Bevorstehende Kandidatenkür: Urgestein Newt Gingrich könnte sich als der kleinste gemeinsame Nenner der US-Republikaner erweisen
WWRD und ABR. Zwei Akronyme, das eine steht für "What Would Reagan Do?", das andere für „Anyone But Romney", bestimmen dieser Tage über Wohl und Weh bei den Präsidentschaftskandidaten der US-Republikaner. Einer, der noch vor einem Jahr am besten Weg ins politische Ausgedinge war, kommt solcherart unverhofft zu einem zweiten Frühling. Umfragen zufolge sehen die konservativen Stammwähler in Newton Leroy Gingrich, kurz Newt, am ehesten einen Wiedergänger des konservativen Rollenmodells Ronald Reagan.
Die Vorsilbe Anti- wird, so scheint es, zu Gingrichs Schicksal. Der bisherige Favorit - und eifrigste Spendensammler - Mitt Romney erscheint vielen Republikanern als ideologisch
unzuverlässig, seine Gesundheitsreform in Massachusetts zu nahe an
Obamas großem Wurf - und der graumelierte frühere Gouverneur als Mormone
zu wenig gottesfürchtig. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf,
sucht die US-Rechte seit Monaten händeringend nach einem Anti-Romney. Der Texaner Rick Perry, bis vor wenigen Wochen Favorit der
republikanischen Rechten, stolperte über seine tollpatschigen
Fernsehauftritte, der frühere Pizzamagnat Herman Cain, noch so ein
Liebling der fundamentalistischen Tea Party, über Frauengeschichten. Bleibt, von schillernden Randfiguren wie Ron Paul abgesehen, nur Newt Gingrich. So könnte die jüngste Häutung im Leben des 68-Jährigen für dessen politischen Höhepunkt sorgen. Und aus dem Anti-Romney aus Georgia einen Anti-Obama im Weißen Haus machen.
Flip-Flop
Dabei gestaltet sich Gingrichs politischer Werdegang weit nicht so
stringent konservativ, wie es seine Unterstützer der von Romney und
Konsorten verunsicherten rechten Parteibasis weiszumachen versuchen. Während seiner Zeit als Sprecher des Repräsentantenhauses, das die Republikaner unter seiner Führung nach 1995 nach 40 Jahren zurückerobert hatten, arbeitete Gingrich mit Clintons Demokraten in Sachen
Wohlfahrtsreform und Budgetausgleich zusammen. Jüngst erst brachte er das
republikanische Establishment gegen sich auf, weil er sich für illegale
Einwanderer und deren Recht auf Familienleben einsetzte. Familien
auseinanderzureißen, nur weil das Gesetz es will, sei inhuman, meinte
Gingrich. 1981 sprach er sich für die Legalisierung von Cannabis aus -
jedenfalls für Kranke. Ärzte, so Gingrich, sollten ihren Patienten
verschreiben, was gut für diese ist, Gesetze sollten sie nicht daran
hindern. Im Gegensatz zu manchen Tea Party-Apologeten leugnet Gingrich
auch nicht die menschliche Verantwortung in Sachen Klimawandel.
Man könnte das alles Pragmatismus nennen. Oder aber Scheinheiligkeit.
Als die Finanzkrise erst die USA und kurz darauf die ganze Welt in Atem
hielt, zieh Gingrich Präsident Barack
Obama der Untätigkeit, wollte führende Demokraten wegen der Pleite der
US-Hypothekenbank Freddie Mac hinter Gittern sehen. Selbst fungierte er nach seinem Ausscheiden aus dem Kongress acht Jahre lang als Berater von Freddie Mac und kassierte 1,6
Millionen US-Dollar. So erscheint es nur konsequent, dass er den Demonstranten der #occupy-Bewegung, die den Herbst über Straßen und Plätze der US-Innenstädte besetzt hielten, im November eine heiße Dusche empfahl und ihnen riet, sich einen Job zu suchen. Beim Luxusjuwelier Tiffany's soll Gingrich im Laufe der Jahre eine Million Dollar Zahlungsrückstände angehäuft haben. Und auch im Wahlkampf 2012 plagen Gingrich Geldsorgen. Wahlkampfstrategen berichten, die Konten seien erst mit 800.000 Dollar gefüllt. Erst vor einer Woche eröffnete er in Iowa, einem kleinen, wiewohl bedeutenden Vorwahlstaat, ein Wahlkampfbüro. In prosperierenden Zeiten keine allzu guten Perspektiven für einen Kandidaten zur US-Präsidentschaft.
