängigen Rechtskommission einzuleiten.

Mayr: "Was heißt Verdacht?" Schwab: "Bei Steffi Graf gab es einen." Mayr: "Den Verdacht hatte ich schon vor Jahren." Schwab: "Warum bist du dann nie gekommen und hast dich als Zeugin zur Verfügung gestellt? Eine Vermutung reicht nicht aus. Wir brauchen auch einen Beweis. Bei Graf war es so, dass wir Unterlagen bekommen haben und dass sie auch selber öffentlich gesagt hat, dass sie bei Humanplasma gewesen ist."

Standard: Wer ist die Kundschaft der Nada?

Schwab: "Jene Sportler, die in den verschiedenen Testpools sind. Es sind insgesamt 1200. Wir konzentrieren uns auf die 250 im internationalen Testpool. Das Personal und die Analyse von Blut und Urin auf alles, was derzeit bekannt ist, kostet 1000 Euro. Das Problem ist die Analyse. Wenn ein Sportler medizinisch perfekt betreut ist, einen Chemiker hat, weiß er bei jeder Substanz genau die Grenze, ab der sie nachgewiesen werden kann. Wir hinken immer nach."

Standard: Heißt das, dass Dopingkontrollore ohnehin keine Chance haben?

Mayr: "Das klassische Beispiel ist Marion Jones, die gesagt hat, dass sie genau 198-mal negativ getestet worden ist. Die US-Sprinterin gestand, dass sie jahrelang gedopt hatte, musste Olympia- und WM-Medaillen zurückgeben." Schwab: "Wir wissen, dass Weltklassesportler bis zu 100.000 Euro für Doping ausgeben. Das Geld ist oft gut investiert. Aber das Risiko ist groß. Wer erwischt wird, dem droht das Karriereende."

Täglich müssen Sportler online bekanntgeben, wo sie zu einer selbst gewählten Stunde für einen möglichen Dopingtest zur Verfügung stehen. Mayr: "Mir wäre es am liebsten, ich müsste das nicht immer in das Meldesystem eingeben. Man könnte mich ja auch übers Handy orten, ich würde auch ein Ketterl um den Hals tragen oder ein Armband. Die Kontrollore können mich testen, so oft sie wollen. Ich verstehe aber andere, die sagen, dass das ein Eingriff in die Privatsphäre ist."

Standard: Wie oft sind Sie schon getestet worden?

Mayr: "Heuer ist ein schlechtes Jahr. Ich bin nicht oft kontrolliert worden, das letzte Mal irgendwann im Mai. Aber im Schnitt sind es sicher 20 Kontrollen im Jahr." Weshalb Mayr Laufkollegin Graf verdächtigt hat? "Wir haben sie beim Medizinstudium als Beispiel geschildert bekommen, wie sich Wachstumshormone auf den weiblichen Körper auswirken. Die charakteristischen Gesichtszüge etwa oder der Muskulaturzuwachs. Verurteilt worden ist sie aber wegen etwas anderem."

Die Causa des Schwimmers Dinko Jukic, der trotz Verweigerung eines Tests nicht gesperrt worden ist, stößt Mayr sauer auf. "Der hat sich beschwert, dass er von den Kontrolloren Besuch während seines Trainings bekommen hat. Den Zeitpunkt hat er sich selbst ausgesucht. Warum hat die Nada beim Jukic-Urteil auf weitere Rechtsmittel verzichtet?" Schwab: "Wir hätten kein weiteres Beweismittel aufbieten können. Der einzige Fehler war, dass die Kontrollore nicht konsequent genug vorgegangen sind. Und das Verhalten des Herrn Jukic nicht ausreichend dokumentiert wurde. Jukic hat Glück gehabt."

Der Herr Wirt hat ja nicht viel abzuservieren, also setzt er sich dazu: "Viele dopen, Frau Mayr. Ist man nicht eifersüchtig auf die, die ungeschoren davonkommen?" Mayr: "Natürlich, man kommt sich ein bisserl verarscht vor. Bei besseren Leistungen kriegt man mehr Sponsoren, Förderungen, kann höhere Startgelder aushandeln. Darauf ist man neidisch. Auf den Erfolg aber nicht. Ich weiß ja, dass ich meine Leistungen sauber erbracht habe. Ich verstehe nicht, dass sich ein Athlet freut, wenn er weiß, dass er seinen Erfolg nicht selbst zusammengebracht hat."

