Tête à tête in Paris

Merkel und Sarkozy wollen Schuldenbremse

Stefan Brändle, 5. Dezember 2011, 22:36

Merkel und Sarkozy wollen Defizitsünder automatisch bestrafen, den Rettungsschirm ESM vorziehen und keine Eurobonds einführen

Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel und der französische Präsident Nicolas Sarkozy streben eine verbindliche Verankerung nationaler Schuldenbremsen in den jeweiligen Verfassungen an. Diese Verpflichtung soll in den EU-Vertrag aufgenommen werden, wie Merkel und Sarkozy just an jenem Tag ankündigten, an dem in Österreich die geplante Einbettung einer Schuldenbremse in die Verfassung platzte.

Berlin und Paris streben Reformen auf EU-Ebene an, notfalls sei man aber entschlossen, die Änderungen nur im Euroraum durchzuführen. Den Ideen, die bis März umgesetzt werden sollen, schlägt vor dem EU-Gipfel Donnerstag und Freitag ein heftiger Wind der EU-Kommission und mehrerer Mitgliedsstaaten entgegen. Laut Ratspräsident Herman Van Rompuy und Währungskommissar Olli Rehn ist die Verschärfung der Haushaltskontrolle auch ohne Vertragsänderungen möglich.

***

Angela Merkel und Nicolas Sarkozy wollen der EU gemeinsame Budgetregeln verpassen. "Unser Wille ist es, mit voller Kraft vorauszugehen, um das Vertrauen in den Euro und die Eurozone wiederherzustellen. Wir haben keine Zeit" , begründete Frankreichs Präsident das forsche Tempo, das er zusammen mit der deutschen Kanzlerin vorgibt.

Bereits am Mittwoch will das Duo dem europäischen Ratspräsidenten Herman van Rompuy ausformulierte Vorschläge vorlegen. Bis Freitag müssen die übrigen EU-Mitglieder am EU-Gipfel in Brüssel Stellung nehmen. "Die Dinge liegen klar", meinte der französische Staatschef: "Es wird so schnell wie möglich gehandelt, und zwar auf der Basis dieser Übereinkunft zwischen Frankreich und Deutschland, und dann auch mit den anderen."

Die "anderen" EU-Mitglieder haben also nach Erhalt der Vorschläge am Mittwoch zwei Tage Zeit für eine Reaktion. "Wir sind fest entschlossen, die Entscheidung genau bei diesem Rat herbeizuführen" , meinte auch Merkel. Und dabei handelt es sich keineswegs um Detailfragen: Der Vertrag von Lissabon, also das Grundgesetz der Europäischen Union, soll in wichtigen Teilen neu formuliert werden, um zukünftige Finanzkrisen zu vermeiden.

Der Schlüssel dazu ist die Kontrolle der nationalen Haushalte. Jedes Land soll sich - etwa durch eine Verfassungsänderung - auf eine "goldene Regel" verpflichten. Budgetdefizite von mehr als drei Prozent sollen ausdrücklich untersagt werden. Bei einer gemeinsamen Pressekonferenz im Élysée-Palast meinten Merkel und Sarkozy am Montag, diese Vertragsrevision stehe allen 27 EU-Mitgliedern offen. Frankreich und Deutschland seien entschlossen zur Neuerung.Wenn ein Land - gemeint ist vor allem Großbritannien - nicht mitmache, werde man unter den 17 Staaten der Eurozone allein handeln. London sträubt sich auch gegen diese Lösung.

Bei Nichteinhaltung der Budgetregeln werden ausdrücklich Sanktionen vorgesehen. Darauf hatte die deutsche Seite gedrängt, und zwar mit dem Argument, dass die Maastrichter Kriterien von 1997 bereits ähnliche Defizitregeln enthalten, ohne dass dies die Schuldenkrise verhindert habe. Deshalb verlangt Berlin "automatische" Sanktionen. Voraussetzung ist freilich eine qualifizierte Mehrheit im Ministerrat.

