"Wir sind die vergessenen Opfer"

4. Dezember 2011, 18:46
  • Contergan-Geschädigte kämen langsam in die Jahre und bräuchten mehr Unterstützung, schildern Michaela Moik (li.) und Shoshana Duizend-Jensen (re).
    foto: standard/robert newald

    Contergan-Geschädigte kämen langsam in die Jahre und bräuchten mehr Unterstützung, schildern
    Michaela Moik (li.) und Shoshana Duizend-Jensen (re).

Am 5. Dezember 1961, vor genau 50 Jahren, wurde der Verkauf von Contergan in Österreich untersagt

Richtig geholfen sei den Geschädigten aber nicht worden, kritisieren zwei Vertreterinnen der in Österreich Betroffenen. Offiziell sind das nur 20 Menschen.

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Das ganz normale Leben fällt Michaela Moik mit den Jahren immer schwerer: "Ob ich etwas schreibe oder koche: Was immer ich mit den Händen mache, ich muss mich dazu extrem vorbeugen. Meine Halswirbelsäule ist laut meiner Physiotherapeutin 69 Jahre alt" , sagt die 49-jährige Contergan-Betroffene.

Ihre Arme sind nur etwa halb so lang wie die der meisten anderen Menschen, und an jeder Hand hat sie nur drei Finger: Ihre Mutter, so erzählt sie, hat Softenon, das Anfang der 1960er-Jahre gepriesene Wundermittel gegen Übelkeit in der Schwangerschaft, in deren ersten drei Monaten geschluckt .

Die Folgen der vielen körperlichen Verrenkungen, zu denen Moik wegen ihrer Einschränkungen gezwungen ist - Schmerzen, diese kann sie inzwischen oft nur durch Medikamente in Schach halten. Und die zunehmende Steifheit schränkt die Bewegungsfreiheit der vitalen, humorvollen Wienerin ein: "Ich habe mich nie als Behinderte gesehen, habe drei Kinder aufgezogen, arbeite Full-time beim Jugendamt. Aber jetzt werde ich bald 50 - und frage mich, wie es weitergeht" , sagt sie.

"Du musst dir mehr Hilfe holen", erwidert Shoshana Duizend-Jensen (50). Auch sie ist mit verkürzten Armen zur Welt gekommen, weil ihre Mutter als Schwangere zur Beruhigung Softenon genommen hatte, nachdem ihr Mann - Soshanas Vater - völlig überraschend gestorben war. Das war 1960, in einer Zeit umfassenden Vertrauens in pharmazeutische Machbarkeit. Nach dem Auftauchen der Kinder mit den sichtbaren Schäden an Armen und Beinen bekam dieses erste Kratzer.

"Getrimmt auf Leistung"

"Als Kinder waren wir etwas Besonderes. Wir wurden getrimmt auf Leistung", erinnert sich die Historikerin, Mutter zweier Kinder und Sprecherin der Selbsthilfegruppe der Contergan- und Thalidomidgeschädigten in Österreich: "Heute sind wir stolz, wie wir unser Leben gemeistert haben." Dennoch: Um den Alltag zu bewältigen, hat Duizend-Jensen von der Stadt Wien unlängst eine persönliche Assistentin zugeteilt bekommen. Und, wenn sie es sich finanziell leisten könnte, würde sie gern ein wenig früher als andere in Pension gehen.

Doch sozialrechtliche Sonderregeln für die wenigen anerkannten österreichischen Opfer eines der größten internationalen Pharmazieskandale nach dem Zweiten Weltkrieg existieren nicht. 20 Menschen gelten hierzulande derzeit offiziell als Contergan-geschädigt, neun von ihnen bekommen monatlich zwischen 240 und 1100 Euro Rente von der deutschen Conterganstiftung, die 1971 mit Geldern der Vertreiberfirma Grünenthal ins Leben gerufen und durch deutsche Bundesgelder aufgefettet wird. Duizend-Jensen geht von einer Dunkelziffer Geschädigter in Österreich aus: Das Mittel sei sehr häufig verschrieben worden. "Wir sind die vergessenen Contergan-Opfer", sagt sie.

