Die EU wollte die Bewertungen von Euro-Krisenländern strenger regeln – spätestens jetzt gehören die Pläne wieder auf den Tisch
Standard & Poor's holt zum Rundumschlag in Europa aus: Die Ratingagentur droht neben Österreich auch Deutschland und fast allen anderen Euro-Ländern mit der Herabstufung ihrer Kreditwürdigkeit. In einem beispiellosen Schritt stempelt S&P damit fast die gesamte Eurozone mit dem Signet „negativer Ausblick" ab.
Nun ist wahr: Europa hat ein Schuldenproblem, und das nicht zu gering. Wahr ist auch: Diese Schuldenberge müssen abgebaut werden. Was nicht nur in Ökonomen-Kreisen mehr als bekannt ist: In Zeiten der Krise ist das alles nicht so einfach. Und dass sich gerade Österreich als großer Sparmeister in prosperierenden Zeiten hervortut, könnte jetzt auch niemand behaupten.
Nahezu alle Euro-Staaten mit einem negativen Ausblick zu versehen sei eine „unfaire" und „komplett exzessive" Entscheidung, sagte der Chef der Eurogruppe, Jean-Claude Juncker. Nun ist diese Reaktion keine Überraschung, wer lässt sich schon gerne schelten. Dennoch hat Juncker Recht. Die Währungszone zeigt Flagge, aller Wankelmütigkeit zum Trotz. Demokratische Entscheidungen brauchen eben Zeit, das liegt am Konstrukt EU selbst.
"Länder wie Österreich, Deutschland, Dänemark oder Finnland sollten nicht ihre Super-Ratings verlieren, wenn es noch mit rechten Dingen zugeht", wettert auch Erste-Group-Analyst Friedrich Mostböck. Man könne nicht alle Euroländer in einen Topf werfen, das sei eine unprofessionelle Drohgebärde. Solch "unprofessionelle Ankündigungen" zeigten, dass dieser Sektor reguliert gehöre. „Die Rating-Agenturen sind jetzt offensichtlich vollkommen durchgeknallt."
Dem ist nicht viel hinzuzufügen. Man erinnere sich nur an die „unabsichtliche" Androhung einer Herabstufung Frankreichs in der ersten November-Hälfte. Damals angeblich einem Computerfehler geschuldet. Die Meldung zog die Agentur erst nach einigen Stunden wieder zurück. Die Glaubwürdigkeit der Bonitätswächter ist aber schon lange schwer angekratzt. Den Ratingagenturen wird vorgeworfen, die Finanzkrise 2008 mit verursacht zu haben, weil sie Bestnoten für Wertpapiere vergaben, in denen faule US-Immobilienkredite gebündelt waren. Damit führten sie zahlreiche Anleger in die Irre.
In der Schuldenkrise basieren die Benotungen einzelner Länder oder Banken häufig auf ohnedies bekannten Daten. EU-Binnenmarktkommissar Michel Barnier wollte die Bewertungen von Euro-Krisenländern deswegen unter bestimmten Umständen vorübergehend verbieten. Barnier konnte sich in diesem Punkt nicht durchsetzen. Die Pläne landeten in der Schublade. Spätestens jetzt gehören sie wieder auf den Tisch. (Regina Bruckner, derStandard.at, 6.12.2011)