Deutscher Finanzminister

"Chancen für Europa sind gut wie lange nicht mehr"

6. Dezember 2011, 11:56

Wolfgang Schäuble sieht bei einer drohenden Abstufung der Triple-A-Staaten beste Chancen, verlorenes Vertrauen der Finanzmärkte zurückzuholen

Wolfgang Schäuble findet klare Worte: Deutschlands Finanzminister sieht in der gestrigen Drohung der Ratingagentur Standard & Poor's, die Bonität von 15 Eurostaaten herab zu stufen, einen Handlungs-Aufruf an den Gipfel der Staats- und Regierungschefs in dieser Woche. Es führe kein Weg daran vorbei, dass die Länder ihre hohen Defizite und Schulden zurückfahren, aber "überprüfbar und glaubwürdig". "Die Einschätzung ist keine Hiobsbotschaft", so Schäuble, "die Ratingagentur sagt nur das, spricht die Einschätzung vieler Wirtschaftsexperten aus. Man sollte also den Überbringer schlechter Nachrichten nicht erschlagen." In einem Punkt waren sich er, VP-Vizekanzler Michael Spindelegger, Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner und Finanzministerin Maria Fekter bei der Podiumsdiskussion "Ein neuer Kurs für Europa?" einig: Das europäische Modell ist nicht am Ende. Krisen seien Chancen. Die Chancen für Europa seien so gut wie lange nicht.

Schäuble geht sogar weiter und sieht in der Rating-Mitteilung eine Aufforderung an die europäischen Regierungschefs Ende dieser Woche, die nötigen Entscheidungen zu treffen, um schrittweise das Vertrauen wieder zu gewinnen und sprach sich dezidiert für eine Stabilitätsunion, eine strengere Regulierung der Finanzmärkte und neben der Währungs- auch für eine politische Union aus. Die Unabhängigkeit der Europäischen Zentralbank begrüßte er ausdrücklich.

Auch wenn es am kommenden Freitag beim Gipfel "optimale" Entscheidungen gäbe, werde es wohl nicht über Nacht gelingen, verloren gegangenes Vertrauen wieder zurück zu holen. "Die Chancen für Europa sind so gut wie lange nicht mehr", sagte Schäuble.

Erst gestern hatten die deutsche Kanzlerin Angela Merkel und der französische Präsident Nicolas Sarkozy eine verbindliche Verankerung nationaler Schuldenbremsen in den jeweiligen Verfassungen angekündigt. Diese Verpflichtung soll in den EU-Vertrag aufgenommen werden.

Volksabstimmung nicht zur Diskussion

Laut Spindelegger soll diese Vertragsänderung ohne Volksabstimmung vonstatten gehen. Zum heutigen Zeitpunkt könne auch noch nicht viel darüber gesagt werden, da noch viele Details offen seien, so Spindelegger bei der Veranstaltung. Außerdem tritt er im Zug der geplanten Veränderungen der europäischen Verträge für eine Stärkung der Kommission im allgemeinen und eine Stärkung des Währungskommissars im besonderen ein. In die Gestaltung einer neuen Eurozone sollen alle einbezogen werden, die dabei sind und die auch dazu stoßen wollen. Nicht beziehe sich das auf jene, "die nicht in der Eurozone sind und auch erklärt haben, nicht dazu gehen zu wollen", sagte Spindelegger in einer Anspielung auf Großbritannien.

Mitterlehner forderte für die Länder der Eurozone neben den vier Grundfreiheiten auch vier Grundsicherheiten: Stabilität, um Vertrauen an den globalen Märkten zurückzugewinnen, Wohlstand, Nachhaltigkeit und Sicherung des Friedens. "Wir müssen die Stärke der 27 ausspielen. 500 Millionen (Einwohner, Anm.) sind eine Macht.

Die Europäische Kommission habe eine Schlüsselrolle: "Die Kommissare der EU sind der Gemeinschaft verpflichtet, sie haben nicht den Auftrag, ihr Land zu repräsentieren, sondern die Gesamtheit der EU." Die Kommission müsse gestärkt werden, der Währungskommissar könnte die gleichen Kompetenzen bekommen wie der Binnenmarktkommissar, deutete Spindelegger an. Intergouvernementalismus und Direktorien seien jedenfalls nicht die Lösung für die Probleme.

Mehr Zeit für Schuldenabbau

Ähnlich sieht das Schäuble: "Europa hat nur eine Chance im 21. Jahrhundert, wenn die Länder zusammenarbeiten." Den Ländern müsste beim Schuldenabbau mehr Zeit gegeben werden, das dies gelingen kann, habe sich bereits bei Irland und Portugal gezeigt. Ein weiterer wichtiger Punkt sei die Selbstverpflichtung der einzelnen Länder, um die Schuldenproblematik zu lösen

Es seien alle in der Versuchung, leichter Geld auszugeben als Steuern einzuheben, verteidigte Schäuble die Selbstbeschränkung via verfassungsgesetzlicher Schuldenlimits. Insofern sei es auch der tiefere Grund für die Unabhängigkeit der Notenbank, Entscheidungen für die Stabilität des Geldes von der jeweiligen politischen Mehrheit unabhängig zu machen. Das sei gut so. Deshalb seien Schuldenbremsen so wesentlich. Jedes Land Europas müsse seine Schulden und Defizite beschränken. Und die Regeln für die nationale Haushaltsgesetzgebung müssten von allen Mitgliedsstaaten eingehalten werden. Der bisherige Stabilitätspakt sei zahnlos gewesen.

