Das Internet könnte auch Putin und Medwedew zum Verhängnis werden
Dass Vladimir Putin und Dimitri Medwedew mit ihrer Partei "Geeintes Russland" einen Dämpfer bei den gestrigen Parlamentswahlen erhalten würden, war laut Umfragen zu erwarten. Dass der dann doch mit einiger Wucht und in viel größerem Ausmaß - nämlich mit 14 Prozent Stimmverlust - ausfallen würde, schon weniger.
Trotzdem ist das Wahlergebnis nicht verwunderlich, wenn man die globalen Entwicklungen der letzten Jahre, die auch an Russland nicht spurlos vorübergegangen sind, mitbedenkt. Autokrat Putin konnte das Land auch deshalb lange Zeit mit eiserner Hand führen, weil er die Hoheit über sämtliche wichtige Medienkanäle - vor allem TV-Sender - hatte.
Die Cyberattacke während dem gestrigen Wahltag, die sämtliche regierungskritische Websites lahmlegte, kann deshalb nur als panische Kurzschlusshandlung gedeutet werden. Gerade das Abschalten dieser Websites zeigt, wie wichtig diese mittlerweile für die Öffentlichkeit in Russland gewesen sein dürften. Auch wenn "Geeintes Russland" inklusive Putin und Medwedew noch weit davon entfernt ist, bald die Macht abgeben zu müssen, bescheinigen diese Ereignisse sehr wohl, dass man die Bevölkerung nicht mehr so im Griff hat, wie man es sich wünschen würde.
Die junge Generation hat großteils erkannt, dass auch die anderen Duma-Parteien dem Kreml gleichgeschaltet sind, und blieb deshalb wegen fehlender Alternativen vermehrt den Wahlurnen fern. Stattdessen betätigten sich viele als Aufdecker von Wahlunregelmäßigkeiten und Manipulationen, wie zahlreiche Video-Clips zeigen. Es wurde versucht Wählerstimmen mittels Cognac und Schweinefleisch zu kaufen, Wahlhelfer füllten eigenhändig mehrere Wahlzettel aus oder teilten Stifte mit auslöschbarer Tinte aus.
Angesichts dieser Vorfälle, mutet es schon einigermaßen bizarr an, wenn Putin das gestrige Wahlergebnis in einer ersten Reaktion als "optimal" bezeichnet. Vielleicht war dieser Euphemismus Ausdruck einer dunklen Vorahnung, dass es in Zukunft für ihn nicht mehr so einfach sein wird, das Zepter im russischen Staat in der Hand zu halten. (derStandard.at, 5.12.2011)