"Schon mal einen Goldfisch vor dem Wahnsinn gerettet?"

4. Dezember 2011, 21:21
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Die Schauspiel-Produktionsleiterinnen der Wiener Festwochen meistern auch skurrilste Situationen - Seit 20 Jahren begleiten Martina Forster und Ela Monaco das kulturelle Großevent

Gibt es etwas, was ProduktionsleiterInnen nicht machen? Ela Monaco lacht: "Kaum, aber deshalb macht der Job so Spaß - weil er so vielseitig ist." Von der Schreibtischarbeit über Recherchen an fremden Spielstätten bis zur Gänsehaut hinter der Bühne beim Schlussapplaus sind sie und ihre Kollegin Martina Forster rund um die Uhr beschäftigt. "ProduktionsleiterIn zu sein ist ein Ganzjahresjob", bestätigen beide. "Langweilig ist uns nie."

Ela Monaco fing 1986 mit einem Praktikum als Publikumsgarderobiere und spätere Produktionsassistentin bei den Festwochen an, Martina Forster 1989 im Kartenverkauf, "damals noch mit Bestellkarte per Post". Als sie begannen, wurde noch im Messepalast, dem heutigen Museumsquartier, gespielt: "Da haben wir die gesamte Infrastruktur, die jetzt in Halle E+G vorhanden ist, in die leeren Messehallen hineingebaut", erinnert sich Monaco. "Und dort, wo jetzt die Kunsthalle steht, die damalige Halle E1, haben wir mit Stellwänden Künstlergarderoben, Klos und Duschkabinen gebaut."

Eingespieltes Team

Bis heute sind die Wiener Festwochen auf ein Festival mit 15 Spielstätten angewachsen, 181.778 ZuschauerInnen besuchten 2011 die 45 Produktionen. Bei Ela Monaco und Martina Forster laufen alle Festival-Abteilungen zusammen: ob Künstlerische Leitung, Kostüm, Technik, Bühnenbild, Buchhaltung oder Publikumsdienst, die beiden sind die organisatorische Schnittstelle. Die Produktionsleiterinnen sind seit Jahren ein eingespieltes Team, viele Handgriffe laufen da wie von selbst. Besonders eng arbeiten die beiden mit der Künstlerischen Leitung zusammen: "Sie entscheidet die dramaturgische Linie, welche Künstler eingeladen und was produziert wird. Wir sind gefragt, wenn es um die technische Durchführung geht, um Anmietung der Probenräume, Kalkulierung, Einhaltung des Budgets und die Terminplanung", schildert Monaco.

Perpetuum mobile

Wenn Mitte Juni die aktuellen Festwochen zu Ende gehen, ist die Planung für das kommende Jahr bereits im Gange: "Es ist ein laufender Prozess", sagt Forster. "Heuer im Februar haben wir zum Beispiel schon eine Spielstätte für eine Produktion 2012 besucht. Gagen und Verträge müssen lange im Voraus ausgehandelt werden; im Mai stand bereits der Dispositionsplan für drei fixe Produktionen im nächsten Jahr. Oper wird sowieso drei Jahre im Voraus geplant."

Für eingekaufte Produktionen müssen Monaco und Forster auch an andere Spielstätten reisen, um sie auf ihre Machbarkeit in Wien hin zu überprüfen. "Es ist wichtig, dafür den Ablauf des Stücks auf der Bühne zu kennen, wie rasch der Auf- und Abbau vor sich geht, wie viel technisches Personal man dafür braucht", erklärt Forster. "Gewisse Aufgaben kann ein Produktionsleiter abdecken, bei größeren, komplizierteren Produktionen muss zusätzlich ein technischer Leiter vorab zum Lokalaugenschein nach Wien reisen. Für manche ausländischen Produktionen überlegen wir uns auch selbst passende Spielstätten in Wien."

