Erdogans Krankenstand: Türkei in der Machtstarre

Blog4. Dezember 2011, 22:36
49 Postings

Zwei Tage hat das Amt des türkischen Premiers verschwiegen, dass Erdogan nicht im Amt sondern im Krankenhaus war - Jetzt erholt er sich immer noch von der Operation

Packt der Chirurg erst einmal das Skalpell aus, gehen auch in den erprobten Demokratien die Rolläden herunter. Irgendetwas müssen operative Eingriffe an Staats- und Regierungschefs an sich haben, das rationale Öffentlichkeitsarbeit außer Kraft setzt und zwingend den kühlen Charme von Kreml und Nordkorea über das Land bläst. Dann wird vertuscht, verdreht, geschwiegen. Frankreich und seine heimlich maladen Präsidenten im Elysée-Palast von Pompidou (Morbus Waldenström) über Mitterrand (Prostatakrebs) zu Chirac (Gehirnblutung, jetzt Alzheimer) sind ein Klassiker in dieser Kategorie. Der Eingriff, den der türkische Ministerpräsident Tayyip Erdogan über sich ergehen ließ, war jedenfalls vom demokratie-praktischen Standpunkt her ein Desaster (vom medizinischen wollen wir ihm wünschen, dass alles glatt lief), und die Folgsamkeit der türkischen Medien sagt vielleicht noch mehr über diesen kollektiven Zustand von Machtstarre und Autoritätshörigkeit der vergangenen Tage als die ganze ungeschickte Geheimnistuerei in Ankara.

Ausgestanden ist die Affäre auch noch nicht. Herr Erdogan erholt sich weiter in seinem Privathaus in Üsküdar in Istanbul. Joe Biden hat ihn wenigstens zu Gesicht bekommen und am Samstag mit dem türkischen Premier zwei Stunden über den Iran und Syrien geplauscht. Dann war schon eine Woche herum seit der Darmoperation im Marmara Universitätskrankenhaus in Istanbul. Ganze zwei Tage hat das Amt des Premierministers verschwiegen, dass der Amtsinhaber nicht wirklich im Amt ist. Am Samstag, 26. November, war Erdogan operiert worden, am Montag, 28. November, nachmittags, wurde die türkische Öffentlichkeit informiert. Von da an wurden die Medien brav gefüttert: geht ihm gut, morgen sitzt er schon am Kabinettstisch in Ankara, allenfalls noch ein Tag Ruhe, übermorgen ganz sicher. Mittlerweile läuft die zweite innenpolitische Woche ohne Erdogan an. Aber am 10. Dezember fliegt er nach Katar, so wurde am Sonntag Zeitungen und Fernsehen vom Amt mitgeteilt, damit sie der Öffentlichkeit suggerieren können, alles hier laufe vollkommen nach Plan.

Der 57-Jährige soll einen laparoskopischen Eingriff im Darmtrakt gehabt haben, also mit Sonden und ohne große Wunden an der Bauchdecke. Der Name des operierenden Arzts (Dursan Buğra) ist dann bekannt gegeben worden, auch dass vor dem Eingriff eine Biopsie - eine Gewebeentnahme - veranlasst wurde, was wohl bedeutet, dass Erdogan ein krebsartiges Geschwür hatte. Eine solche Operation braucht einen gewissen zeitlichen Vorlauf, der Samstag als Operationstermin deutet darauf auch hin, nur mit der Zeit für die Erholung haben sich Patient und Arzt offenbar verschätzt. Dass Erdogan den amerikanischen Vizepräsidenten am 2. Dezember nicht im Amt empfangen konnte, war sicher so nicht geplant. Das gibt Spekulationen Raum, dass der Eingriff doch dringend war oder dass es Komplikationen gab, die bisher schon acht Tage Bettruhe nötig machten. Vielleicht fällt Erdogans Medienberatern noch etwas dazu ein. Geçmiş olsun.*

*"Es soll vorbeigegangen sein", wünscht man Kranken in sehr freundlicher Vorwegnahme der Besserung.

  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.