Bildungsforscher Hopmann warnt vor "Pseudoobjektivierung"

5. Dezember 2011, 11:19

Bringt keine fairere Beurteilung, aber mehr Schummeln und mehr soziale Ungerechtigkeit

Wien - Mehr Qualität, Vergleichbarkeit und Fairness soll die Zentralmatura laut Unterrichtsministerin Claudia Schmied (SPÖ) ab 2013/14 an den AHS bzw. 2014/15 an den berufsbildenden höheren Schulen (BHS) bringen. Laut Bildungswissenschafter Stefan Hopmann von der Universität Wien kann die Zentralmatura solche Versprechen aber gar nicht einhalten. "Es ist eine Pseudoobjektivierung, die den Leistungsstarken nichts macht, aber nach allen Erfahrungen in den mittleren und unteren Gruppen einen ziemlichen Flurschaden anrichtet", warnt er gegenüber der APA.

Er sei kein prinzipieller Gegner von Tests im Abschlussjahr, betont Hopmann. "Wenn man das Geld hat, kann man das gerne machen." Es sei jedoch ein Irrglaube, man könne mit einer Zentralmatura die Qualität oder die Vergleichbarkeit der Leistungen verbessern. Das Gegenteil sei der Fall und als "Campell's Law" bekannt: Bei zentralen Fragestellungen sei die Wahrscheinlichkeit, dass geschummelt wird, höher. Gleichzeitig habe die Forschung gezeigt, dass das Spontanurteil von Lehrern immer noch treffsicherer sei "als irgendwelche zentral verordneten Tests", so der Bildungsforscher.

"Shadow-Education-Sektor"

Auch in punkto Fairness bringe eine Zentralmatura nichts: "Noten sind unfair, zentrale Test sind aber auch unfair. Die sind nur unterschiedlich unfair", betonte Hopmann. Gute Schüler würden auch bei der Zentralmatura gute Leistungen liefern. Schüler aus dem mittleren und unteren Leistungsspektrum hätten indes nicht die Bandbreite an Wissen, um jede Frage zu beantworten - außer ihr Unterricht habe zufällig die abgefragten Bereiche behandelt. Mittelfristig bewirken zentrale Tests laut Hopmann sogar das Gegenteil von Gerechtigkeit, denn in Ländern mit solchen Systemen gebe es immer einen rasch expandierenden "Shadow-Education-Sektor", also Nachhilfe, die sich allerdings nur Schüler aus sozial bessergestellten Familien leisten können.

Kompetenzorientierter Unterricht könne daran nichts ändern, denn "Unterricht ist nun mal sehr unterschiedlich". Zentrale Tests würden daher nur "den mehr oder weniger zufälligen Match oder Mismatch von Unterricht" messen, so Hopmann. "Das taugt nicht, um eine individuelle Diagnose zu machen, wie gut Schüler Mathematik können." Das "Gerechtigkeitsproblem" bei der Notengebung könne nur gelöst werden, indem die Schulen an der Qualitätssicherung des Unterrichts und an der Beurteilungspraxis vor Ort arbeiten.

Nicht gerechter

Dass Österreich dennoch auf die Zentralmatura setzt, findet Hopmann typisch für das Land: "Ich kann nachweisen, dass die Notenvergabe sehr unterschiedlich ist, um es höflich zu formulieren. Daraus folgt aber nicht, dass ein zentralisiertes System gerechter wäre. Da wird immer geglaubt, weil das eine System bestimmte Fehler hat, hätte das Alternativsystem diese Fehler nicht. Aber das ist ein falscher Kehrschluss." (APA)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 27
1 2
selbst-denker
00
12.12.2011, 19:46
"Zentrale Tests

würden daher nur "den mehr oder weniger zufälligen Match oder Mismatch von Unterricht" messen". Besser kann man dieses Faktum nicht formulieren. Derzeit unterliegen immer mehr Bereiche dem Messbarkeitswahn und der Effizienzkontrolle mit untauglichen Mitteln wie die Zentralmatura. Wer selber unterrichtet hat, weiß, dass Hopmann den Nagel auf den Kopf getroffen hat. So wird auch die Schule immer unmenschlicher, unpersönlicher, Spielräume schrumpfen, ganz wie beim Bolognaprozess auf den UNIs.