Schäuble sprach sich dafür aus, dem Währungskommissar ähnlich starke Rechte zu geben wie dem Wettbewerbskommissar. "Warum machen wir das nicht am Freitag", fragte Schäuble rhetorisch in Richtung Gipfel.

Spindelegger sieht keine Alternative für eine Schuldenbremse als Begriff für die Rückführung der - auch während der ersten Krise aufgehäuften - Schulden. "Die Schuldenbremse ist die Hülle. Der Inhalt wird uns in den nächsten Jahren intensiv beschäftigen". (red/APA)

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Posting 1 bis 25 von 136
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TheBigBoiler
00
7.12.2011, 10:30

.... ich hock in meinem Bonker, mitten in Berlin.

Inuk
 
00
7.12.2011, 09:40
"Chancen für Europa sind gut wie lange nicht mehr"

oder "In Kürze werde ich Befehl geben, meine gewaltigen Armeen in Brüssel und Berlin in Bewegung zu setzen. Mit einer gewaltigen Zangenbewegung von Bayern und Norddeutschland aus werden wir die Ratingagenturen zerschlagen und den Endsieg erlangen." - geschmacklos ich weiss, doch erinnern mich die Aussagen mitunter dieses Herren, mit jedem Tag mehr an deutsche "Kriegs- Durchhaltepropaganda ...

Jepedaia Springfield
00
7.12.2011, 07:33
.. der Eurozone neben den vier Grundfreiheiten auch vier Grundsicherheiten: Stabilität, um Vertrauen an den globalen Märkten zurückzugewinnen, Wohlstand, Nachhaltigkeit und Sicherung des Friedens

Ich fordere Demokratie, aber die EU wird nie Demokratisch sein. Dem Einigungsprozess fehlt die Demokratische Legitimation.

peace & love
00
7.12.2011, 06:46
'Die Chancen für Europa seien so gut wie lange nicht'

schlag mich fester - jaaaah!

trampelpfad
01
7.12.2011, 06:32
"Chancen für Europa sind gut wie lange nicht mehr"

Das ist doch der Gipfel von abgehoben:

Europa stünde besser da, wenn es -Dank solcher Politik- diese Chancen nicht wahrnehmen müsste!

Solange "wir uns diese Politiker" noch leisten wollen, ist nicht aller Tage abend!

desperate wife without house
00
7.12.2011, 04:07

ob fekter und mitterlehner wirklich einer meinung sind - weil sie beide aus oberösterreich kommen?
fektlehner wie merkozy?
mittlerlehner sagt zumindest ansatzweise dinge, die man sich überlegen sollte und deren umsetzung wohl wirklich bevorsteht.

wozu braucht eigentlich der schäuble einen währungsminister? ich sag's ja, echte liebespaare sind teuer und auch die entourage hält die hand auf.

hawkeyelinz
03
6.12.2011, 22:28
lol

erinnert mich ein bisschen an anfang 1945 als im deutschen radio auch noch vom endsieg gesprochen wurde...

Hermine Berg
 
03
6.12.2011, 21:58
der deutsche finanzminister sagt also

dass 17 verfassungen von mitgliedslaendern ohne volksentscheid geaendert werden muessen? na viel spass, mit demokratie hat das nicht mal am rande mehr was zu tun.

wieso wollen die immer alles durch die hintertuer? und wieso ist das konkrete resultat grosser toene immer nur ein herumgefrickle mit angst vorm souveraen?

entweder eine richtige union, mit soliden, demokratischen strukturen oder sonst einfach loser staatenbund ohne gegenseitige haftung. weil eine transferunion, in der sich jedes laendchen aber selbst die gesetze schreibt ist gescheitert.

peace & love
00
7.12.2011, 06:50
machen Sie's den herren doch nicht madig,

sich selbst ein wenig zu bereichern, auf kosten der schäfchen.

spielverderber.

leser 4712
01
6.12.2011, 21:00
das zeigt doch alles nur

wer die wahren regierenden dieser welt sind...

Sky7
02
6.12.2011, 20:30
Eine weitere Integration der EU-Länder? JA, ABER

ausschließlich wenn damit auch eine politische Integration verbunden ist. Es kann einfach nicht sein, dass Europa weitgehend von ein paar Konzernen und Lobbys bestimmt wird.

Im Mittelpunkt müssen die Menschen stehen und nicht wie bisher die Wirtschaft. Entscheidungen müssen demokratisch legitimiert werden. Solange das nicht gegeben ist, bin ich gegen jegliche weitere Aufgabe unserer Souveränität und gegen das Aufweichen und Austricksen unserer Verfassung.

