Ministerpräsidentin erlitt trotz erfolgreicher EU-Beitrittsverhandlungen herbe Schlappe
Zagreb - Sie kämpfte tapfer gegen die Korruption, musste am Sonntag
aber dennoch eine für Kroatien historische Niederlage einfahren: Jadranka Kosor
(58), kroatische Ministerpräsidentin und Vorsitzende der HDZ (Kroatische
Demokratische Gemeinschaft) muss das Zepter wohl an den Chef der
Sozialdemokraten (SDP), Zoran Milanovic, abgeben. Damit erlitt eine steile
Karriere einen herben Knick.
Kosor wat 1995 in die Politik eingestiegen und sofort zur Vizepräsidentin der
stärksten Partei gewählt worden. Wenige Monate später wurde sie
Parlamentsabgeordnete und sofort Vize-Parlamentspräsidentin. Zur
Stellvertreterin des Parteivorsitzenden wurde sie 2002, als Ivo Sanader im Amt
des HDZ-Vorsitzenden bestätigt wurde. Nach dem Wahlsieg bei den Parlamentswahlen
2003 wurde sie Vize-Ministerpräsidentin.
Die Krönung ihrer politischen Karriere erfolgte 2009, als sie Sanader als
Ministerpräsidentin und Parteichefin nachfolgte. Sanader hatte nach dem
monatelangen Veto Sloweniens gegen die EU-Beitrittsverhandlungen Kroatiens
entnervt das Handtuch geworfen, seiner Nachfolgerin gelang dann innerhalb
weniger Monate eine Verständigung im Grenzstreit mit dem nördlichen Nachbarland.
Juristin und Journalistin
Kosor ist studierte Juristin, die lange Zeit als Journalistin gearbeitet
hatte. Seit 1972 war sie für die Tageszeitung "Vecernji list" und den
kroatischen Rundfunk tätig, bekannt wurde sie mit ihrer Sendung über Opfer des
Bürgerkriegs in Ex-Jugoslawien (1991 bis 1995) im kroatischen Radio. Sendungen,
die sich mit menschlichen Schicksalen befassten und nur am Rande mit Politik,
hatten viele Zuhörer.
Deswegen, so berichteten Medien, schlug der damalige Präsident Franjo Tudjman
höchstpersönlich Kosor vor, HDZ-Mitglied zu werden. Die Partei brauchte ein
neues Gesicht, um zu zeigen, dass ihr an den Kriegsopfern gelegen war. Sofort
nach ihrem Parteibeitritt begann Kosor die Karriereleiter steil nach oben zu
klettern, sie war zuständig für die Veteranen und die Kriegsgeschädigten. Der
Schlüsselmoment für ihre Karriere war Sanaders Übernahme der Parteiführung, die
Kosor zur rechten Hand Sanaders machte. Sie wurde seine Stellvertreterin und
Veteranenministerin. Wie gut sie zusammenarbeiteten, bezeugt am besten ihre
Aussage aus dieser Zeit: "Wohin Ivo geht, da gehe auch ich hin."
Nach Sanaders überraschendem Rückzug 2009 schlug er selbst Kosor als seine
Nachfolgerin vor. Damals wurde spekuliert, dass Sanader als "graue Eminenz"
hinter Kosor weiterhin die Partei und die Regierung lenken wolle, doch hier
irrte er sich. Nach dem Debakel der HDZ bei den Präsidentschaftswahlen 2009, als
ihr Kandidat nicht in die zweite Runde kam, versuchte Sanader wieder zurück in
die Partei zu kommen, doch Kosor warf ihn hochkant hinaus. Mittlerweile steht er
- nach längerer Untersuchungshaft in Salzburg - in Zagreb wegen
Korruptionsvorwürfen vor Gericht.
In Kosors Zeit als Regierungschefin kam es zu einer überraschend hohen Anzahl
an Prozessen gegen ehemals hoch positionierte Partei- und Regierungsmitglieder:
Den Anfang machte Ex-Wirtschaftsminister Damir Polancec, doch als der wohl
größte "Fisch" ging der kroatischen Justiz Ex-Premier Sanader ins Netz. Kosor
betonte stets, dass die Korruption, nach Ansicht der kroatischen Bürger, das
größte Problem im Staat sei und dass der Kampf gegen die Korruption ihre
Priorität sei. Doch in der Öffentlichkeit wurde getuschelt, dass die Flut der
Anzeigen eher Folge eines gestörten Gleichgewichts der Macht innerhalb der HDZ
sei, denn intensiver Bemühungen.
Trotz ihrer Entschlossenheit erlitt Kosor eine schwere Wahlniederlage. Das
vom Sozialdemokraten Zoran Milanovic geführte Mitte-Links-Koalition "Kukuriku"
fuhr am Sonntag laut "Exit Polls" den prognostizierten Sieg ein und verbannte
die HDZ für die kommende Legislaturperiode auf die Oppositionsbank. (APA)