Standard: Betrug im Sport mittels Doping ist allgegenwärtig. Ist der Sport ein Spiegel der Gesellschaft?

Mayr: "Ich wollte schon einmal aufhören deshalb. Da hat mein Trainer zu mir gesagt: 'Deshalb brauchst du nicht aufhören. Im Berufsleben hast du das eins zu eins. Warum sollen Sportler moralischer sein?' Aber wenn ich den Sport in seiner Grundidee sehe, als Freizeitbeschäftigung, ist das Doping völlig absurd. Und doch dopen so viele Freizeitsportler."

Man könnte Doping doch liberalisieren. Schwab: "Das würde den Sport kaputt und gefährlich machen." Mayr: "Stimmt. Momentan glauben die meisten noch, dass Weltrekorde auch sauber unterboten werden können."

Was in den Körper eines Sportlers gelangt, sei seine Sache, sagt Schwab. Im Ernst. Mayr wird lustig: "Ich bin froh, dass Haschisch nicht mehr auf der Dopingliste steht. Bei Trainingsläufen im Prater bin ich schon öfters durch eine Rauchwolke gelaufen und habe das Zeug unfreiwillig inhaliert." Herr Wirt, zahlen bitte. Mayr und Schwab müssen zum Training. (DER STANDARD, Printausgabe, 7.12.2011)

Zu den Personen:

ANDREAS SCHWAB (59) ist Geschäftsführer der 2008 gegründeten Nationalen Anti-Doping-Agentur Nada. Der Steirer war früher Generalsekretär der Sporthilfe. Olympia-Vierter 1976 in Innsbruck als Bremser im Zweierbob.

ANDREA MAYR (32), Welt- und Europameisterin im Berglauf, Staatsmeisterin über 10.000 Meter, Marathon-Rekordlerin und für Olympia 2012 qualifiziert. Die Oberösterreicherin arbeitet als Turnusärztin im Wiener Heeresspital.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 100
1 2 3
normative Kraft des Faktischen
21
8.12.2011, 17:05
Wer wirft den ersten Stein

Die größten Kritiker der Elche waren früher selber welche

Tiger00
04
7.12.2011, 13:32
wie passend

Schwab war "Bremser" während seiner aktiven Sportlerkarriere ;-)

weisskeinennamen
00
7.12.2011, 16:28

du wirst doch nicht unterstellen wollen, dass im Bobsport gedopt werden würde? ;)

anahotimmadesbummal
00
8.12.2011, 12:10

Sein damaliger Partner im Viererbob hat später "gewisse Pillen" zugegeben, Schwab hatte damals natürlich nichts bemerkt, siehe http://derstandard.at/3398905 . Somit ideale Voraussetzungen als Österreichischer NADA-Chef.

weisskeinennamen
01
8.12.2011, 12:13

ich weiss was er einmal hsz-neulingen bei der einrückung erzählt hat und ich war dabei als er eine ex-sportlerin zu einem comeback motivieren wollte.

eigentlich untragbar und absolut heuchlerisch

anahotimmadesbummal
00
8.12.2011, 12:25

öffentlich machen!

harakiri
01
7.12.2011, 12:32
Geh stampft's doch den Schwab ein...

Bekka
 
01
7.12.2011, 12:08
"Ich verstehe nicht, dass sich ein Athlet freut, wenn er weiß, dass er seinen Erfolg nicht selbst zusammengebracht hat."

Gibt's überall. Wer hat noch nie einen Fußballer gesehen, der nach einem mit der Hand erzieltem Tor jubelnd wegläuft?

Man stelle sich vor - so ein Tor entscheidet ein WM-Finale. Freut sich der dann, dass er Weltmeister geworden ist? Freuen sich seine Mitspieler?

Also ich wäre als Teamkollege extrem wütend, weil er mir die (wahrscheinlich) einmalige Chance gestohlen hat, den Titel zu gewinnen. Ich wüsste mein Leben lang, dass er nichts zählt, weil er durch Betrug zustande kam.

Es gibt schon seltsame Menschen. Da trainiern sie ein Leben lang hart - und dann verzichten sie freiwillig auf den (echten) Erfolg. Nämlich auf das Wissen: "Ich war der Beste".