Dem widerspricht Gerhard Aigner, Leiter der Rechtssektion im Gesundheitsministerium. "Der Staat trägt Verantwortung", meint er. 2010, unter Minister Alois Stöger (SPÖ), wurden aus dem Ministeriumsbudget 2,8 Millionen Euro für Zahlungen an Contergan-Opfer reserviert, in Ärztezeitungen Aufrufe veröffentlich, Geschädigte mögen sich melden.

60 Personen taten dies. "Um die tatsächlich Contergan-Betroffenen herauszufiltern, haben wir eine Kommission unter ärztlicher Leitung gegründet", schildert Aigner. Elf Personen seien inzwischen anerkannt worden und hätten - so wie die neun schon davor in die deutsche Stiftung aufgenommenen - je 50.000 Euro erhalten. Zwanzig Zahlungen, 50 Jahre nach Platzen des Skandals: "Ich gebe zu, der Fortschritt ist etwas zäh", sagt Aigner. (Irene Brickner/DER STANDARD, Printausgabe, 5.12.2011)

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Eines der grössten Skandele an der Menschheit. In den USA wurde es durch die FDA damals NICHT zugelassen, damals wurde es mit der Ethikkomission nicht zu genau genommen bzw. gab es damals gar keine (Stichwort Helsinki Deklaration).

Jahrgang 1954

Ich bin 1954 mit Anzeichen einer Thalidomidschädigung (Contergan)geboren worden.Es wurde bei mir von einen ausländischen Experten mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Thalidomidschädigung festgestellt. Weiters wurde ein Gentest durchgeführt der ein vermutetes Holt-Oram-Syndrom ausschließt.Weiters wurde eine totale Gehörlosigkeit am linken Ohr festgestellt. Diese Untersuchungen muss ich alle selber bezahlen da es das österreichische Gesundheitsministerium nicht der Mühe wert findet, meine Befunde an die Österreichische med.Contergan Kommission weiter zu leiten, die mit den Argument agieren, das es 1954 kein Contergan gab alles abblockt .Dazu gibt es sehr viele gegenteilige Bericht und Reportagen darüber. Recht haben heißt nicht Recht bekommen.

Ich kann hier an dieser Stelle nur viel Kraft wünschen, um Ihre berechtigten Forderungen vielleicht mit Hilfe

Einer demensprechenden Gemeinschaft durchzubringen.

Ich genier mich für diese unglaubliche Politik.

Von den Hintergründes der Vertuschungsaktion und dem, was damals tatsächlich geschah…

…berichtete das FS3 bereits vor geraumer Zeit, dank der Verbindung zu jemandem, der mit der Familie des Produzenten verschwägert war:
http://derstandard.at/plink/295... 56/7203099

Hier der upgedatete Link zum Interview mit Dr.Plichta von Hans-Joachim Ehlers (Raum-und-Zeit, 1999)
»Die wahren Hintergründe des Contergan-Skandals«
http://tinyurl.com/cbfw5mf



Die großen Medien waren einfach viel zu feig über die tatsächlichen Zusammenhänge zu berichten.

Hatte die Ehre, die Michaela Moik persönlich auf einer Reha kennenzulernen ! Habe sie als sehr lebenfrohen Menschen in Erinnerung. Weiterhin alles Gute, liebe Michaela.

Ich hoffe die Unterstützung wird bald etwas schneller ablaufen.

Manchmal ärgert man sich schon sehr

über posts der Lesart "in Österreich unter den Teppich gekehrt". Das stimmt diesbezüglich schlicht nicht. In Deutschland war das Mittel frei erhältlich, in Österreich legte sich eine kantige Beamtin der Arzneimittel-Kommission dagegen quer: Ingeborg Eichler! Wikipedia stellt ganz korrekt ihr Wirken dar: "Sie setzte so die ärztliche Verschreibungspflicht durch, dank der schwere Fehlbildungen bei Neugeborenen durch die teratogene Wirkung von Thalidomid in Österreich auf 12 Fälle begrenzt blieben. In der benachbarten Bundesrepublik Deutschland, mit einer rund zehnmal größeren Bevölkerung waren dagegen etwa 4000 Neugeborene betroffen."
Ingeborg Eichler war in der Tat eine Ausnahmeerscheinung, nicht nur als Pharmakologin!

