Verständigung auf unüblichen Wegen

5. Dezember 2011, 09:27
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Immer mehr Menschen interessieren sich für Gemeinschaftsgärten

Diesen Sommer waren es bereits über 70 begeisterte Gärtnerinnen und Gärtner, die im interkulturellen Gemeinschaftsgarten im Innsbrucker Stadtteil Wilten Obst und Gemüse pflanzten. Dabei war der Garten anfangs nur für 20 Familien konzipiert und wurde ob des großen Interesses erweitert, erzählt Petra Obojes im Seminarraum des Bildungszentrums Maximilianhaus in Attnang-Puchheim.

Das Projekt "Regional. Interkulturell. Kompetent.", kurz "RIKK", das sich in der oberösterreichischen Region Vöcklabruck-Gmunden für die Sichtbarmachung und Vernetzung interkultureller Kompetenzen einsetzt, hat die junge Innsbruckerin vergangene Woche eingeladen, um im Rahmen eines Info-Abends über interkulturelle Gemeinschaftsgärten von ihren Erfahrungen zu berichten.

25 verschiedene Herkunftsländer

Nach dem Spatenstich für den Innsbrucker Gemeinschaftsgarten im Herbst 2009 waren bereits über 100 Namen auf der Interessenten-Liste, schließlich begannen im darauf folgenden Frühjahr 65 Familien auf Einzel- und Gruppenbeeten mit der Bepflanzung. "Inzwischen haben wir etwa 25 verschiedene Herkunftsländer, davon sind etwa zwei Drittel Frauen und ein Drittel Männer aktiv dabei", sagt Obojes, die in der Aufbau- und Beginnphase des Gartens die Koordination übernahm. "Unser Ziel war, einen interkulturellen Begegnungsort zu schaffen und Menschen eine Möglichkeit zu geben, die sie sonst nicht haben. Der Garten sollte ein Lernort werden, und zugleich ein Ort des Wohlfühlens, eine Oase in der Stadt."

Gefühl der Partizipation

Auch Yara Coca Domínguez, Obfrau des Vereins Gartenpolylog, der Plattform für Gemeinschaftsgärten in Österreich, betont die positive Wirkung, die ein solches Projekt auf alle Mitwirkenden haben kann. Das Gärtnern an sich stehe zwar im Vordergrund, aber es gehe auch sehr stark darum, gemeinsam an einer Sache zu arbeiten und dadurch das Gefühl der Partizipation zu entwickeln: "Man gehört zu einer Gruppe, in der auf Augenhöhe kommuniziert wird, und durch dieses gegenseitige Verständnis können auch Vorurteile abgebaut werden. Plötzlich kennt man jemanden aus Afghanistan, und die praktische Erfahrung verändert ganz automatisch die Bilder im Kopf."

Bereicherung, aber auch Herausforderung

Anfänglich waren im 2600 Quadratmeter großen Gemeinschaftsgarten Innsbruck-Wilten einige Mitwirkende skeptisch, wie es bei so vielen verschiedenen Sprachen und Hintergründen um die gegenseitige Verständigung steht. "Die Unterschiede zwischen den beteiligten Menschen sind eine große Bereicherung und diese Vielfalt soll im Garten auch gelebt werden, sie ist aber auch eine Herausforderung", weiß Obojes. Aus diesem Grund wurde auch ein mehrteiliger Workshop zu interkulturellem Zusammenarbeiten organisiert, in dem es darum ging, zu zeigen, wie gemeinsame Wege und Lösungen bei Spannungen und Verständnisschwierigkeiten gefunden werden können. Nicht selten ist dabei Kreativität gefragt, zum Beispiel, wenn es um Kommunikation mit Händen und Füßen geht. "Es braucht einfach auch den Mut zur Verständigung auf unüblichen Wegen", findet Obojes.

Pflanzen- und Wissenstransfer

Das gemeinsame Arbeiten an einer Sache und der Kontakt zu neuen Menschen können auch therapeutischen Charakter haben. "Nach der Scheidung von meinem Mann war ich psychisch belastet und oft einsam", erzählt Ana Cacic, die seit Beginn in Wilten dabei ist und deren Tomatenernte sich im letzten Jahr auf etwa 25 Kilogramm belief. "Für meine Seele war die Arbeit im Garten optimal." Die Innsbruckerin, die ursprünglich aus Bosnien stammt, schätzt den Austausch mit anderen GärtnerInnen sehr. "Wir tauschen nicht nur viele Pflanzen, bei unseren Sommerfesten essen und feiern wir auch gemeinsam, und wir lernen sehr viel voneinander, zum Beispiel, wie man bestimmtes Gemüse kocht oder einlegt."

Menschen werden zu ExpertInnen

Von Anfang an in solch ein Projekt involviert zu sein, macht Interessierte zu AkteurInnen, und diese aktive Teilnahme und Verantwortlichkeit kann sich besonders bei Menschen, die aufgrund ihrer sozialen oder ethnischen Herkunft in der Gesellschaft weniger leicht Fuß fassen, einiges bewegen. Zum Beispiel in puncto Selbstbewusstsein und Empowerment: "Im Garten werden viele Menschen zu ExpertInnen, die sonst nicht als ExpertInnen gelten", so Petra Obojes. Bei den regelmäßigen Gartenführungen etwa begleiten die GärtnerInnen selbst ihre Gäste durch die Beete und geben ihr Wissen sowie diverse Kostproben weiter.

