Ein Bäumchen vor einem AKW gepflanzt

5. Dezember 2011, 11:06
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Die Weltwanderer Marvin Fritz und Rowin Höfer haben in Italien ein Zeichen gegen Atomkraft gesetzt

Nach 1100 Kilometern sind wir am ersten Atomkraftwerk vorbeigekommen. Das AKW Caorso, das genau zwischen den Großstädten Cremona und Piacenza am Po liegt, produziert zwar keinen Strom mehr - wir spürten jedoch bei jedem Schritt in Richtung Kraftwerk, dass wir hier an keinem positiven Ort sind. Je näher wir kamen und je lauter wir das tiefe Brummen des Kraftwerks hörten, desto stärker wurde dieses unbeschreibliche Gefühl, dass hier etwas nicht stimmt.

Trotzdem wollten wir uns soweit wie möglich annähern und ein Zeichen setzen. Als Symbol für Mutter Natur und als Zeichen ihrer großen Bedeutung für alles Leben auf der Erde pflanzten wir im Namen von GLOBAL 2000 in unmittelbarer Nähe des Atomkomplexes einen kleinen Baum. Genau genommen setzten wir eine kleine Birke ein. Birken waren nach dem Super-GAU von Tschernobyl die einzigen Bäume, die die Atomkatastrophe überlebten - die restlichen Bäume in der Umgebung starben.

Polizei verhindert Zugang

Bei dem Besuch des AKW Caorso hatten wir Begleitung: Die Polizei leistete uns bald Gesellschaft und untersagte uns strengstens, weiter in Richtung Kraftwerk zu gehen oder gar Fotos zu machen. Schlussendlich setzten wir die Birke südlich des Kraftwerks neben einen Feldweg ein, der frei zugänglich ist. So kann zur jederzeit beobachtet werden, was aus dem meterhohen Stück Natur geworden ist. Die exakten Koordinaten sind: 45.065488,9.877352

Nach zwei Monaten auf Wanderschaft sind die täglichen dreißig bis vierzig Kilometer, die fünfzehn Kilo am Rücken und das draußen schlafen längst zur angenehmen Gewohnheit geworden. Das Gefühl, sein ganzes Hab und Gut stets bei sich zu haben und mit eigener Körperkraft auf Land überall hinkommen zu können, wurde immer stärker und wichtiger. Auch das Fremdsein und der Drang, stets weiterzuziehen und nie zu bleiben, gehören nun zu unserem Leben. Das Schöne daran, keinen fixen Platz, kein Nest, keinen eigenen Rückzugsort zu haben, ist, dass man sich überall und zu jeder Zeit zuhause fühlt. Schließlich ist der Mensch immer dort daheim, wo sein Herz ist, nicht dort, wo sein Körper ist.

Mühsal Schlafplatzsuche

Nichtsdestotrotz sind unsere Tage mühsam und anstrengend, wenn schon nicht körperlich, dann geistig. Zum Beispiel ist die tägliche Suche nach einem ruhigen und sicheren Schlafplatz, an dem wir niemanden stören und auch selbst nicht gestört werden, schwierig. Bei Regen, Nässe oder starkem Wind wird die Suche noch erschwert und so vergehen nach einem langen Tagesmarsch oft noch weitere Stunden, bis wir uns im Schlafsack wohl fühlen können. Doch spätestens dann tritt immer wieder das Gefühl tiefer Zufriedenheit ob der zurückgelegten Strecke, der vielen Erlebnisse sowie des optimal genutzten Tages ein.

Als schwierig kann sich auch die Suche nach den besten Wegen und Straßen am Land oder in Städten herausstellen. Leider landen wir noch immer viel zu oft auf stark befahrenen Hauptverkehrsstraßen. Aber um in bestimmte Städte zu gelangen, haben wir oft keine andere Möglichkeit, als diesen Routen zu folgen. Am linken Straßenrand zu gehen, bei jedem herannahenden Fahrzeug zu hoffen, dass die Insassen uns sehen und willig sind auszuweichen, und ständig darauf gefasst zu sein, auf die Seite zu springen, erfordert extrem viel Konzentration.

Wege am Ziel vorbei

Natürlich existieren irgendwo Weitwander-, Pilger- oder Radwege, doch selten führen diese in unsere bevorzugte Richtung - im Gegenteil: meist führen sie uns sogar an unseren Zielen vorbei. Außerdem wollen wir zeigen, dass individuelle Fußreisen noch möglich sind und diese nicht nur innerhalb dafür vorgesehenen Bereichen, sondern überall im öffentlichen Raum stattfinden können und sollen. Interessant für uns sind dabei die verschiedenen Reaktionen der Menschen, wenn sie an das natürlichste und einzig völlig unbedenkliche Fortbewegungsmittel erinnert werden.

Zugegebenermaßen kann das Gehen oft sehr beschwerlich sein, doch was gibt es Ermutigenderes, als am Ende eines langen Tages auf seine eigene Leistung zurückblicken zu können? Genauso geht es auch darum zu erkennen, wie stark ist es, die Kraft der Natur und die Schönheit der Welt, aber leider auch Unerfreuliches Tag für Tag hautnah erleben zu können. (Rowin Höfer/Marvin Fritz, derStandard.at, 5.12.2011)

  •  Bis auf wenige Meter näherten sich Marvin Fritz (im Bild) und Rowin Höfer dem ehemaligen AKW Caorso, das zwischen den Großstädten Cremona und Piacenza liegt.
    foto: rowin höfer

    Bis auf wenige Meter näherten sich Marvin Fritz (im Bild) und Rowin Höfer dem ehemaligen AKW Caorso, das zwischen den Großstädten Cremona und Piacenza liegt.

  • Südlich der Atomkraftanlage setzten die beiden Weltwanderer eine Birke, da diese Pflanze besonders widerstandsfähig gegen Verstrahlung ist.
    foto: rowin höfer

    Südlich der Atomkraftanlage setzten die beiden Weltwanderer eine Birke, da diese Pflanze besonders widerstandsfähig gegen Verstrahlung ist.

  • Wer immer auf dem frei zugänglichen Feldweg vorbeikommt, kann dem markierten Bäumchen einen Besuch abstatten - die Koordinaten: 45.065488,9.877352
    foto: rowin höfer

    Wer immer auf dem frei zugänglichen Feldweg vorbeikommt, kann dem markierten Bäumchen einen Besuch abstatten - die Koordinaten: 45.065488,9.877352

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