Sarkozy war zuerst gegen den Automatismus, da er darin einen Verstoß gegen die nationale Souveränität sieht. Im Gegenzug zu seiner Zustimmung setzte er durch, dass europäische Kontrollinstanzen nicht direkt in die nationalen Budgets eingreifen können. Der Europäische Gerichtshof in Luxemburg wird nicht die Kompetenz haben, überbordende Budgets zu kippen; er kann nur die Nichteinhaltung der Schuldenbremsen, die vertraglich fixiert sein sollen, durch die nationalen Instanzen feststellen. Merkel hatte ursprünglich verlangt, dass die EU-Kommission - etwa über einen "Superkommissar" - direkt Einfluss in die Bildung der nationalen Haushaltsentwürfe nehmen kann. Umgekehrt setzte sie sich mit zwei Forderungen durch: Die Eurobonds sind kein Diskussionsgegenstand mehr, und die Unabhängigkeit der Europäischen Zentralbank wird auch nicht angetastet.

Wie sehr die Zeit drängt, machte Sarkozy auch klar, indem er erklärte, der Nachfolger des provisorischen EU-Rettungsschirmes EFSF, der "Europäische Stabilitätsmechanismus" ESM, solle nicht 2013, sondern schon Ende 2012 in Kraft treten. Zusätzlicher Zeitdruck kommt von der Ratingagentur Standard&Poor's. Sie hat den Ausblick aller sechs Triple-A-Euroländer, darunter auch Österreich, auf negativ gesetzt. Das bedeutet, dass das AAA-Rating in den nächsten 90 Tagen verloren gehen könnte. (Stefan Brändle aus Paris, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6.12.2011)

Kommentar posten
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Nadine Mayer
01
6.12.2011, 12:50

Nachdem Merkosy die Arbeit machen, welchen Nutzen haben eigentlich unsere Leader von Rompuy, Barolo, Ashley bis hin zu den Perlen aus Österreich ? Wäre auch eine Menge Rationalisierungpotential bei einer umfassenden EU Reform.

Walter Bimini
00
6.12.2011, 11:53
merkel und sarkotzy theater - dafür wird es keine neuen kredite mehr geben

whose ass to kick?
00
6.12.2011, 11:21
merkel & sarkozy

haben zwischen hauptspeise und dessert wieder ein paar luftmaschen gestrickt.

diese 2 leicht dümmlich grinsenden spitzen sollten dringend gegen sozial kompetente player ausgetauscht werden.

Walter Bimini
00
6.12.2011, 11:55
für das schuldenproblem gibt es keine lösung in ihrem sinne

wer den bankrott zu lange hinauszögert, muß mit einem tiefen absturz zurechtkommen.

whose ass to kick?
00
6.12.2011, 17:06

achso, verstehe.
weil ich das wort *sozial*(kompetent) schrieb, glaubten sie zu wissen, welche lösung des schuldenproblems in meinem sinne wäre...

mir schwebt - in aller bescheidenheit, natürlich - vor, daß politiker im allgemeinen nicht hauptsächlich vor den banken das parkett mit der zunge spiegelblank lecken und vor ratingagenturen (die ja nur eine "meinung äußern") unwohlig erzittern, sondern einmal selbst das ruder in die hand nehmen - was natürlich u.a. auch fachliche kompetenz voraussetzt. und zwar ohne den europäischen bürgern in autoritärer domina-manier zu sagen, daß sie bestraft würden.

Walter Bimini
00
7.12.2011, 11:35
noch etwas zu den rating agenturen

wenn die rating agenturen die staaten der europäischen schuldenunion ehrlich beurteilen würden, wären die ratings noch viel schlechter. noch krasser ist der unterschied zwischen rating und realität nur bei usa und uk.

