S&P setzt Ausblick auf negativ - aus Europa kommt heftige Kritik - Österreich zeigt sich unbesorgt
Der Chef der Eurogruppe Jean-Claude Juncker hat wieder einmal Grund zur scharfen Kritik: Die drohende Herabstufung der Bonität der Euro-Länder durch die Ratingagentur S&P hält er für maßlos überzogen und ungerecht, so Junker im Deutschlandfunk. Die Euro-Zone sei "dabei, die Dinge in Ordnung zu bringen." Er empfehle, die Ratings nicht so ernst zu nehmen.
Am Montag abend hatte die US-Ratingagentur den Ausblick für 15 Eurostaaten, darunter Österreich auf negativ
gesetzt. Die Agentur gibt sich nun maximal 90 Tage Zeit, um über eine
Herabstufung dieser Länder, darunter die sechs Euro-Staaten mit der
Bestnote AAA, zu entscheiden. Der Ausblick für Zypern wird auf negativ belassen. Für Griechenland
wurde keine Veränderung vorgenommen.
Die Ratingagentur Standard & Poor's droht nun auch dem Euro-Rettungsschirm
EFSF mit einer Herabstufung. Das langfristige Rating von derzeit "AAA" könnte
ein bis zwei Stufen gesenkt werden, teilte S&P am Dienstag mit. Das sei die
Konsequenz, falls einem oder mehreren Euro-Ländern die Bestnote entzogen würde.
S&P will ihre Überprüfung der Bonität der Euro-Länder "so rasch
wie möglich nach dem EU-Gipfel" am 8. und 9. Dezember abschließen,
heißt es. S&P geht davon aus,
dass die Herunterstufung - wenn überhaupt - für die Triple-A-Länder
Österreich, Deutschland, Niederlande, Finnland und Luxemburg sowie
für Belgien um einen Punkt erfolgen könnte, für die anderen Staaten,
also auch das AAA-Land Frankreich, um bis zu zwei Punkte.
Systemische Belastungen in der Eurozone gestiegen
Auslöser für die Maßnahme war
die Überzeugung, dass systemische Belastungen in der Eurozone in den
abgelaufenen Wochen gestiegen sind bis zu einem Ausmaß, dass sie nun
auf die ganze Eurozone einen Abwärtsdruck ausüben, schreibt S&P. Die Agentur begründet ihre Kritik außerdem damit, dass sie Zweifel am politischen
Management der Eurozone habe. Daher will die Ratingagentur vor allem
die Entscheidungen der Staats- und Regierungschefs am Gipfel am
Donnerstag und Freitag abwarten und dann so schnell wie möglich
entscheiden, ob sie einige oder alle Euroländer herunterstuft.
Fünf Faktoren seien für den negativen Ausblick von Standard & Poor's ausschlaggebend: Eine Verringerung der
Kredite, deutlich höhere Risikoprämien für immer mehr Euro-Staaten,
auch für solche, die noch ein AAA-Rating haben, anhaltende
Uneinigkeit zwischen den EU-Politikern über die notwendigen
Maßnahmen, hohe Verschuldung der Öffentlichen Hand in einem großen
Teil der Eurozone sowie das steigende Risiko einer Rezession im Jahr
2012.
Für Österreich hält sie
spezifisch fest, dass die im Verfassungsrang verankerte Schuldenbremse
als glaubwürdiger Konsolidierungsschritt wichtig gewesen wäre. S&P
wird nach dem Gipfel noch im Dezember zu einer Überprüfung der Zahlen
in Österreich erwartet.
Finanzministerium: "Externe Faktoren von Österreich nicht beeinflussbar"
Nach Ansicht von OeNB-Gouverneur Ewald Nowotny hat die angedrohte Abstufung einen politischen Hintergrund. "Dieser Schritt unterstreicht das Problem, dass Ratingagenturen zunehmend eine politische Rolle annehmen", erklärte Nowotny. Das österreichische Finanzministerium verweist auf "externe
Faktoren, die nicht von Österreich beeinflussbar sind", die dazu
geführt hätten, dass Standard & Poor's
Österreich gemeinsam mit den anderen Euro-Ländern unter Beobachtung
stellt. Nun sei es "umso wichtiger, dass der Gipfel am Freitag
konkrete Fortschritte bringt", sagte Ministeriumssprecher Harald
Waiglein am Montagabend.