Eigenproduktionen der Wiener Festwochen sind in der Planung um einiges aufwändiger als eingekaufte. Da müssen die Produktionsleiterinnen ein Auge auf so gut wie alles haben, von der Budgetkontrolle beim Bau des Bühnenbildes über Kostümeinkauf und Catering bis hin zum Engagement von Tieren: "Wir hatten schon Pferde, Hunde, Hühner, Fische und Schlangen auf der Bühne. Es ist spannend, was man da über Tierschutz-Auflagen erfährt", lacht Forster. "Haben Sie schon mal einen Goldfisch vor dem Wahnsinn gerettet?", schmunzelt Ela Monaco, die einem unglücklichen Bühnen-Goldfisch für eine Produktion ein eckiges Aquarium verschaffte, "weil sie in runden verrückt werden".

Detaillierte Planung

Steht eine Produktion oder ein Gastspiel fest, beginnt die Detailplanung: Wie viele Personen reisen an, was kosten die Gagen, wie viele Hotelzimmer müssen gebucht werden? Wie viele Proben sind wo anberaumt, geht der Abbau der Gastproduktion noch in der Nacht? Und wie viele Lkw braucht es für den Transport? "Durch gute Planung können gleich einige Tausend Euro eingespart werden", weiß Monaco, die streng haushalten muss, was nicht immer angenehm sei: "Der 'Würgegriff des Geldes' kann manchmal ziemlich belastend sein, weil man gezwungen ist, zu Wünschen 'Nein' zu sagen, was zu Spannungen führen kann."

Und dann ist die Festwochenzeit da: "In der Hauptspielzeit sind wir als Produktionsleiterinnen für die Spielstätten verantwortlich. Da muss jeden Abend jemand vom Produktionsteam hinter der Bühne oder im Foyer sein, weil alles passieren kann: einem Zuschauer wird schlecht, ein Schauspieler wird krank und wir müssen entscheiden, ob weitergespielt wird. Ein starkes Unwetter, bei dem die Dachrinne so verstopft, dass Wasser in die Halle dringt, KünstlerInnen aus Afrika mit Flip-Flops im Februar, für die wir warme Kleidung vom Bundesheer organisierten."

Trouble Shooter

Aus dem Konzept bringen kann die beiden Produktionsleiterinnen inzwischen aber kaum mehr etwas: Nach so vielen Jahren kenne man die Spielstätten, man wisse bereits, was und wer dort gebraucht wird, gewisse Abläufe seien reine Routine. Das helfe, in der Hektik gelassener zu sein. Und wenn selbst bei genauester Planung mal was schiefgeht, schreckt das die beiden "Trouble Shooter" nur mehr bedingt, denn: "Pannen gehören nun mal zum Theater. Früher habe ich, wenn ein Schauspieler und damit eine Vorstellung ausfiel, gedacht: 'Um Gottes willen, Katastrophe!' und mich persönlich mitverantwortlich gefühlt. Heute lasse ich das nicht mehr so an mich heran", sagt Monaco. Und manchmal habe es auch einen gewissen Reiz, sich Herausforderungen zu stellen, wie "wenn einer Regisseurin am Samstag einfällt, dass sie für ihre Premiere am Sonntag noch zehn Perserteppiche auf der Bühne braucht."

Positiv aufgeregt

Egal, wie anstrengend, im Endeffekt würden alle Beteiligten an einem Strang ziehen, sagt Ela Monaco: "Der Regisseur will eine tolle Vorstellung, die Produktionsleitung und die KünstlerInnen auch - es ist ein Miteinander, auch wenn der Weg dahin manchmal schwierig ist." Der Druck in den vier bis sechs Wochen Spielzeit sei schon groß, "der Schlaf kommt meistens ziemlich zu kurz", betont Martina Forster: "Ich bin aber noch bei jeder Premiere positiv aufgeregt und freue mich, wenn dann alles gut gelaufen ist. Es ist immer schön, nachher zurückzublicken und zu sehen, was man da mit auf die Beine gestellt hat." Sie freue sich auch jedes Jahr aufs Neue, die vielen vertrauten Gesichter wiederzusehen, die die internationalen Gastspiele über die Jahre immer wieder begleiten: "Man kennt sich, man weiß, was man aneinander hat und freut sich, wieder zusammenzuarbeiten. Die familiäre Atmosphäre ist einfach toll."