Walter Bimini
00
6.12.2011, 17:42
der zug ist längst abgefahren

wenn dann hätte man etwas vor jahrzehnten tun müssen. um den staatsbankrott kommen wir in keinem fall mehr herum. jahr für jahr wird der schuldenberg größer. die schon längst überfällige verwaltungsreform schiebt die seilschaft aus politik und bürokratie immer wieder hinaus. österreich ist längst ein fall für die schuldnerberatung.

whose ass to kick?
00
6.12.2011, 18:09

und bei uns (in A) is's nicht anders:
http://www.youtube.com/watch?v=WbungOioj0w

Walter Bimini
00
6.12.2011, 19:12
wobei auch dabei nicht klar herauskommt,

daß die politik mit den banken zusammenspielt. die banken ermöglichen mit ihren krediten der politik erst die verschuldung der staaten derart in die höhe zu treiben. die politik kauft mit dem vielen geld stimmen bei den wahlen. die wähler glauben mittlerweile, daß ihnen all das (sozialsystem, bildung, kultur, ....) einfach zusteht und zwar ganz unabhängig davon ob es für den staat finanzierbar ist oder nicht. wobei die politik die kosten immer verschleiert und auch den wahren zustand der staatsfinanzen.
und das ende der geschichte werden wir bald selbst sehen.

Moralapostel
 
00
6.12.2011, 11:17
Helmuth Schmidt: Merkels wahlpolitsches Kleingeld

Transferunion bereits Realitaet und Eurobonds in Deutschlands langfristig strategischem Eigeninteresse. Nationalistisches Protzertum (AAAroganz) schafft Argwohn, isoliert Deutschland und marginalisert Europa in bipolaren Welt (China & USA). Soviel Weitsicht wuerde man sich von Merkel und Schaeuble wuenschen.
http://www.youtube.com/watch?v=3clNsHRoUBI

Walter Bimini
00
6.12.2011, 11:59
gelddrucken hat noch keinen überschuldeten staat gerettet

MichèleZ
01
6.12.2011, 09:51
Merkels Absicht, Defizitsünder in Zukunft zu bestrafen,

ist doch lediglich ein Placebo für die deutschen Wähler!

Sanktionen 1.0 waren unwirksam, Sanktionen 2.0 werden es auch in Zukunft sein.

Denn entweder greifen sie dann einem nackten Griechen, Portugiesen oder wen auch immer in die Tasche oder sie transferieren jedes Jahr ein paar Milliarden. Fin.

Aber wie man unschwer sehen kann, geht tatsächlich alles im Sinne Frankreichs in Richtung EZB.

Althase
01
6.12.2011, 10:06

Naja Merkel ist in einem Umfeld groß geworden, wo Strafe noch als probates Mittel angesehen wurde.
Man möge ihr das persönlich nachsehen, in der Politik hat diese Strategie natürlich nichts verloren - aber schon gar nichts.

Mein Vorschlag wäre, die EZB zu öffnen und darüber die Staaten direkt zu finanzieren (ohne Umweg über die Banken) - wird zwar dem Ackermann nicht gefallen - aber was solls.

Mit einer g'scheiten Inflation und dem gerechten Umverteilen zu den Bedürftigen kriegen wir 1.) die Schulden in den Griff und 2.) die Einkommensschere wieder ein bisserl zusammen.

Fazit: ned bled red'n - hackl'n

MichèleZ
00
6.12.2011, 11:38
Sie haben recht,

denn tatsächlich ist die realistische Aussicht entweder eine Währungsreform mit unabsehbaren Folgen für die gesamte Volkswirtschaft oder eine von der EU inszenierte tatsächliche Inflation von 5-6% pro Jahr bei einem EZB Zinssatz von 1-2%.