Haas Karl-Heinz
00
8.12.2011, 16:24
Schummeln mit System

Ungefähr so wird es laufen:

http://www.spiegel.de/schulspie... 48,00.html

Plus Lucis
00
7.12.2011, 00:17

Nach Murphy's Law wird eine Zeitung, die ein allgemeines Gesetz mit falschen Namen und irreführender Spezialisierung zitiert, bald finanziell zugrundegehen.

(Das ist ungefähr so seriös wie der Satz zu "Campell's law" und der Rest.)

Selten eine so schlechte Argumentation gesehen wie in diesem Artikel.

scribo
00
6.12.2011, 12:39

Hopmann spricht immer von Tests. Die schriftliche Klausur ist zwar ein Test, den gab es aber immer schon.
Wo ist denn eigentlich das Problem? Nur weil die Aufgabenstellungen zentral vorgegeben sind, sind die schriftlichen Klausuren deshalb doch nicht schlechter zu bewerten.

D/E
00
6.12.2011, 13:38
Ich glaube, er spielt auf die gängige Praxis an,

schon im Vorhinein zu definieren, wie das Ganze ausgehen darf.

D/E
12
5.12.2011, 21:28
Ganz ohne Zynismus:

Angesichts magerer Lohnabschlüsse werden sich Lehrer/innen eben nebenberuflich als Trainer/innen für die unsägliche Zentralmatura betätigen.

Das geht -- legal und lukrativ.

Danke.

Sarang He
21
5.12.2011, 22:31
das geht doch gar nicht

Lehrer ist doch die Berufsgruppe mit dem meisten Jahresarbeitsstunden (zumindest nach Eigendefinition).

D/E
00
6.12.2011, 10:17
Wäre mir neu.

Und ich unterrichte schon ziemlich lange.

Nebenjobs sind übrigens auch Lehrern nicht verboten.

carven
22
5.12.2011, 21:43

Ich dachte, die sind so überbelastet. Wann sollten denn Lehrer dafür Zeit haben?
Sorry, aber das war jetzt irgendwie aufgelegt.
Trotzdem, Sie haben natürlich (leider) recht.

D/E
00
6.12.2011, 11:22
Ist schon in Ordnung.

Ich sehe als Elternteil u n d als Lehrer die Zentralmatura als eine geplante Katastrophe.

sancta simplicitas
00
5.12.2011, 23:00
Ja, warum denn nicht?

Jede Berufsgruppe kann Überstunden machen, Lehrer natürlich auch. Aber Stopp der Generalisierung: Wer sich mit Nachhilfe bzw. Maturavorbereitung noch ein Körberlgeld herausreißen kann, das sind doch nur relativ wenige: Fremdsprachler, Mathematiker... und aus.

Bertel Mann
34
5.12.2011, 20:07
"Schüler aus dem mittleren und unteren Leistungsspektrum hätten indes nicht die Bandbreite an Wissen, um jede Frage zu beantworten ..."

Ja eh. Also passt's ja. Genau deshalb sind die Ergebnisse ja vergleichbar.

Und zur Behauptung "Gleichzeitig habe die Forschung gezeigt, dass das Spontanurteil von Lehrern immer noch treffsicherer sei "als irgendwelche zentral verordneten Tests"" wären genauere Angaben hilfreich. Am Ende eine Studie von Hopmann?

GemeinerRhabarber
00
14.12.2011, 15:53

"Am Ende eine Studie von Hoppmann" - und was würde dagegen sprechen sich auf eine eigene Studie zu beziehen?

Radio Eriwan
02
5.12.2011, 18:29
Jahrelang hat man die Gymnasiallehrer zu pädagogischen Vollkoffern erklärt.

Nur um dann mit ideologischem Schaum vor dem Mund die Zentralmatura einführen zu können. Den wischt sie sich wohl nimmer weg.

carven
03
5.12.2011, 18:17
Vielen Dank!

Vielen Dank für die Bestätigung dessen, was ich als Mutter seit der geplanten Einführung der ZM empfinde und nun in der Vorbereitung für Englisch (Schule ist Partnerschule und demnach die Schüler Testobjekte) erleben muss.
Vergleichbarkeit - vielleicht.
Fairness - auf keinen Fall.
Qualität - kann wohl nur ein Witz sein.

stall
02
5.12.2011, 17:58
man wird nicht auf ihn hören

die zm kommt sicher teurer. spielt aber für eine exbankerin keine rolle. wir hatten und haben genug bankenrettungsminister.

