Chat-Nachlese Stephan Schulmeister

"Märkte haben keine Gefühle"

Chat | 6. Dezember 2011, 15:33

Als Folge der neoliberalen Umnachtung habe man zunehmend Staaten mit Firmen verwechselt, meint Ökonom Stephan Schulmeister

Ökonom Stephan Schulmeister findet die sich derzeit abzeichnende Sparpolitik schlecht. Mit Sparen könne man keine Schulden abbauen. Was aber sicher sei, ist, dass zu viel Sparen in ganz Europa zu sinkenden Aktienkursen, steigender Arbeitslosigkeit und immer schlechteren Entfaltungschancen für die Jungen führt. Massive Wohlstandsverluste erwartet er dennoch nicht.



Schulmeister hält eine depressive Phase, eine mehrjährige Krise, für wahrscheinlich. Die lange Dauer der Krise spreche gegen eine merkliche Inflation, eine Hyperinflation hält er für abwegig. Hoffnung auf politische Durchsetzungskraft zum Guten hat er nicht: "Die Ausbreitungsgeschwindigkeit der Krise ist nach wie vor höher als die Lerngeschwindigkeit der Eliten".

Die Staatsverschuldung hält der Wirtschaftsforscher für ein drängendes Problem. Gleichzeitig seien Sparpolitik und Schuldenbremsen aber Symptomkuren, welche keine nachhaltige Bewältigung ermöglichen. Es fehle ganz einfach die Bereitschaft des Unternehmenssektors, via Investitionskredite Realkapital und Arbeitsplätze zu schaffen, was wiederum zu einer Senkung der öffentlichen Nachfrage führe.

Als Folge der neoliberalen Umnachtung habe man Staaten in den letzten 20 Jahren in zunehmendem Maße Staaten mit Firmen verwechselt. Während die Qualität eines Unternehmens im Prinzip durch eine Größe, die künftigen Gewinne reflektiert im Aktienkurs, widergespiegelt werden könne, könne die Performance einer so komplexen Institution wie des Staates nicht auf seine Kreditwürdigkeit reduziert werden. Ratingagenturen hätten überhaupt nicht die Qualifikation solche Evaluierungen durchzuführen.

In Sachen Eurokrise fordert Schulmeister einen Europäischen Währungsfonds (EWF), welcher als Finanzierungsagentur der Eurostaaten fungiert. Diese solle Eurobonds zu festen Zinssätzen emittieren. Von einem "Nord-Euro" der reichen Staaten hält er nichts. Das Gegenteil, mehr Integration durch eine Fiskalunion, hält er für nicht notwendig. Notwendig sei aber eine strikte Regulierung der Finanzmärkte: "Am besten eine Stabilisierung der beiden Fundamentalpreise, Zinssatz und Wechselkurs, durch das 'System Politik' (wie in der Prosperitätsphase der Nachkriegszeit oder heute in China)."
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