Die Frau Eichler war eine Heldin, aber wie kommen sie darauf, dass es in Ö nur zwölf (oder nur 20) Opfer gab? Nicht mehr als 20 Rezepte eines neuen "Wundermittels" innerhalb mehrerer Jahre? In den an Wundermittel so locker glaubenden 50/60er-Jahren? Na geh...

Die Erklärung dazu ist einfach:

Rezeptpflichtig waren seinerzeit nur ganz wenige Medikamente und auch Contergan sollte quasi selbstverständlich frei zugänglich sein - eine reine Formalität innerhalb der Arzneimittelkommission, die bis dahin stets "durchgewunken" wurde. Und genau da geschah, was bis dahin nie der Fall war: Diese großartige Pharmakologin legte sich mit ihren Bedenken quer. Und da die Freigabe an die Einstimmigkeit der Behörde gebunden war, blieb das Mittel verschreibungspflichtig - und damit lästig und insbesondere bedenklich für die Allgemeinmediziner.
Dass heute mehr als die statistisch genau belegten Opfer Unterstützung benötigen, hat den einfachen Grund, dass sie nicht in Österreich geboren wurden.

Der Wirkstoff

behindert die Entwicklung des Fötus in der Anfangsphase der Schwangerschaft (wimre erstes trimester) - abgesehen davon ist er völlig unproblematisch.
12 und auch 20 kommen mir persönlich dennoch wenig vor, aber ich kenne die Datenlage da auch nicht.

Waren es wirklich nur 12 Fälle in Ö?

Laut letztem Absatz wurden zumindets 20 Menschen als Conterganopfer anerkennt und in die Stiftung aufgenommen (zunächst 9 und jetzt 11).
Nach dem Aufruf haben sich 60 gemeldet.
Gespräche mit der Firma gab es erst ab Ende 2007!
Deutschland dürfte in dieser Affaire eine besondere Rolle spielen: von weltweit 10.000 Fällen waren alleine in der BRD 4000.(Wiki)

Der Wiki-Artikel dazu ist wirklich lesenswert und beklemmend.
http://de.wikipedia.org/wiki/Thalidomid

Vergessen Sie es

Hier in der rosa Pravda war der Schüssel schuld, der Grasser muß ins Gefängnis und der Staat soll zahlen.

Das ist schließlich das Zentralorgan der selbsternannten Intellektuellen.
Da dürfens nicht auch noch Bildung oder Fähigkeit zu Differenzieren verlangen.
Reicht doch, wenn man nach den oben angeführten Kriterien Grün wählt und sich zur selbsternannten Elite zählt.

Sind Sie sicher,

nicht etwas das Thema verfehlt zu haben? - Hier geht es nicht um Politik (und schon gar nicht darum, was Sie darunter verstehen), sondern um Sachverhalte.
Den posterinnen ist zuzugestehen, nicht ebenso alt und kundig in dieser Thematik zu sein, wie u. a. ich. Diese lesen einen Artikel und sind empört. Wäre ich, angewiesen auf diese bloßen Infos, auch gewesen.
Aber Sie unterstellen allen alles, was Ihnen nicht in den platt-dümmlichen politischen Kram passt.
Der Rest Ihres posts ist bereits durch die aktuelle Geschichte ad absurdum geführt, lieber Herr Ortner oder Unterberger - wie ich vermute.

ekel gewordener troll

Sie haben

aber ein interessantes Bild von sich selbst.
Schon eher hart :-)

Wirlich vergessen die die, die keine Pharmafirma oder sonstwen finden, der Schuld ist.

Die Geschichte spielt alle Stückerl.