Nicht erreichbar

Sind die Festwochen Mitte Juni vorbei, ist endlich Urlaub und - wohlverdiente - Erholung angesagt: "Da drehe ich das Handy ab, fahre mit Vorliebe aufs Land und bin beruflich für niemanden zu erreichen", so Forster. Danach gehe die Planung jedoch sofort weiter: "Nach den Festwochen ist vor den Festwochen", sagt Ela Monaco. "Der Herbst ist für uns die heißeste Zeit, weil im November das gesamte Programm stehen und das Budget bei der Stadt Wien eingereicht werden muss. Da wird genauestens kalkuliert, disponiert und alles fügt sich wie ein Puzzle zusammen." Im Dezember findet die Pressekonferenz statt, bei der das Programm präsentiert wird: "Da muss das Programmheft bereits fertig gedruckt vorliegen."

Hallenbetrieb

Seit 2001 betreuen die Organisationsexpertinnen als Geschäftsführerin und Prokuristin neben den Festwochen auch die Hallen E+G im Museumsquartier, eine Tochterfirma der Wiener Festwochen, welche ganzjährig für kulturelle und kommerzielle Events vermietet werden. "Die organisatorische Arbeit ist ganz ähnlich wie jene der Festwochen."

Selbst nach 20 Jahren Erfahrung entdecken Ela Monaco und Martina Forster noch neue Facetten an ihrem Beruf. Ein Jobwechsel kam für beide deshalb nie in Frage: "Wenn es nach so langer Zeit noch immer passt und Spaß macht, wieso sollte man dann wechseln? Abwechslung haben wir mehr als genug!" (Isabella Lechner/dieStandard.at, 4.12.2011)

  • Seit 20 Jahren sind Martina Forster (li.) und Ela Monaco beruflich mit den Wiener Festwochen verbunden. Von Kartenverkauf über Garderobe und KünstlerInnenbetreuung führte sie ihr Weg in die Produktionsleitung: "Wenn es nach so langer Zeit noch immer passt und Spaß macht, wieso 
sollte man dann wechseln? Abwechslung haben wir mehr als genug!"
    foto: diestandard.at/lechner

    Seit 20 Jahren sind Martina Forster (li.) und Ela Monaco beruflich mit den Wiener Festwochen verbunden. Von Kartenverkauf über Garderobe und KünstlerInnenbetreuung führte sie ihr Weg in die Produktionsleitung: "Wenn es nach so langer Zeit noch immer passt und Spaß macht, wieso sollte man dann wechseln? Abwechslung haben wir mehr als genug!"

  • "Es ist immer
 schön, nachher zurückzublicken und zu sehen, was man da mit auf die 
Beine gestellt hat", genießt Martina Forster Erfolgserlebnisse. Ela Monaco schildert auch schwierige Seiten des Jobs: "Der 'Würgegriff des Geldes' kann manchmal ziemlich belastend sein, weil
 man gezwungen ist, zu Wünschen 'Nein' zu sagen."
    foto: diestandard.at/lechner

    "Es ist immer schön, nachher zurückzublicken und zu sehen, was man da mit auf die Beine gestellt hat", genießt Martina Forster Erfolgserlebnisse. Ela Monaco schildert auch schwierige Seiten des Jobs: "Der 'Würgegriff des Geldes' kann manchmal ziemlich belastend sein, weil man gezwungen ist, zu Wünschen 'Nein' zu sagen."

  • Seit 2001 hat Ela Monaco neben der Festwochenarbeit auch die Geschäftsführung der Halle E+G im Museumsquartier über. Martina Forster steht ihr als Prokuristin zur Seite.
    foto: diestandard.at/lechner

    Seit 2001 hat Ela Monaco neben der Festwochenarbeit auch die Geschäftsführung der Halle E+G im Museumsquartier über. Martina Forster steht ihr als Prokuristin zur Seite.

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