Althase
05
6.12.2011, 19:03

Vielleicht müssen jetzt alle EU-Mitglieder den Passus "Wir sind vertrauenswürdig" in ihre Verfassungen aufnehmen.

zeitfuchs
16
6.12.2011, 18:12
nach der inoffiziellen Schuldenuhr der USA

müsste Standard & Poors die USA auf Ramsch-Status setzen. Tut sie aber nicht. Die Frage ist, warum.

Siehe offizielle und inoffizielle Schuldenuhren:
http://www.silberknappheit.de/schulden/staat.php

Hermine Berg
 
00
6.12.2011, 22:00
weil die usa

deutlich gemacht haben, dass sie im notfall die geldmenge so aufblasen, dass die schulden bedient werden koennen.

die fed kauft direkt staatsanleihen, damit koennen die usa praktisch alles machen.

Postingname geändert
00
6.12.2011, 20:30
weil ein rating...

nicht bloss vom schuldenstand abhaengt. wuerde die ezb endlich eine fiskalpolitik a la fed erlauben (was deutschland verhindert), waeren die ratings vielleicht ausgeglichener. auch ist das politisch-institutionelle system in den usa (trotz aller derzeitigen schwaechen) einfach schlagfertiger and besser integriert als die EU. auch das fliesst in ein rating mit ein.

zeitfuchs
01
6.12.2011, 20:42
mit anderen Worten,

jene Länder, deren Zentralbanken endlos Geld drucken, bekommen ein gutes rating, jene, die ihrer Verantwortung statutengemäß nachkommen, bekommen ein schlechtes. Schöne Ansichten, die Sie da haben.

Und wenn Sie die Zukunftsaussichten der USA vergleichen mit denen Europas, so denke ich, daß unsere um keinen Deut schlechter sind als jene der USA. Oder halten Sie am Ende die Rating-Agenturen für Propheten und Hellseher?

Andreas Prucha
00
6.12.2011, 22:57

najo, die Ratings geben ja nur die Ausfallswahrscheinlichkeit wieder. Wenn Geld gedruckt werden kann, ist auch die Ausfallswahrscheinlichkeit gering.

Dagegen führt kein Geld drucken und Radikalsparen eher zu Wirtschaftskrisen und weniger Steuereinnahmen was auch die Ausfallswahrscheinlichkeit erhöht.

Hermine Berg
 
03
6.12.2011, 22:04
genau

die rating agenturen bewerten ja nur, ob die schuldner das geld wiedersehen. wieviel das dann wert ist ist nicht deren sache.

so koennen die usa praktisch unbegrenzt kredit haben - ausser die extremsten spinner bei der gop setzen sich durch und erhoehen mal das schuldenlimit nicht weiter.

zeitfuchs
00
6.12.2011, 22:50
so einfach sehe ich das nicht,

denn das Problem der USA besteht ja nach meinem Verständnis seit einiger Zeit schon hauptsächlich darin, daß sie aufgrund ihrer extrem expansiven Geldpolitik in der Welt einiges Vertrauen eingebüßt hat und daher auf dem internationalen Kapitalmarkt nur mehr schwer Gläubiger findet. Die Obligationen können daher nur mehr mit immer neuen "eigenen" Geld, daß die FED sich bei ihrer "Hausbank" Goldman Sachs ausborgt, befriedigen. Ein Teufelskreis, an dessem Ende doch nur die Pleite der Hausbank stehen kann. Richtig oder falsch?

Andreas Prucha
01
6.12.2011, 23:03

Des kanni jetzt ned ganz nachvollziehen. Also die USA finden derzeit relativ leicht Gläubiger und auch Europäische Banken parken Geld bei der FED. Aber selbst wenn nicht hat sie noch immer die Möglichkeit selbst mit neuem Geld Staatsanleihen aufzukaufen.

Rot/Grün Farbsehschwächling
02
6.12.2011, 17:05
Kann mir bitte jemand erklären, wer in einer Ratingagentur sitzt? Ich hab noch nie einen Repräsentaten aus einer Ratingagentur gesehen, gehört!

Irgendwie ist heißt es immer "Die Ratingagenturen"!
Wer oder was ist das? Sorry, aber ich kann mir echt nix darunter vorstellen und es gibt keinen Artikel oder Bericht wo das irgendwie erklärt wird.

Aber vielleicht denke ich auch einfach zuviel nach und hinterfrage die Dinge zu sehr. Hmm...

Marcus Maccabaeus
06
6.12.2011, 17:20
Hier ist ein Währungskrieg in Gange!

Das amerikanische Empire lebt nur noch von der Dollarhegemonie, die jedoch durch den Euro gefährdet ist. Jetzt werden von den Amis die tatsächlichen Unzulänglichkeiten des Euros bzw. der Eurozone genutzt, um diesen massiv zu schwächen!
Jetzt können sie sich ungefähr vorstellen, wer hinter den Ratingagentueren die Strippen zieht!

no_milk_today
00
6.12.2011, 19:24

dass monti mal bei goldmann sachs war, dürfte wohl auch kein zufall sein

no_milk_today
00
6.12.2011, 19:57

oder wars draghi ... einer von den beiden jedenfalls

Der Stadtwolf
01
6.12.2011, 22:12
Beide!

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