Ein Nazi experimentiert an KZ-Häftlingen und flüchtet danach vor der polnischen justiz in den Westen (wo man Kriegsverbrecher natürlich nicht verfolgt hat).

Dort entwickelt er Thalidomid, welches dann rezeptfrei an Schwangere abgegeben wird. Hinweise auf Missbildungen von Neugeborenen ignoriert er.

1961 Wird das "Medikament" (es hilft übrigens ausgezeichnet gegen Lepra...) verboten und 7 Jahre später gibt's einen Prozess.

Dieser endet mit einem Vergleich für die Opfer, die auf weitere Klagen verzichten und mit der Einstellung des Verfahrens wegen "geringer Schuld wegen geringer Bedeutung für die Öffentlichkeit der Bundesrepublik Deutschland".

Nebenbei gab's ca. 5000 Opfer.

Wie geht das, dass 1) grad mal 11 österreichische Opfer anerkannt werden, und 2) diese in die deutsche (!) Stiftung aufgenommen werden. Österreich putzt sich wieder mal ab "wir warens nicht"?
"Der Fortschritt" scheint nicht nur "etwas zäh" sondern sehr zäh zu sein!

Nun wenns ein deutscher Hersteller war ist die zahlung durch die deutsche stiftung ja nichts ungewöhnliches.

Na, dass es der Hersteller in Österreich auch vertreiben durfte (wenn auch mit Rezept, was eh eine große Heldentat der einen Ärztin war!) war schon eine österreichische Entscheidung.

Ich habe vor ein paar Ragen die Dokumentarfilme gesehen und war erschüttert 1. Dass die Opfer und ihre Familien so

Schmählich von der Verursacherfirma behandelt wurden, Vergleichsangebote von der (deutschen) Regierung gepusht wurden, die niemals den tatsächlichen Zusatzaufwand für ein halbwegs normales Leben abdecken könnte, Betroffene dabei gegenseitig ausgespuelt wurden und die Vereinbarung zum Stillschweigen verdonnert hat und Dokumentationen sogar noch boykottiert und verboten wurden. Ein Wahnsinn. Viel Erfolg weiterhin und bitte nicht aufgeben. Die Verantwortlichen sollen gefälligst angemessen bezahlen!

Die Verantwortlichen sind nach 50 Jahren vermutlich schon tot.

Die Verantwortlichen sind die Nutzniesser, die Regierungen,

Die sich mit den Pharmafirmen auf ein Packl gehaut haben, damals, als die Zulassungsregeln für die Medikamente beschlossen wurden und auch damals als die Packelei bei den Ausgleichen zu unglaublicher finanziellen Unterversorgung der Betroffenen führte.

Ich hatte die Freude, selbst eine engagierte, energiegeladene Frau kennenlernen zu düefen, die leider von diesem Verbrechen betroffen ist, es ist ihr dank des privaten und persönlichen Einsatzes der Familie gelungen, sich vollkommen in die Gesellschaft und ihren Anfordereungen zu integrieren.

Im Prinzip unglaublich

was sich damals dieser Pharmakonzern mit Hilfe der Politiker leisten konnte.

3Sat brachte ein sehr gute Doko über die Opfer (Eltern), die von dieser Zeit erzählten, wie die Ärzte dieses Zeugs verchrieben. Sehr bedrückend.

Wenn man so etwas sieht, erkennt man wieder, wie wichtig es ist, dass man die Industrie streng kontrolliert und sich nicht von Wirtschaftskriminellen und Politikern mit dem "Arbeitsplätze-Argument" beschwichtigen lässt. Übrigens, die Verantwortlichen damals gingen mehr oder wengier frei aus. So wie wenn man falsch parkt.

So eine Wut

bekomm ich da!! Eine Riesenwut! Es ist ungeheuerlich!! Gutes Posting, "Guter" Vergleich mit falsch parken.

das wäre heute nicht anders
unsere klinischen studien werden aus "sicherheitsgründen" in ländern und an menschen durchgeführt um die wir uns nicht weiter kümmern müssen--weil dort die gesetzteslage immer auf seiten dessen der bezahlt

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