Der Anti-Anti-Republikaner

Florian Niederndorfer
7. Dezember 2011, 09:49

Bevorstehende Kandidatenkür: Urgestein Newt Gingrich könnte sich als der kleinste gemeinsame Nenner der US-Republikaner erweisen

WWRD und ABR. Zwei Akronyme, das eine steht für "What Would Reagan Do?", das andere für „Anyone But Romney", bestimmen dieser Tage über Wohl und Weh bei den Präsidentschaftskandidaten der US-Republikaner. Einer, der noch vor einem Jahr am besten Weg ins politische Ausgedinge war, kommt solcherart unverhofft zu einem zweiten Frühling. Umfragen zufolge sehen die konservativen Stammwähler in Newton Leroy Gingrich, kurz Newt, am ehesten einen Wiedergänger des konservativen Rollenmodells Ronald Reagan.

Die Vorsilbe Anti- wird, so scheint es, zu Gingrichs Schicksal. Der bisherige Favorit - und eifrigste Spendensammler - Mitt Romney erscheint vielen Republikanern als ideologisch unzuverlässig, seine Gesundheitsreform in Massachusetts zu nahe an Obamas großem Wurf - und der graumelierte frühere Gouverneur als Mormone zu wenig gottesfürchtig. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf, sucht die US-Rechte seit Monaten händeringend nach einem Anti-Romney. Der Texaner Rick Perry, bis vor wenigen Wochen Favorit der republikanischen Rechten, stolperte über seine tollpatschigen Fernsehauftritte, der frühere Pizzamagnat Herman Cain, noch so ein Liebling der fundamentalistischen Tea Party, über Frauengeschichten. Bleibt, von schillernden Randfiguren wie Ron Paul abgesehen, nur Newt Gingrich. So könnte die jüngste Häutung im Leben des 68-Jährigen für dessen politischen Höhepunkt sorgen. Und aus dem Anti-Romney aus Georgia einen Anti-Obama im Weißen Haus machen.

Flip-Flop

Dabei gestaltet sich Gingrichs politischer Werdegang weit nicht so stringent konservativ, wie es seine Unterstützer der von Romney und Konsorten verunsicherten rechten Parteibasis weiszumachen versuchen. Während seiner Zeit als Sprecher des Repräsentantenhauses, das die Republikaner unter seiner Führung nach 1995 nach 40 Jahren zurückerobert hatten, arbeitete Gingrich mit Clintons Demokraten in Sachen Wohlfahrtsreform und Budgetausgleich zusammen. Jüngst erst brachte er das republikanische Establishment gegen sich auf, weil er sich für illegale Einwanderer und deren Recht auf Familienleben einsetzte. Familien auseinanderzureißen, nur weil das Gesetz es will, sei inhuman, meinte Gingrich. 1981 sprach er sich für die Legalisierung von Cannabis aus - jedenfalls für Kranke. Ärzte, so Gingrich, sollten ihren Patienten verschreiben, was gut für diese ist, Gesetze sollten sie nicht daran hindern. Im Gegensatz zu manchen Tea Party-Apologeten leugnet Gingrich auch nicht die menschliche Verantwortung in Sachen Klimawandel.

Man könnte das alles Pragmatismus nennen. Oder aber Scheinheiligkeit. Als die Finanzkrise erst die USA und kurz darauf die ganze Welt in Atem hielt, zieh Gingrich Präsident Barack Obama der Untätigkeit, wollte führende Demokraten wegen der Pleite der US-Hypothekenbank Freddie Mac hinter Gittern sehen. Selbst fungierte er nach seinem Ausscheiden aus dem Kongress acht Jahre lang als Berater von Freddie Mac und kassierte 1,6 Millionen US-Dollar. So erscheint es nur konsequent, dass er den Demonstranten der #occupy-Bewegung, die den Herbst über Straßen und Plätze der US-Innenstädte besetzt hielten, im November eine heiße Dusche empfahl und ihnen riet, sich einen Job zu suchen. Beim Luxusjuwelier Tiffany's soll Gingrich im Laufe der Jahre eine Million Dollar Zahlungsrückstände angehäuft haben. Und auch im Wahlkampf 2012 plagen Gingrich Geldsorgen. Wahlkampfstrategen berichten, die Konten seien erst mit 800.000 Dollar gefüllt. Erst vor einer Woche eröffnete er in Iowa, einem kleinen, wiewohl bedeutenden Vorwahlstaat, ein Wahlkampfbüro. In prosperierenden Zeiten keine allzu guten Perspektiven für einen Kandidaten zur US-Präsidentschaft.

