Die Integrationsklassenbesten

6. Dezember 2011, 09:00
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Überdurchschnittliches Einkommen, niedrige Arbeitslosenquote und höchste Bildungsabschlüsse: Indischstämmige Amerikaner gelten als Vorzeigeimmigranten

Aditi sagt es mit einem ironischen Schmunzler: "In der Schule erzählten mir Lehrer zu Jahresbeginn oft, dass sie froh seien mich in der Klasse zu haben, da ich Inderin sei und somit bestimmt hart arbeiten würde." Solche und ähnliche Sätze hat sie auch schon oft gehört: Ob ihr Vater Arzt, Hotelbesitzer oder Ingenieur sei und ob sie später Medizin oder doch IT studieren würde. Amerikanern mit indischen Wurzeln sagt man nach, sie würden viel arbeiten, hochintelligent und etwas nerdig sein. "In Sitcoms sind indische Amerikaner oft als Streber porträtiert, die zwar IT-Genies sind, aber kaum über soziale Kompetenzen verfügen", meint Aditi.

Stereotyp und Statistik

Einige Klischees über Amerikaner, die aus Indien stammen, entspringen allerdings einem wahren Kern: Sie haben zu zwei Dritteln zumindest einen Bachelor-Abschluss. Unter allen US-Amerikanern liegt diese Rate bei weniger als einem Drittel. Indisch-amerikanische Familien haben das höchste Haushaltseinkommen aller ethnischen Gruppen in den USA und 35 Prozent aller Hotels in den USA gehören indischen Amerikanern. Indische Amerikaner gründeten zwischen 1995 und 2005 mehr Ingenieurs- und Technologieunternehmen als die Einwanderer aus Großbritannien, China, Taiwan und Japan zusammen.*

Und auch im Fall von Aditi treffen einige Klischees zu: Ihre Eltern sind beide hoch gebildet, der Vater ist Chemieingenieur, ihre Mutter hat einen Abschluss in Architektur, ist heute aber selbstständig und betreibt ein kleines Druckerei-Unternehmen. Sie selber aber schockierte mit ihrer Bildungswahl zunächst ihre Familie in Indien, entschied sie sich doch Anthropologie zu studieren. "In indischen Familien wird es am meisten respektiert und geschätzt Medizin zu studieren. Danach folgen Ingenieurswissenschaften und Betriebswirtschaft." Aditi meint, dass ihre Familie in Indien geglaubt hat, dass sie nicht intelligent genug sei Medizin zu studieren und deshalb keine der drei respektierten Studienrichtungen gewählt hat.

Schwierige vergangene Tage

Für Nita Spielberg und ihre Eltern waren die ersten Jahre in der neuen Heimat äußerst hart. Sie kamen bereits Anfang der 60er-Jahre in die USA und für die Kinder der Familie waren die Schuljahre sehr schwer. "Wir wuchsen in East Cleveland in Ohio auf und die sozioökonomische Situation dort war damals schon schwierig", meint Ranan Banerji, der Vater der Familie. Nita Spielberg berichtet, dass sie als Inderin oft den Hass der anderen Kinder spürte, sie wurde von ihnen mit Büchern oder Steinen beworfen. Die Eltern dagegen hatten es leichter – sie arbeiteten beide an Universitäten, der Vater als Physiker, die Mutter als Bildungswissenschafterin. Manchmal vermisst Ranan Banerji allerdings die alten Tage: "Die USA waren damals, abgesehen vom Rassismus, schöner als sie es heute sind – das Land war damals eine Weltmacht. Heute hat das Land Schwierigkeiten zu begreifen, dass andere Länder aufgeholt haben und wir in einer multipolaren Welt leben."

Wenig Bindung zu Indien

Trotzdem verstehen sich beide – die Familie Banerji und Aditi – als volle Amerikaner. Die Enkelkinder von Ranan und Purnima Banerji studieren an Ost- und Westküste der USA und kennen das Heimatland der Großeltern nur oberflächlich. Aditi meint, dass sie in Indien wie eine Amerikanerin behandelt wird: "Als ich den Taj Mahal besichtigt habe, musste ich den Ausländerpreis bezahlen, welcher um ein Vielfaches höher ist als der, den die Einheimischen zu zahlen haben." Die Studentin meint, dass Inder sofort erkennen würden, dass sie Ausländerin sei – "sie erkennen es an der Art wie ich mich bewege, mit wem ich unterwegs bin, an meiner Kleidung".

Töchter lehren Eltern, Eltern lehren Töchter

In ihrer amerikanisch-indischen Familie findet heute ein "Generationenunterricht" statt, sagt Aditi. Sie und ihre Schwester belehren die Eltern über amerikanische Traditionen wie Thanksgiving oder Halloween, für die Eltern ist es hingegen wichtig, dass die Kinder die Traditionen aus Indien nicht vergessen. Was Aditi an ihren Eltern aber besonders schätzt: „Sie haben mich und meine Schwester nie gedrängt Medizin zu studieren. In gewisser Weise verstehen sie den American Dream, sie respektieren, dass jedem zumindest theoretisch die Möglichkeit offen stehen sollte zu studieren und zu tun was er will."

"Amerikanische Studien", "indische Studien"

Die alten Stereotype werden mit der Zeit aber aufweichen. Die Enkelkinder der Familie Banerji studieren alle Geisteswissenschaften, Aditi schreibt nach ihrem Bachelorabschluss in Anthropologie gerade an ihrer Masterarbeit in Rechtswissenschaften. Und mit dieser Bildungswahl ist auch ihre indische Familie einverstanden: "Ich fand diese Teilung in respektierte und wenig respektierte Studien immer schon blöd. Nachdem ich jetzt aber etwas Handfestes studiere, ist auch die entfernte Familie in Indien beruhigt."

Weiterführende Links:

*Indian Americans


* The Indian advantage

  • Sie und ihre Schwester belehren die Eltern über amerikanische Traditionen, für die Eltern ist es hingegen wichtig, dass die Kinder die Traditionen aus Indien nicht vergessen, erzählt Aditi.
    foto: willi kozanek

    Sie und ihre Schwester belehren die Eltern über amerikanische Traditionen, für die Eltern ist es hingegen wichtig, dass die Kinder die Traditionen aus Indien nicht vergessen, erzählt Aditi.

  • Nita Spielberg mit Eltern Ranan und Purnima Banerji.
    foto: willi kozanek

    Nita Spielberg mit Eltern Ranan und Purnima Banerji.

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