Bringt das Christkind den Diabetes?

  • Manche Menschen erleben bei raschem, hohem Zuckerkonsum einen "Kick": 
Sie werden putzmunter. Um kurze Zeit später todmüde ins Bett zu fallen.
 Bild: Michael Franke/pixelio.de
    foto: michael franke/pixelio.de

    Manche Menschen erleben bei raschem, hohem Zuckerkonsum einen "Kick": Sie werden putzmunter. Um kurze Zeit später todmüde ins Bett zu fallen.

    Bild: Michael Franke/pixelio.de

  • Bernhard Ludvik ist Facharzt für Innere Medizin, Endokrinologie und Stoffwechsel am Wiener AKH.
    foto: bernhard ludvik

    Bernhard Ludvik ist Facharzt für Innere Medizin, Endokrinologie und Stoffwechsel am Wiener AKH.

Kann der exzessive Genuss von Vanillekipferln und Kokosbusserln zu Diabetes führen? Stoffwechselexperte Bernhard Ludvik steht Rede und Antwort

Einst waren Vanillekipferln in vielen Familien ebenso wertvolles wie heiß ersehntes Objekt der Begierde. Sie wurden sorgfältig, in niedriger Dosis abgezählt, verteilt, bevor sie von einem vertrauenswürdigen Familienmitglied wieder ins Geheimversteck zurückgestellt wurden. Dieser Genusskontrolle entwachsen, gilt heute die Devise: Auf sie mit Gebrüll. Doch abgesehen vom Fett: Wenn 20 Vanillekipferln auf einen Sitz verzehrt werden, was macht die hohe Dosis Zucker mit dem menschlichen Organismus? Bekommt er eine "Überdosis", oder gar einen "Zuckerschock"?

"Haushaltszucker geht sehr rasch ins Blut und der Zuckerspiegel steigt an. Es kommt zu einer Insulinausschüttung", erklärt Bernhard Ludvik, Leiter der Stoffwechsel- und Diabetesambulanz an der Universitätsklinik für Innere Medizin III am Wiener AKH. Wenn nun viel Insulin ausgeschüttet wird, kann es paradoxerweise zu einer Unterzuckerung kommen. "Der Zucker im Blut fällt zu tief hinunter, dann können Symptome wie Heißhunger, Zittern oder leichtes Schwitzen auftreten." Das äußere sich allerdings vorwiegend bei Menschen, die von einer Regulationsstörung - dem Vorstadium von Diabetes - betroffen sind. "Da liegen bereits kleine, disktrete Störungen vor", berichtet der Stoffwechselexperte.

Aus dem Kick in den Tiefschlaf

Manche Menschen erleben bei raschem, hohem Zuckerkonsum einen "Kick": Sie werden putzmunter. Kurze Zeit später fallen sie todmüde ins Bett. Manchmal fällt dieser Energieschub überhaupt weg und umgehend macht sich Müdigkeit breit. "Da man den Zucker ja meistens in Kombination mit Fett isst, wird nicht nur Insulin ausgeschüttet, sondern darüber hinaus auch viel Blut für die Arbeit des Verdauungstraktes benötigt", erklärt Ludvik letzteres Phänomen. "Das fehlt dann woanders. Also fühlt man sich müde."

Generell folgt dem Kick meist der rasche Abfall des Zuckers mit erwähnten Symptomen, weiß der Stoffwechselexperte und rät nicht zuletzt deshalb von Traubenzucker bei Sport oder schwerer körperlicher Tätigkeit ab - es sei denn, man ist Diabetiker und erleidet eine Unterzuckerung. "Nehmen Sie für die langfristige und nachhaltige Produktion von Zucker lieber komplexe Kohlehydrate zu sich", setzt Ludvik auf Bananen, Vollkornprodukte oder Müsliriegel. In der Weihnachtszeit ist auch Früchtebrot erlaubt.

Aggressionen und Zuckerkonsum

Dass erhöhter Zuckerkonsum Kinder und Jugendliche aggressiv machen soll, hält Ludvik für eine Mär. "Ich glaube, dass unruhige Kinder mehr Zucker zu sich nehmen und Zucker deshalb die Folge und nicht die Ursache für aggressiveres Verhalten ist." Eine wesentliche Rolle dabei spielt das Glückshormon Serotonin, das durch den Zuckerkonsum angekurbelt wird. Dieses Wissen macht man sich auch in der Behandlung von Depressionen zunutze.

Wer im Winter Heißhungerattacken hat und Süßes braucht, um über diese dunkle kalte Zeit hinwegzukommen, leidet möglicherweise an einer saisonalen Depression. "Manche Menschen sprechen durchaus auf Lichttherapie an", weiß der Stoffwechselexperte, "aber falls das nichts hilft, empfehle ich auf jeden Fall eher die medikamentöse Behandlung einer Winterdepression als eine erhöhte Zuckerzufuhr."

Zuckerkrank durch zu viel Zucker?

Doch was spricht eigentlich gegen eine zuckerreiche Ernährung? Kann man durch zu viel Zucker gar zuckerkrank werden? Dafür hat Ludvik zwar keine Belege, "aber Statistiken aus den USA beweisen, dass Übergewicht ganz klar mit dem Konsum von raffiniertem Zucker zusammenhängt. Vor allem weil man den Zucker ja nicht alleine sondern zumeist in Kombination mit Fett isst. Und Übergewicht kann bei entsprechender Veranlagung zu Diabetes führen."

Von der Alternative, die Kekse mit Honig zu backen, hält Ludvik wenig: "Honig enthält viel Fructose und die geht ebenfalls schnell ins Blut." Bei hohem Konsum kann die Fructose, die auch im Haushaltszucker vermischt mit Glucose enthalten ist, gar zu einer Fettleber führen.

Für einen einigermaßen bekömmlichen Zuckerkonsum in der Weihnachtszeit empfiehlt Ludvik Schokolade statt Kekse. Je dunkler umso besser. Hochprozentige Bitterschokolade hat eine günstigere Fettzusammensetzung und enthält gar keinen Zusatz von Zucker. (Eva Tinsobin, derStandard.at, 14.12.2011)

Share if you care