Reagans Slogan aus Gingrichs Feder

Im Gegensatz zu manch Parteifreund weiß Gingrich allerdings aus eigener Erfahrung, wie sich das Leben ganz unten anfühlt. Sein Vater war 19, seine Mutter 16 Jahre alt, als Newton Leroy McPherson 1943 im Ostküstenstaat Pennsylvania zur Welt kam. Drei Jahre später trat eine weitere Vaterfigur in dessen Leben, Robert Gingrich, ein Armeeoffizier, den seine Mutter 1946 heiratete und dessen Namen Newt Gingrich kurz darauf annahm. Seine Halbschwester Candace, 23 Jahre jünger, ist heute eine bekannte Aktivistin der Lesbenbewegung. Dem Beruf Robert Gingrichs war es geschuldet, dass die Familie viel reiste, der junge Newt fast alle Ecken der USA kennenlernte und 1961 für ein Jahr in der französischen Stadt Orléans lebte. 1978 schaffte es Gingrich nach zwei gescheiterten Anläufen in das Repräsentantenhaus - und brachte es schon zwei Jahre später zu nationaler Bekanntheit. "Are you better off than you were four years ago?", Ronald Reagans rhetorische Frage an den Wähler, soll Gingrichs Feder entstammen.

Der studierte Historiker, der seine Dissertation 1971 an der nicht eben elitären Tulane Universität in New Orleans über die Unterrichtspolitik der belgischen Kolonialherren im Kongo schrieb, fühle sich seiner Umgebung bisweilen intellektuell überlegen und lasse diese es auch spüren, berichten ehemalige Mitarbeiter. Die wissenschaftliche Karriere des Soldatensohns blieb freilich hinter seinem professoralen Auftreten zurück, über eine Stelle als Assistenzprofessor für Geschichte an einem College im Westen Georgias kam er nicht hinaus. Viele Jahre später probierte er sich als Autor pseudohistorischer Romane und ging etwa der Frage nach, wie ein Sieg Hitlerdeutschlands im Zweiten Weltkrieg den Lauf der Welt verändert hätte. Wirkliche Relevanz erlangte aber nur sein Politkompendium "Contract With America", eigentlich ein alternatives Parteiprogramm, das 1994 maßgeblich zum Sieg der Republikaner bei den Midterm Elections beitrug.

Familienquerelen

Und auch was die eheliche Moral betrifft, ist es bei Gingrich nicht weit her. 1974, als er zum ersten Mal in Georgia um den Einzug ins Repräsentantenhaus wahlkämpfte, warb er noch mit dem Slogan "Newt's family is like your family" für sich. Im Herbst 1980 ließ sich der frischgebackene Abgeordnete von Jacqueline Battley, acht Jahre älter und Geographielehrerin an Gingrichs High School, scheiden, nach 18 Jahren Ehe und während sie sich von ihrer Krebsoperation erholte. "Sie ist nicht jung genug und nicht schön genug, um die Frau eines Präsidenten zu sein. Außerdem hat sie Krebs", soll Gingrich die Trennung nach Aussage eines seiner vielen geschassten Assistenten kommentiert haben.

Wenige Monate später schritt der damals 38-Jährige erneut vor den Traualtar, wieder hielt die Ehe fast zwanzig Jahre, wieder gerierte Gingrich sich als Saubermann, bis Mitte der Neunziger erneut Untreuegerüchte aufkamen. Just während er mit missionarischem Eifer die Amtsenthebung des durch den Lewinsky-Skandal beschädigten Präsidenten Bill Clinton vorantrieb und seine Partei, die Republikaner, als Verfechter der reinen Ehelehre inszenierte, stürzte er sich selbst in eine außereheliche Affäre. Im Gegensatz zu Clinton habe er keinen Meineid geleistet und die Nation nicht belogen, rechtfertigt der gläubige Katholik sein Verhalten, das auch innerhalb der Grand Old Party nicht wenige als bigott betrachten.

Tritt er gegen Obama in den Ring, dürften viele Republikaner wohl zähneknirschend geneigt sein, ihm derlei Schwächen nachzusehen. (flon/derStandard.at, 6.12.2011)

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noch mehr Irren,die an der macht kommen wollen.