Nee-Chee
00
5.12.2011, 15:27
"also Nachhilfe, die sich allerdings nur Schüler aus sozial bessergestellten Familien leisten können"

aha. Na sowas gibt's bei uns ja zum Glück bis jetzt überhaupt nicht.

john lebovski
00
5.12.2011, 17:34

jetzt hat er's eh schon so einfach wie möglich gesagt und sie können trotzdem nicht mehr als 13 wörter erfassen? "rasch expandierender" markt an "shadow education", das ist der empirisch belegte effekt von zentralen prüfungen. mit "objektiver gerechtigkeit" haben sie noch weniger zu tun als bisher schon nicht, auch wenn das für einfach denkende menschen subjektiv so empfunden werden mag.

Nee-Chee
10
6.12.2011, 10:08
ich geb's zu

ich kann nur Sätze bis zwölf Wörter erfassen. Ich sehe in den 13 Wörtern leider nicht, dass es in diesen Ländern schon vorher einen derart starken Nachhilfesektor gab wie in Österreich, der nach Einführung einer zentralen Prüfung _noch mehr_ expandiert ist.
Ich versteh auch nicht, wie die begehrtesten Schulen eine weltweit! standardisierte Abschlussprüfung* schaffen, eine Mischung aus individuellen Leistungen und zentral vorgegebenen Tests, aber bei uns im Zwergerlstaat soll das nicht funktionieren.

* http://en.wikipedia.org/wiki/IB_D... and_awards

john lebovski
00
6.12.2011, 17:02

wenn es auch so sein mag, dass bereits jetzt viele eltern viel geld für nachhilfe verschwenden, mit der zentralmatura wird's noch viel mehr werden! das ergibt sich zwangsweise, da, wie hopmann ganz klar feststellt und wie jeder lehrer aus erfahrung weiß, bei einer zentralen prüfung auf jeden fall mehr wissen (breiter!) abrufbar sein muss. (es kann nichts mehr ausgeschlossen werden!)

sie verweisen hier auf die erfolgreiche vermarktung von "internationalen diplomen" für die kinder der "elitären gesellschaft" (oder die dazu gehören wollen) an internationalen eliteschulen. die werden (wie hopmann richtig feststellt) auch kein problem mit zentralen prüfungen haben!

Ann Dido
00
11.12.2011, 21:22

Na, dann lesen Sie mal diesen Artikel:
http://bildung-wissen.eu/wp-conten... %BCche.pdf

(Achtung: mehr als 13 Worte)

john lebovski
00
11.12.2011, 22:58

klar, wenn die hohen "theoretischen" ansprüche lt. lehrplan lbvo bei den reifeprüfungen je erfüllt werden hätten können, und wenn die zentralen prüfungen so aussehen werden, wie hier für biologie! in brd beschrieben, dann sollte es für alle einfacher werden. wenn ich etwa an mathematik denke, wo derzeit die meisten maturanten nicht die spur von einer ahnung davon haben, was sie in ihre rechner eintippen und ablesen. egal wie einfach die aufgaben auch sein werden, der streß wird für die meisten daher gewaltig zunehmen.

A. Sieberer
01
6.12.2011, 08:04

In südamerikanischen Ländern, und wohl nicht nur dort, ist es heute schon üblich bei weniger guten Abschlußzeugnissen, mehrere Semester "nachzuqualifizieren", um begehrte Studienplätze zu bekommen, Sozusagen Matura im zweiten oder dritten Anlauf.
Das könnte bei uns ähnlich werden......

Ann Dido
00
11.12.2011, 21:23

Die Firma Siemems weiß schon, dass "4" eigentlich "5" ist.

G. Lavant
00
5.12.2011, 12:54
Hopmanns Erkenntnis

"Wie war" (spricht er, sich erhebend
und entschlossen weiterlebend)
"möglich, wie dies Unglück, ja-:
daß es überhaupt geschah?"

Und er kommt zu dem Ergebnis:
"Nur ein Traum war das Erlebnis.
Weil", so schließt er messerscharf,
"nicht sein kann, was nicht sein darf!"

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 27
1 2

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.