Heavyweather
00
28.12.2011, 00:33

Es ist doch völlig wurscht wer schneller ist oder höher hupft.
Das macht der genau ein paar Mal dann ist alles wieder vorbei.
Ich verstehe auch nicht warum sich überhaupt jemand passiv für Sport interessiert.
Diese Leute sind wie moderne Gladiatoren und werden einfach für TV Rechte und zum Gaudium des Zuschauers verheizt.

werthers leiden
06
7.12.2011, 12:32

Auch ziemlich unfair:
man trainiert sein ganzes Leben lang hart - und dann kommt einer, der zufällig bessere (genetische) Anlagen hat, weniger trainiert und doch mehr erreicht...

walter kogler
02
7.12.2011, 11:49

gerade als ärztin sollte sie doch anmerken, dass spitzensport ungesund ist und marathon sowieso gesundheitsschädigend ist - auch für hobbysportler

Arnold Strong
01
8.12.2011, 15:22

Einen Marathon zu laufen ist ungesund. Aber einen Marathon laufen zu können, ist nicht ungesund.

Andreas the cup
00
7.12.2011, 21:58

so ein blödsinn. welche fakten belegen diese aussage?

weisskeinennamen
00
8.12.2011, 12:15

stimmen tut diese aussage schon. spitzensport ist im allgemeinen nicht gesundheitsfördernd, allerdings hat das noch keinen zusammenhang mit doping

Bilderrahmen
04
7.12.2011, 11:39

Mit Karin Mayr ist nicht gut Kirschen essen, das weiß auch unser Rainer:

http://www.youtube.com/watch?v=lXud-_1wg2g

shaki1
00
7.12.2011, 11:22
Lustig?

Zu diesem Artikel verschwinden nicht nur Postings, sondern auch Bewertungen...

baseballer
02
7.12.2011, 11:17
Haschisch

"Ich bin froh, dass Haschisch nicht mehr auf der Dopingliste steht."
-> THC Abbauprodukte stehen nach wie vor auf der Dopingliste und sind bis zu 8 Wochen nachweisbar.
Hier kontrolliert man sogar strenger als ein Amtsarzt einen Konsumenten kontrollieren würde um seine abstinenz zu überprüfen.
NADA 15ng, Amtsarzt 25ng
Man wird hier sogar gesperrt wenn man 8 Wochen vorher einen Ausflug nach Holland gemacht hat und somit die Abbauprodukte noch vorhanden sind.

pudd!ng
01
7.12.2011, 14:48

mal abgesehen davon, das passiver konsum vom aktiven unterschieden werden kann (ein gutes labor vorausgesetzt) wird kein mensch positiv weil er durch ne rauchschwade rennt...

außerdem, gras und doping??
selten so gelacht

Rahoul
00
7.12.2011, 21:34
Das folgende ist von Robin Williams (Live on Broadway, 2002):

"Marijuana enhances many things: colors, flavors, sensations,... but you are certainly not fucking EMPOWERED. When you're stoned, you're lucky if you can find your own goddamn feet."

Ein Klassiker, gibt's sicher irgendwo auf youtube :-)

qqq
 
14
7.12.2011, 11:11
antidoping

wird von der gesellschaft unterlaufen :
ein dopingsünder darf co-moderator spielen, knauss, schon seit jahren
in der werbung : doping für ihre haar, etc...
ergo - die gesellschaft erklärt doping zum kavaliersdelikt, jede anstrengung verläuft so im sand...

gratis trinken
10
7.12.2011, 10:52

ganz ohne kommt nicht mal mehr die mayr aus. den märchen kann sie jemand anderen erzählen.

Bekka
 
00
7.12.2011, 11:54
den vorwurf: "mochn eh olle"

äußern meistens personen, die in vergleichbaren situationen kein problem damit hätten, selbst zu betrügen.

Bekka
 
00
7.12.2011, 11:54
den vorwurf: "mochn eh olle"

äußern meistens personen, die in vergleichbaren situationen kein problem damit hätten, selbst zu betrügen.

Heiner Berger
04
7.12.2011, 11:14
"den märchen" und die damit verbundene beschuldigung hätten sie besser für sich behalten

[Cotton]
01
7.12.2011, 10:35
VerNADArung

Man hat immer irgendwie das Gefühl, die Nada möchte sich regelmäßig mit ihren konfusen und fragwürdigen Aktionen (neuerdings gegen Hoffmann) in den Mittelpunkt rücken und ihre Daseinsberchtigung, die schlussendlich ja mit unserem Steuergeld finanziert wird, untermauern. Muss ziemlich anstrengend für die Nada sein, dauernd beweisen zu müssen, dass man doch für irgendwas gut ist.

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