Walter Bimini
00
6.12.2011, 12:06
sie glauben anscheinend noch fest an den osterhasen

und die von der statistik austria verbreiteten märchen. die inflation ist schon längst höher als 5 oder 6%. selbst die offizielle statistik gibt beim wocheneinkauf schon 7% zu und dabei sind die zahlen sicher nach allen regeln der kunst getürkt.
mit 5 oder 6% kann man diese schulden unmöglich abtragen. österreich müßte selbst mit zwei wundern (keine neuen schulden mehr, monatlich eine milliarde überschuß) 18 jahre schulden abstottern um allein die offiziellen schulden abzutragen. dabei ist noch keine rede von den ausgelagerten schulden (öbb, asfinag, länder, städte, gemeinden, ...).

20% und mehr pro monat würden wir schon brauchen.

Althase
00
6.12.2011, 13:38

Die Inflation müsste schon deutlich 2-stellig sein - wo ist das Problem, hatten wir in den 70ern ja auch (bei Vollbeschäftigung)
Man muss halt dann rechtzeitig drauf schauen, dass dabei niemand unter die Räder kommt.

Walter Bimini
00
6.12.2011, 15:53
außerdem reicht zweistellig pro jahr keineswegs

denn auch in den 70ern hat sich kein staat damit entschuldet - ganz im gegenteil.
deshalb braucht es schon eine zweistellige inflation pro monat d.h. 314% pro jahr.

Walter Bimini
00
6.12.2011, 15:51
diesmal wird es eben keine entsprechenden lohnerhöhungen mehr geben.

weil der schuldenberg sehr viel höher ist und gleichzeitig die investoren bereits argwöhnisch geworden sind. ohne neue kredite wird es gar keine gehaltserhöhungen mehr geben und massenhaft entlassungen auch bei der bürokratie.
würden sie jemandem, der schon schwer tut die zinsen für seine kredite zu zahlen, noch locker einen billigen kredit geben?
wer staatsanleihen kauft, geht ein hohes risiko ein bei gleichzeitig geringer belohnung.

Althase
00
6.12.2011, 15:54

Das ist Aufgabe der EZB - gegen die sich die Merkel aus wahltaktischen Gründen noch sperrt.

Walter Bimini
00
6.12.2011, 17:33
warum ist es so schwer zu verstehen, daß es nicht reicht, wenn nur die eigene notenbank staatsanleihen kauft?

ob man es über die notenbank macht oder direkt das geld druckt ändert nichts am endergebnis "einer netten hyperinflation" wie in der weimarer republik, simbawe, jugoslawien, ...
das hat noch nie allzu lange funktioniert. das dicke ende kommt auch bald bei den usa und das trotz leitwährungsvorteil.

Nicolas Castillo
00
6.12.2011, 09:28
da kann der Herr Sarkotzi ...

ja gleich mal einen Scheck ausstellen, mehr als 5% Defizitquote in 2012 sind nicht schön, gar nicht schön

DerStadtrat
01
6.12.2011, 09:03
Wir leben in einem totalitären Europa.

whose ass to kick?
00
6.12.2011, 11:22

richtig, herr stadtrat.

Franz Klug
02
6.12.2011, 08:15
Die Merkel hat die Ablehnung des Eurobonds

als Hauptwahlzuckerl für die anstehenden Bundestagswahlen 2013 ausgeguckt.
Sie weiß, dass die Mehrheit der deutschen Bevölkerung mit dem Slogan wir sparen und geben kein Geld für die faulen Südländer her Sie Wahlen gut gewinnen wird.
Die SPD, Grüne und Linken werden sich schwer tun den Eurobond, der allen zugute käme, als positiven Wert zu verkaufen, da ja sparen unhinterfragt als positiver Wert empfunden wird.
Mit Ihrer Haltung, Nein zum Eurobond, Sie kämpft dafür dass die deutschen Steuerzahlerinnen für die anderen nicht zahlen müssen, daher Nein zu Euro-Bonds, - so wie der Strache bei uns, kein Geld für die Griechen, das Geld für unsere Leit - wird Sie die nächste Wahl gewinnen. Leider:((((((

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