Märchenonkel, Pfuscher und Prüfungssituationen

Reportage |
  • Das wichtigste Werkzeug für den Bausachverständigen Günther Nussbaum-Sekora: Das Metallteil eines alten Messgeräts, mit dem er Ritzen und Fugen begutachtet.
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    Das wichtigste Werkzeug für den Bausachverständigen Günther Nussbaum-Sekora: Das Metallteil eines alten Messgeräts, mit dem er Ritzen und Fugen begutachtet.

  • Und auch die Kamera ist immer griffbereit - hier zur Dokumentation der Arbeiten an der "Dampfbremse".
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    Und auch die Kamera ist immer griffbereit - hier zur Dokumentation der Arbeiten an der "Dampfbremse".

  • Der Dialog mit oft einsichtigen, manchmal auch uneinsichtigen Bauarbeitern gehört ebenfalls zu seinen Aufgaben.
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    Der Dialog mit oft einsichtigen, manchmal auch uneinsichtigen Bauarbeitern gehört ebenfalls zu seinen Aufgaben.

  • Der Spengler (re.) und die Reifeprüfung: Der Sachverständige checkt die Arbeiten an Dachvorsprung und Dachrinne.
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    Der Spengler (re.) und die Reifeprüfung: Der Sachverständige checkt die Arbeiten an Dachvorsprung und Dachrinne.

  • Hier erklärt Nussbaum-Sekora einem Dachdecker, was zu tun ist. "Bei den Dächern in Wien wundert es mich, dass nicht mehr passiert", sagt er trocken.
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    Hier erklärt Nussbaum-Sekora einem Dachdecker, was zu tun ist. "Bei den Dächern in Wien wundert es mich, dass nicht mehr passiert", sagt er trocken.

Unterwegs mit Günther Nussbaum-Sekora, dem Bausachverständigen aus "ATV - Pfusch am Bau", der genauer hinschaut als alle anderen

"Wenn das überall so gemacht wurde wie hier, dann muss der ganze Trockenbau wieder runter", sagt Günther Nussbaum-Sekora, hält seine Spiegelreflexkamera hin und drückt ab. Der Polier und der Bauingenieur neben ihm wirken etwas verdutzt, jedenfalls sind sie sprachlos. Der Gründerzeitbau im 11. Wiener Bezirk, der bis April revitalisiert werden soll, ist ihrer Ansicht nach schon ausreichend luftdicht verpackt. Die Außenarbeiten sind ohnehin schon so gut wie abgeschlossen, drinnen wird schon gespachtelt und verputzt, Rohre werden verlegt und in einzelnen Räumen auch schon der Boden aufgeschüttet. Nächste Woche werden die Heizkörper erwartet. Schon demnächst sollte Nussbaum-Sekora die Luftdichte der Gebäudehülle prüfen, in einem so genannten Blower-door-Test. Dieser könnte sich nun aber ein wenig verschieben.

Auf der Baustelle sieht man mehr

Der Bausachverständige Nussbaum-Sekora, einem größeren Publikum aus der ATV-Dokuserie "Pfusch am Bau" bekannt, sieht Dinge, die Bauherren nicht sehen und Firmenchefs am liebsten auch nicht sehen würden: Fehlerhafte oder überhaupt fehlende Abdichtungen, falsche Verfugungen, schlechte oder für den jeweiligen Zweck gar nicht zugelassene Materialien, unsachgemäßes Handwerk.

Im 11. Bezirk hat ihn der Bauträger beauftragt, um Fehler wie diese noch in der Bauphase beseitigen zu können. Acht Mal war er schon für diesen Auftraggeber  tätig, bisher allerdings immer erst "danach" - als Gutachter für Bauschäden, die bei der Nutzung auftraten und noch in die Gewährleistungsfrist fielen. "Mittlerweile hat man dort erkannt, dass es besser ist, wenn das alles schon vorher kontrolliert wird."

Gute Folie, miese Arbeit

Und hier in Simmering ist Kontrolle tatsächlich besser. "Das blaue Klebeband - was ist das für ein Fabrikat? Da steht nichts drauf", sagt er zum Polier, als er eine straßenseitig gelegene Wohnung betritt. Schon hat er einen ersten Verdacht: Das Klebeband ist Marke Billigsdorf, höchstens für Kartonverklebungen geeignet, keinesfalls zur Herstellung einer luftdichten Gebäudehülle.

Dann bittet er einen Bauarbeiter darum, zwei, drei Platten des Wandverbaus wieder herunterzuschrauben. Dieser macht einen widerwilligen Gesichtsausdruck. Alles schon fertig, gibt er zu bedenken, die Platten müssten außerdem mit einem Stanleymesser abgeschnitten werden. Nussbaum-Sekora hat aber keine Gnade mit ihm: "Ja, eh. Nutzt nix. Bitte", sagt er freundlich, aber bestimmt.