Auch wenn die Kritik stark auf Probleme in der Eurozone
ausgerichtet sei, müsse jedes Land bedacht sein, einen glaubhaften
Konsolidierungspfad einzuschlagen. Standard & Poor's nenne eine in
der Verfassung verankerte Schuldenbremse als wichtigen Schritt in
Richtung Konsolidierung. Man könne nur hoffen, dass die Opposition
nun umdenke und doch noch der Verankerung der Schuldenbremse in der
Verfassung zustimme, "weil das unverantwortliche Blockieren, dem Land
schweren Schaden zufügen könnte".Finanzministerin Maria Fekter (ÖVP) machte vor dem Ministerrat allerdings klar, dass sie "derzeit nicht" mit der Herabstufung rechnet. "Wir haben sehr stabile Fakten", sagte Fekter. Auch der Ausblick sei derzeit formal noch nicht negativ: "Die gesamte Euro-Zone ist unter Beobachtung. Watch ist nicht negativ."
Die Mitteilung von Standard & Poor's bedeute nicht, dass es zu einer Abwertung kommt, betonte Fekter. Als positiv wertet sie außerdem, dass der Abstand zwischen den Zinsen der österreichischen und der deutschen Staatsanleihen zuletzt so niedrig wie seit Monaten nicht gewesen sei. Finanzstaatssekretär Andreas Schieder (SPÖ) appellierte einmal mehr an die Opposition, dem verfassungsrechtlichen Defizitlimit doch noch zuzustimmen: "Es ist dringend notwendig, die Schuldenbremse in den Verfassungsrang zu schreiben." Auch andere Regierungsmitglieder forderten die Opposition auf, der Schuldenbremse doch noch zur Zweidrittelmehrheit zu verhelfen. "Ich halte es für dramatisch, dass sich die Opposition der staatspolitischen Verantwortung entzieht und die Herrschaften sollten noch einmal darüber nachdenken", sagte Innenministerin Johanna Mikl-Leitner (ÖVP). Ähnlich Infrastrukturministerin Doris Bures, die FPÖ, Grüne und BZÖ aufforderte, "Staatsverantwortung" zu zeigen. Aus Sicht von VP-Klubchef Karlheinz Kopf ist dieser Zug offenbar bereits abgefahren. Kopf machte sich seinem Ärger über das am Montag aus den Gesprächen ausgestiegene BZÖ vor der Regierungssitzung deutlich Luft: "Das BZÖ ist an Lächerlichkeit nicht zu überbieten: Selber Anträge zur Schuldenbremse zu stellen und dann nicht mitzustimmen - die Partei kann man nicht mehr ernst nehmen." Das sei nun aber nicht mehr zu ändern.
Merkel und Sarkozy nehmen Ankündigung zur Kenntnis
Ein Verlust der Topnote für die sechs kreditwürdigsten Länder der
Eurozone hätte auch Folgen für den Euro-Rettungsfond EFSF, der wie
seine garantiegebenden Länder ebenfalls mit der Bestnote bewertet
ist.
Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Frankreichs
Präsident Nicolas Sarkozy hatten sich am Montag in Paris darauf
geeinigt, die Haushaltsdisziplin in Europa bis März auf eine neue
vertragliche Grundlage zu stellen. Kernpunkt eines Fünf-Punkte-Plans
zur Haushaltsdisziplin sollen automatische Sanktionen für
Defizitsünder sein. Der deutsch-französische Vorstoß soll am
Donnerstag und Freitag auf dem EU-Gipfel diskutiert werden.
In einer gemeinsamen Reaktion auf den negativen Ausblick Standard & Poor's haben Bundeskanzlerin Angela Merkel
und Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy ihren festen
Willen bekräftigt, die Euro-Zone mit allen notwendigen Maßnahmen zu
stabilisieren.
An den Devisen- und Aktienmärkten sorgten die Berichte für
Unruhe. (APA/red)