Reagans Slogan aus Gingrichs Feder
Im
Gegensatz zu manch Parteifreund weiß Gingrich allerdings aus eigener
Erfahrung, wie sich das Leben ganz unten anfühlt.
Sein Vater war 19, seine Mutter 16 Jahre alt, als Newton Leroy
McPherson 1943 im Ostküstenstaat Pennsylvania zur Welt kam. Drei Jahre
später trat eine weitere Vaterfigur in dessen Leben, Robert Gingrich,
ein Armeeoffizier, den seine Mutter 1946 heiratete und dessen Namen Newt
Gingrich kurz darauf annahm. Seine Halbschwester Candace, 23 Jahre
jünger, ist heute eine bekannte Aktivistin der Lesbenbewegung. Dem Beruf
Robert Gingrichs war es geschuldet, dass die Familie viel reiste, der
junge Newt fast alle Ecken der USA kennenlernte und 1961 für ein Jahr in
der französischen Stadt Orléans lebte. 1978 schaffte es Gingrich
nach zwei gescheiterten Anläufen in das
Repräsentantenhaus - und brachte es schon zwei Jahre später zu nationaler
Bekanntheit. "Are you better off than you were four years ago?", Ronald
Reagans rhetorische Frage an den Wähler, soll Gingrichs Feder
entstammen.
Der studierte Historiker, der seine
Dissertation 1971 an der nicht eben elitären Tulane Universität in New Orleans über die
Unterrichtspolitik der belgischen Kolonialherren im Kongo schrieb, fühle
sich seiner Umgebung bisweilen intellektuell überlegen und lasse diese
es auch spüren, berichten ehemalige Mitarbeiter. Die wissenschaftliche
Karriere des Soldatensohns blieb freilich hinter seinem professoralen
Auftreten zurück, über eine Stelle als Assistenzprofessor für Geschichte
an einem College im Westen Georgias kam er nicht hinaus. Viele Jahre
später probierte er sich als Autor pseudohistorischer Romane und ging
etwa der Frage nach, wie ein Sieg Hitlerdeutschlands im Zweiten
Weltkrieg den Lauf der Welt verändert hätte. Wirkliche Relevanz erlangte
aber nur sein Politkompendium "Contract With America", eigentlich ein
alternatives Parteiprogramm, das 1994 maßgeblich zum Sieg der
Republikaner bei den Midterm Elections beitrug.
Familienquerelen
Und auch was die eheliche Moral betrifft, ist es bei Gingrich nicht weit her. 1974, als er zum ersten Mal in Georgia um den Einzug ins Repräsentantenhaus wahlkämpfte, warb er noch mit dem Slogan "Newt's family is like your family" für sich. Im Herbst 1980 ließ sich der frischgebackene Abgeordnete von Jacqueline Battley, acht Jahre älter und Geographielehrerin an Gingrichs High School, scheiden, nach 18 Jahren Ehe und während sie sich von ihrer Krebsoperation erholte. "Sie ist nicht jung genug und nicht schön genug, um die Frau eines Präsidenten zu sein. Außerdem hat sie Krebs", soll Gingrich die Trennung nach Aussage eines seiner vielen geschassten Assistenten kommentiert haben.
Wenige Monate später schritt der damals 38-Jährige erneut vor den Traualtar, wieder hielt die Ehe fast zwanzig Jahre, wieder gerierte Gingrich sich als Saubermann, bis Mitte der Neunziger erneut Untreuegerüchte aufkamen. Just während er mit missionarischem Eifer die Amtsenthebung des durch den Lewinsky-Skandal beschädigten Präsidenten Bill Clinton vorantrieb und seine Partei, die Republikaner, als Verfechter der reinen Ehelehre inszenierte, stürzte er sich selbst in eine außereheliche Affäre. Im Gegensatz zu Clinton habe er keinen Meineid geleistet und die Nation nicht belogen, rechtfertigt der gläubige Katholik sein Verhalten, das auch innerhalb der Grand Old Party nicht wenige als bigott betrachten.
Tritt er gegen Obama in den Ring, dürften viele Republikaner wohl zähneknirschend geneigt sein, ihm derlei Schwächen nachzusehen. (flon/derStandard.at, 6.12.2011)