"Alles undicht"

Dahinter offenbart sich ihm dann das gesamte Ausmaß des Desasters. "Nichts. Absolut nichts", seufzt er, und das heißt in seinem Fall nichts Gutes: keine ordentlichen Verklebungen, alles undicht, alles muss noch mal gemacht werden.

Die Sache dürfte ein klassischer Fall von "Sparen am falschen Ort" sein: "Die Folie für die Dampfbremse (eine Sperrschicht zur Abdichtung gegen Wasserdampfdiffusion, Anm.) ist eigentlich sogar besser als nötig" - dafür ist das Klebeband nicht zu gebrauchen und die Bauausführung insgesamt katastrophal. Die vernichtende Diagnose lautet: "Hier bleibt kein Stein auf dem anderen."

Lehrer und Prüfer

Zwei oder drei Tage in der Woche ist Nussbaum-Sekora unterwegs, um Baustellen zu begutachten, er kommt dafür in ganz Österreich herum. Den Rest der Arbeitswoche verbringt er in seinem Büro im 15. Bezirk am Schreibtisch, schreibt Protokolle, Empfehlungen, Gutachten. Einmal in der Woche schreibt er auch kurze Artikel für www.bauherrenhilfe.org, die Website des "Vereins für Qualität am Bau".

Nussbaum-Sekora ist Spenglermeister, außerdem zertifizierter Luftdichtheitsprüfer und Gebäudethermograf und "Sonderfachmann für Gebäudeabdichtungen". Viele jener Menschen, mit denen er tagtäglich zu tun hat, nehmen ihn aber in erster Linie als Lehrer wahr - und finden sich rasch in einer Art Prüfungssituation wieder. "Da ist keine Verklebung. Warum wurde das nicht verklebt?", fragt er dann, oder: "Warum wurde hier kein Flüssigkunststoff angebracht? Das war doch so ausgemacht!"

Bauaufsicht "künstlerischer Art"

Die Zusammenarbeit der einzelnen Baufirmen und Bauarbeiter auf den Baustellen wird "immer schlechter", beklagt er während der Kaffeepause in einem großen Baumarkt in Schwechat, eine halbe Stunde vor seinem nächsten Termin. Aber auch die Bauaufsicht - im Fall der Baustelle in Simmering ein älterer Ingenieur, der "zwei-, dreimal in der Woche" vor Ort ist - funktioniert oft überhaupt nicht, "ist meist nur eine von künstlerischer Art". Der Ingenieur hätte beispielsweise erkennen müssen, dass sich das blaue Klebeband nicht zum Abdichten eignet.

Seine deshalb oft notwendige harsche Kritik versucht Nussbaum-Sekora in sorgsam gewählte Worte zu kleiden, sachlich zu argumentieren. "Für die Baufirmen geht es ja meist um viel Geld. Wenn ich da auch noch präpotent auftrete, dann kann's schnell gefährlich werden." Und so kontrolliert er stets sein Auto, wenn er eine Baustelle verlässt, wo es Schwierigkeiten gab. Sicher ist sicher.

Wasser-Lager in Schwechat

In Schwechat gilt es, einen Wassereintritt in einer Lagerhalle zu begutachten. Vor drei Jahren wurde hier schon einmal eine Sanierung durchgeführt, seitdem stehen zumindest keine Pfützen mehr auf dem Beton. Die Wände sind aber immer noch feucht, darauf lässt ein dunkler Fleck neben einem Heizkörper schließen. Nussbaum-Sekora lässt den Radiator entfernen und checkt die Wand mit einem Feuchtemessgerät. Sie ist feuchter als normal, aber der Fleck ist, wie sich herausstellt, nur ein Fettfleck.

An der Außenseite der Wand wurde aufgegraben, weil ein Fußweg neu gemacht wird. "Ist das die Wetterseite?", fragt der Sachverständige, als er, umringt von fünf Bauarbeitern, in die Grube hüpft. "Da sind schon die Fensterelemente selber undicht", stellt er dann fest und vermutet außerdem, dass die Außenisolierung vor drei Jahren falsch saniert wurde. Es entspinnt sich eine Meinungsverschiedenheit mit einem Bauarbeiter, der damals hier gearbeitet hat. Er bezweifelt, dass damals unsachgemäß vorgegangen wurde. Nussbaum-Sekora bricht ein Stück der Außenisolierung ab, zeigt es dem Arbeiter und sagt: "Soll'ma das ins Labor bringen, um nachzuweisen, dass da kein Voranstrich drauf ist?"

"Ein Privater glaubt am Ende, er ist selbst schuld"

Dass die ganze Wand, insbesondere die Fensterelemente, undicht sind, hätte den Arbeitern schon vor drei Jahren auffallen müssen, sagt er dann auf der Fahrt zur nächsten Baustelle. Mit solchen "Märchenonkeln", wie er den von sich überzeugten Arbeiter nennt, sei es immer äußerst mühsam. "Wenn ein Privater mit so einem zu tun hat - der gibt auf. Der glaubt am Ende, er ist selbst schuld."