Deutschunterricht im Garten

Klarerweise lassen sich Gemeinschaftsgärten nicht immer derart professionell und umfassend umsetzen wie das Projekt in Wilten. Da in Tirol bereits großes Interesse bestand, gab es von vielen Seiten Unterstützung. So übernahm das Tiroler Bildungsforum, das auch im interkulturellen Bereich Bildungsarbeit leistet, die Trägerschaft des Projekts, beim Land Tirol und dem europäischen Integrationsfonds beantragte man Fördermittel. Diese finanzielle Basisförderung ermöglichte alle notwendigen Anschaffungen von Gartengeräten bis zum Aufenthaltscontainer, ebenso konnte ein eigener Deutschunterricht finanziert werden, der seit Beginn regelmäßig in den Sommermonaten im Garten stattfindet.

Selbstorganisation

Dennoch brauchte es viel Ausdauer und Geduld, bis die Planung des Wiltener Gartens abgeschlossen war. Veränderungen wird und soll es aber laufend geben: "Der Prozess vom geleiteten Projekt zur Selbstorganisation läuft gerade. Nachdem ich in Karenz gegangen bin, haben bereits drei Gärtnerinnen die Koordination übernommen. Im kommenden Frühjahr wird dann eine eigene Vereinsstruktur gegründet", freut sich Obojes. Derzeit gibt es österreichweit bereits 28 Gemeinschaftsgärten, die sich über den Verein Gartenpolylog präsentieren. Außerdem wächst das Interesse an ähnlichen Projekten stetig.

Offenheit wichtig

Nicht nur StadtpolitikerInnen und Interessierte von diversen Vereinen haben den Vortragsabend übers gemeinsame Gärtnern in Attnang-Puchheim besucht. Auch Privatpersonen wie Ingrid Bors-Greil und ihr Ehemann Norbert Bors aus Gmunden sind von der Idee eines Gemeinschaftsgartens begeistert. "Im Gmundner Klostergarten gibt es zwar schon etwas Ähnliches im Bereich der katholischen Kirche, mich aber fasziniert dieser offene, interkulturelle Aspekt", so der pensionierte Lehrer, der gemeinsam mit seiner Frau, einer Physiotherapeutin, bereits Ideen zu möglichen Standorten in Gmunden hat. "Es wäre wichtig, dass es einen Garten gibt, den nicht eine bestimmte Gruppe an Menschen geschlossen macht, sondern ein Austausch stattfindet", meint Bors-Greil. "Und dieser Austausch, glaube ich, fehlt in Gmunden ganz und gar." (Jasmin Al-Kattib, daStandard.at, 5. Dezember 2011)

Nachlese zum Thema:

Kontaktgarten: "Mit wem können wir Deutsch sprechen?"

Nachbarschaftsgarten: Zu Fuß ins Gemüse

Gemeinschaftsgärten: Wurzeln schlagen

Interessierte an einem Gemeinschaftsgarten im Raum Vöcklabruck-Gmunden melden sich bei Bettina Feischl (Projekt RIKK): bettina.feischl@rmooe.at oder 07612 / 208 10

  • Durch die kulturelle Vielfalt der GärtnerInnen in Innsbruck-Wilten ergibt sich auch automatisch eine biologische Diversität.
    foto: tiroler bildungsforum (tbf)

    Durch die kulturelle Vielfalt der GärtnerInnen in Innsbruck-Wilten ergibt sich auch automatisch eine biologische Diversität.

  • Bei Gesprächen von Beet zu Beet wird Erfahungswissen ausgetauscht.
    foto: tiroler bildungsforum (tbf)

    Bei Gesprächen von Beet zu Beet wird Erfahungswissen ausgetauscht.

  • Seit dem Spatenstich im Herbst 2009 sind bereits zwei erntereiche Gartensaisonen vergangen.
    foto: tiroler bildungsforum (tbf)

    Seit dem Spatenstich im Herbst 2009 sind bereits zwei erntereiche Gartensaisonen vergangen.

  • Petra Obojes mit dem Grundstückbesitzer, dem Abt des Chorherrenstifts Wilten, der für den 2600 Quadratmeter großen Garten keine Miete verlangt.
    foto: tiroler bildungsforum (tbf)

    Petra Obojes mit dem Grundstückbesitzer, dem Abt des Chorherrenstifts Wilten, der für den 2600 Quadratmeter großen Garten keine Miete verlangt.

  • Bei den sehr offenen Sommerfesten werden auch Gäste aus der Nachbarschaft eingeladen.
    foto: tiroler bildungsforum (tbf)

    Bei den sehr offenen Sommerfesten werden auch Gäste aus der Nachbarschaft eingeladen.

  • Im eigenen Kinderbereich fühlen sich auch die ganz kleinen angehenden GärtnerInnen wohl.
    foto: tiroler bildungsforum (tbf)

    Im eigenen Kinderbereich fühlen sich auch die ganz kleinen angehenden GärtnerInnen wohl.

  • Und die größeren Kinder helfen tatkräftig mit, wie etwa hier bei der Kompostierung.
    foto: tiroler bildungsforum (tbf)

    Und die größeren Kinder helfen tatkräftig mit, wie etwa hier bei der Kompostierung.

  • Gartenarbeit hat etwas Archaisches: Die meisten Menschen, selbst wenn sie vorher noch nie eine Harke in der Hand hatten, fühlen sich dabei wohl.
    foto: tiroler bildungsforum (tbf)

    Gartenarbeit hat etwas Archaisches: Die meisten Menschen, selbst wenn sie vorher noch nie eine Harke in der Hand hatten, fühlen sich dabei wohl.

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