"die an der macht kommen wollen."

Absicht? :-)

Newt Gingrich said Wednesday that he would appoint John Bolton as secretary of state if he is elected in 2012.

The former speaker of the House got wild applause from the Republican Jewish Coalition when he said he would pick the neoconservative former U.N ambassador to be his top diplomat if he wins the GOP nomination and goes on to beat President Obama next November.

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Ahahahahahaha. Gott, wenn es dich gibt: Bitte lass ihn gegen Romney gewinnen, bitte, bitte bitte.

Newt ist sehr unverhofft auf dem Hoch

weil der Rest sich bereits selbst disqualifiziert hat, nach ihm gibt es aber noch drei die hell aufglühen und dann verbrennen können: Huntsman, Santorum und Paul.

Diese Leuchte der Menschheit hat angeblich gerade seine Spenden in Website samt Spam-Maschine investiert…



http://www.dailykos.com/story/201... am-machine



Vielleicht hätte ja bloß jemand diesem Komiker sagen sollen, daß eine entsprechende Site auch um ein paar wohlfeile 1000 $ gemacht werden kann.

Ein ausgezeichnetes Exempel für die Tatsache, daß die meisten Politiker von den meisten Dingen keine Ahnung haben, die sie da "anführen", respektive eher nur VERKAUFEN.

Dann sind Sie ja bestens für einen Politiker-Job geeignet.

Fachrichtung Außen- und Sicherheitspolitik!

Nur um einmal die Tatsachen auch zu erwähnen (hinsichtlich mancher vorhergegangener Kommentare):

So gut können die Konservativen mit Geld umgehen:
http://www.google.com/imgres?q=... 29,r:3,s:0

Wieso fehlt hier der wichtigste Punkt der letzten Wochen?

http://articles.latimes.com/2011/nov/... r-20111121

child labor - tolle maßnahme gegen kinderarmut!

bitte nachreichen, flon.

und Bachmann

als seine Vize. Dann könnten die Republikakaner sogar eine Chance gegen Obama haben.

Wobei ob Obama wiedergewählt wird oder nicht hängt nicht von den Republikanern ab sondern davon wie sich die Wirtschaftskrise weiter entwickelt. Weil primär wird wie immer die Geldbörse darüber entscheiden ob ein amtierender Präsident wiedergewählt wird oder nicht.

Typisch scheinheiliger Republikaner

Nicht das alle Demokraten ehrliche Leute sind aber diese Konsequente und absolut unverschämte doppelmoral scheint bei den Republikanern schon fast einheitlich zu sein. Wahrscheinlich haben sie einfach so viel vertrauen zu ihren Freunden bei FOX die ihre Wähler von solchen Ungereimtheiten ablenken in den sie den Fokus auf nebensächliche Themen wie Homosexuellenehe und Abtreibung verlegen.

oh man und wir regen uns über unsere Politiker auf..

schau man sich nur die Republikaner an..die freunde der Konservativen..naja..

Falsche Bildunterschrift

"Die Kandidaten von links nach rechts" - richtig heißen müsste es: "Die Kandidaten von rechts nach rechts außen"

Keine Ahnung wo diese Typen immer herkommen, aber bitte sperrt sie wieder ein!!

"Sie ist nicht jung genug und nicht schön genug, um die Frau eines Präsidenten zu sein. Außerdem hat sie Krebs"

Der wollt ja nur seine Schwester ägern mit der Aussage.
Seits lieb und gebts ihm eine Chance.

Urgestein Newt Gingrich könnte sich als der kleinste gemeinsame Nenner der US-Republikaner erweisen

Geh bitte - alle wissen doch, dass es Mitt Romney wird. Der Rest ist von den Medien künstlich dramatisiert, weil es sonst langweilig wäre.

Na Sie wissen ja ganz genau Bescheid, was?

Fakt ist: es ist eben nicht klar, dass es Mitt Romney wird.

Es kann noch so kommen, wenn sich auch Gingrich noch selbst zerlegt. Sieht aber derzeit nicht so aus.

Sein Vorteil ist aber Folgender: Ist der Ruf mal ruiniert, lebt sich's um so ungeniert! Seine Skandale sind alles schon alte Hüte.