Falls es wegen eines Baufehlers zu einem Schaden kommt, zahlen die Versicherungen oft nur den entstandenen Schaden, aber nicht die Kosten zur Behebung der Ursachen - ein Riesenproblem, weiß der Gutachter außerdem. "Wer verklagt schon seine Versicherung?"

Den Arbeitern in Schwechat empfiehlt er, die gesamte Seitenlänge der Halle - es sind nur ein paar Meter - nochmals aufzugraben. "Die lose Abdichtung runter, eine neue raufflämmen, den Rest mit Flüssigkunststoff auffüllen. Dann muss das dicht sein." Dem Hausverwalter sagt er, dass er ruhig versuchen sollte, die - renommierte - Baufirma dafür haftbar zu machen. Es sei aber ein geringer Streitwert, da stelle sich die Frage nach den Kosten und dem Nutzen des Ganzen.

Nicht erledigte Spenglerarbeiten

Dann geht es zurück nach Wien. Im 4. Bezirk wird auch ein Gründerzeitbau revitalisiert, der Dachboden wurde ausgebaut. Hier hat ein Spengler gepfuscht, Nussbaum-Sekora war deswegen vor einigen Tagen schon mal da. Der Spengler ist auch anwesend und zeigt seine Arbeit her - unter anderem Flämmarbeiten am Dach und Regen-Abdichtungen mehrerer Eisengeländer. Die meisten sind mit Flüssigkunststoff abgedichtet, zwei fehlen aber. "Wieso habt's die nicht gemacht?"

Immer dabei hat der Bausachverständige einen Teil eines alten Feuchtemessgeräts, das aussieht wie eine übergroße Nagelfeile. Er steckt das Metall in Ritzen, Fugen, Spalten und Schlitze, um zu überprüfen, wie weit diese ins Mauerwerk oder in die Dämmebene hineinreichen, und fotografiert alles, was er solcherart erkundet.

"Es muss nur dicht sein"

Die Spenglerarbeiten im Bereich der Regenrinne wurden großteils mit Titanzink gemacht, dazwischen befindet sich aber ein kleiner Teil aus Zink. "Das ist zwar zulässig, aber an und für sich sollte man nicht so 'stückeln'", sagt Nussbaum-Sekora dazu. Denn: Der Zink muss alle fünf Jahre gestrichen werden, der Titanzink nicht.

Insgesamt ist er mit der Arbeit des Spenglers höchst unzufrieden; er bezweifelt auch, dass der Mann gelernter Spengler ist. Hier ist eine Lötnaht aufgerissen, dort ist das Blech undicht, - "und was machma da?", fragt er ihn und hebt einen Teil des Bitumens hoch, das lose auf dem Dach liegt. "Ich kann da nicht mehr mit, teilweise", sagt er dann, als er neuerlich eine zwar in Auftrag gegebene, aber nicht erledigte Arbeit entdeckt.

Im Beisein des verantwortlichen Baumeisters und des Hausherrn erklärt er dem Spengler, was nun zu tun ist. Der schreibt alles mit, fragt dazwischen den Baumeister, wieviele Stunden da noch für ihn drinnen seien. Zwei, drei? Der Baumeister nickt - "aber dann sind wir hier fertig!" Schönheitspreis müsse man hier eh keinen gewinnen, beschwichtigt Nussbaum-Sekora. "Es muss nur dicht sein."

Es gibt auch "gute" Baustellen

Szenen wie diese erlebt der Gutachter jeden Tag. Dennoch würden diese Eindrücke die Sicht etwas verzerren: "Es gibt auch Baustellen, wo absolut nichts zu beanstanden ist." Manchmal reicht es ihm auch, Fotos zu sehen, um zu wissen, ob Arbeiter schlampig waren oder nicht.

Auf der Fahrt zum nächsten Termin sagt er, dass der Übergabe-Termin für die Wohnungen im 11. Bezirk wohl eingehalten werden könne, "wenn die Baufirma da jetzt 20 Leute mehr hinschickt - manche Firmen machen das". Für den Ingenieur, der dort die Bauaufsicht inne hat, dürfte der Besuch des Gutachters jedenfalls so etwas wie ein Erweckungserlebnis gewesen sein. Stunden später erhält Nussbaum-Sekora die telefonische Mitteilung, dass der Ingenieur noch eine weitere Baustelle beaufsichtigt und dass dort möglicherweise mit den Abdichtungen auch etwas nicht ganz hinhauen könnte. Er solle sich das doch bitte mal ansehen. (Martin Putschögl, derStandard.at, 7.12.2011)

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