Damit kann man nach der Funktionsweise der heutigen Medienöffentlichkeit zwar noch gegen ihn sticheln und ihn schwächen, aber kein Aufregerthema machen.

Ronald Reagan als Vorbild. Maria Fekter hat Margaret Thatcher.

Da weiss man zumindest was einen erwartet.

Wird zunehmend eng für Romney:

In Iowa droht er laut den heute veröffentlichten Umfragen nicht nur zu verlieren - er könnte sogar von Ron Paul und Michele Bachmann überholt werden !!!

Gingrich liegt derzeit mit 30% klar vorne in Iowa, Romney, Bachmann, Paul alle bei etwa 15%.

Und kann sich Perry noch ein wenig erfangen und Palin Santorum unterstützen, dann wirds für Romney richtig spannend.

Und in South Carolina liegt Gingrich bei etwa 40% und in Florida sogar bei 50% - also etwa 35% vor Romney.

Die alten Republikaner sind es vor allem, die Gingrich wollen - weil sie sich voller Nostalgie nach den wirtschaftlich fetten Jahren der 90er sehnen.

Und die alten Wähler sind es auch, die hauptsächlich zu den Vorwahlen gehen und diese dann entscheiden - nicht die Jungen ...

wenn sie sich nach den fetten 90ern sehnen

müssten sie den guten alten bill aufstellen ;))

Ach, die Republikaner sind fest davon überzeugt, dass es ausschließlich an der Mehrheit der Republikaner im US-Kongress lag, dass es Ende der 90er-Jahre einen Budgetüberschuss gab. Warum es den dann, nachdem George W. Bush an die Macht kam und der Kongress weiterhin sechs Jahre lang von den Republikanern dominiert wurde, zur größten Neuverschuldung kam, können sie aber nicht erklären.

Die Frage ist ob und wie deutlich Romney New Hampshire gewinnen wird. Drei der ersten vier zu verlieren wäre zwar unangenehm für Romney, aber noch keine Katastrophe. Wenn er aber New Hampshire verliert (unwahrscheinlich) oder nur knapp gewinnt (möglich), dann wirds wirklich schwierig.

Aber wer weiß ob der Newt-Surge bis Jänner anhält, vor allem wenn er jetzt sowohl von Perry als auch von Romney mit Negative-Ads bombardiert werden wird. (Geld haben die beiden ja genug.) Die Szene mit Newt und Pelosi wird wohl in den nächsten Wochen ein paar tausend Mal über die Fernsehbildschirme flimmern.

So hoch ist Romneys Kredit nicht einzuschätzen.

Drei von vier zu verlieren, bricht ihm jedenfalls dann das Genick, wenn der Sieger dieser Vorwahlen immer der selbe ist.

Romney wird in Iowa nicht gut abschneiden und MUSS New Hampshire deshalb gewinnen und zwar überzeugend. Am besten wäre es für ihn, wenn der Iowa- Sieger dort nur dritter oder schlechter wäre.

Und auch das nützt ihm nur dann noch etwas, wenn er daraus so viel Momentum ziehen kann, so dass er in South Carolina und Florida sehr fiel besser abschneidet, als die derzeitigen Umfragen nahelegen.

Das kann funktionieren, siehe McCain vor vier Jahren. Damals war die Lage aber anders. McCain war der Basis sehr viel leichter zu vermittel als heute Romney.

Meiner Meinung nach sieht es für Romney derzeit sehr schlecht aus.

So einen kuscheligen Teddybär wünsch ich mir zu Weihnachten!

Mei ist der Newt süß. Der kann sicher keiner Fliege was zuleide tun!

Anti-Obama?

Defintiv nicht.
Gingrich ist ebenso wie Obama ein Klugsch***** aus der akademischen Welt, der von sich selbst glaubt, er wäre eine welthistorisch bedeutende Figur. Obama inszenierte sich als neuer Lincoln und Gingrich sieht sich mit seiner dauernden Forderng nach Loncoln-Douglas Debatten als Nachfolger Lincolns.
Jetzt behauptet er zwar, daß die ausgeglichenen Budgets und die Reform des Wohlfahrtsstaats alle auf sein Konto gingen, aber v.a. wie seine Ära als Speaker zu Ende ging, wirft kein gutes Licht auf sein Organisationstalent.
Zwar noch immer um Ecken kompetenter als Obama, aber Romney ist der weit fähigere Kandidat...

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