Menschenrechtsinstitution

Volksanwaltschaft neu: Meilenstein mit Pferdefuß

Kommentar der anderen | 4. Dezember 2011, 18:51

Am anachronistischen Bestellmodus der Volksanwälte festzuhalten, ist peinlich - Von Manfred Nowak

Am kommenden Mittwoch wird der Nationalrat eine von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkte Verfassungsänderung beschließen, mit der die Volksanwaltschaft zu einer von den Vereinten Nationen, dem Europarat und der EU seit langem geforderten nationalen Menschenrechtsinstitution aufgewertet werden soll. Anlass für diese Verfassungsänderung ist die geplante Ratifizierung des Fakultativprotokolls zur UN-Konvention gegen die Folter (OPCAT) aus dem Jahr 2002, das unangekündigte Besuche aller Hafteinrichtungen durch unabhängige nationale Besuchskommissionen vorsieht.

Wenn alle Gefängnisse, Polizei- und Militärdienststellen, Schubhaftzentren, psychiatrische Anstalten, Pflege-, Alters- und Behindertenheime, also alle Einrichtungen, wo Menschen gegen ihren Willen festgehalten werden können, in regelmäßigen Abständen von unabhängigen Kommissionen besucht werden, so ist das eine der besten Methoden, um Folter und Misshandlungen zu verhüten und um die Haftbedingungen zu kontrollieren und entsprechend zu verbessern.

Geeinter Widerstand

Nach langen Beratungen hat nun auch die österreichische Bundesregierung eine entsprechende Gesetzesvorlage dem Nationalrat unterbreitet, die vergangene Woche bereits vom Verfassungsausschuss angenommen wurde und nur mehr der Verabschiedung durch das Plenum harrt. In vielerlei Hinsicht kann dieser Entwurf als vorbildlich bezeichnet werden. Der nach dem Erstickungstod des nigerianischen Schubhäftlings Marcus Omofuma 1999 eingerichtete Menschenrechtsbeirat mit seinen sechs Besuchskommissionen, der bisher nur für den Besuch von Polizeidienststellen und die menschenrechtliche Beobachtung der Sicherheitsexekutive zuständig war, soll aus dem Innenministerium herausgelöst und der Volksanwaltschaft unterstellt werden.

Der im OPCAT vorgesehene "Nationale Präventionsmechanismus" (NPM) besteht aus den drei Volksanwälten und den von diesen eingesetzten Kommissionen, während der Menschenrechtsbeirat im Wesentlichen auf eine beratende Tätigkeit bei der Umsetzung der Empfehlungen des NPM beschränkt wurde.

Mit dieser Verfassungsänderung und der Neufassung des Volksanwaltschaftsgesetzes 1982 könnte Österreich zu einem internationalen Vorbild bei der Umsetzung des OPCAT werden, wenn diese Reform nicht mit einem entscheidenden Makel behaftet wäre: der Bestellung der Volksanwälte.

Das Ohr am Volk

Die Volksanwaltschaft ist unter der Regierung Kreisky, inspiriert vom schwedischen Ombudsmann-Modell, 1977 eingeführt worden, um die gerichtliche Kontrolle der Verwaltung durch den Verwaltungs- und Verfassungsgerichtshof durch eine nichtgerichtliche Missstandskontrolle zu ergänzen. Wenn sich Menschen durch Beamte ungerecht, erniedrigend, grob oder unfair behandelt fühlen, aber keine wirkliche Rechtswidrigkeit vorliegt, so haben sie die Möglichkeit erhalten, sich ohne bürokratische Hürden an eine Institution zu wenden, wo sie ihren Ärger loswerden können und auf informellem Weg, wenn möglich mit Unterstützung des Fernsehens, Hilfe bekommen.

Da in Österreich damals ein Dreiparteiensystem herrschte und die SPÖ allein regierte, schlug Bruno Kreisky vor, dass jede der drei im Nationalrat vertretenen Parteien, also auch die beiden Oppositionsparteien ÖVP und FPÖ, je eine Person in eine dreiköpfige Volksanwaltschaft nominieren dürfen. Dass die politischen Parteien Berufspolitiker in die Volksanwaltschaft bestellen bzw. "wegloben" würden, wurde dadurch gerechtfertigt, dass Berufspolitiker eben für dieses Amt besonders gut geeignet wären, weil sie zum einen ja das "Ohr am Volk" haben und zum anderen über beste Beziehungen zu Politikern und Beamten verfügen würden.

Grundlegende Aufwertung

Mit der nunmehrigen Verfassungsänderung wird allerdings das Profil der Volksanwaltschaft grundlegend geändert. Neben der einfachen Missstandskontrolle wird die Volksanwaltschaft zur wichtigsten verfassungsrechtlichen Institution zum Schutz der Menschenrechte und zur Überprüfung von Verletzungen der Menschenrechte in Österreich aufgewertet. Dabei geht es nicht nur um Verletzungen der in der österreichischen Verfassung verankerten Grundrechte, sondern aller in völkerrechtlichen Verträgen verankerten Menschenrechte und insbesondere der Menschenrechte von Häftlingen.

Das ist keine leichte Aufgabe. Die Prüfung der Verletzung völkerrechtlich garantierter Menschenrechte ist eine politisch brisante und rechtlich anspruchsvolle Tätigkeit, die ein hohes Maß an Unabhängigkeit, Fingerspitzengefühl und eine umfassende Kenntnis internationaler Menschenrechte und ihrer Auslegung durch die dazu befugten völkerrechtlichen Organe erfordert. Für diese schwierige und höchst verantwortliche Tätigkeit reicht es nicht mehr aus, Berufspolitiker mit dem "Ohr am Volk" und guten Beziehungen zur Politik zu sein. Aber alle Bemühungen von Experten, den anachronistischen und weltweit einzigartigen Bestellmodus der Volksanwaltschaft in der österreichischen Verfassung durch ein modernes, transparentes und an professionellen Kriterien orientiertes Auswahlverfahren zu ersetzen, sind am geeinten Widerstand von SPÖ, ÖVP und FPÖ gescheitert.

Verfassungsrechtlich verbriefte Pfründe politischer Parteien aufzugeben scheint wohl noch immer zu viel verlangt zu sein! Die österreichische Politik wird am Mittwoch eine wohl einmalige Chance verspielen, in Österreich eine wirklich unabhängige und professionelle nationale Menschenrechtsinstitution einzurichten, die als solche international anerkannt wäre und in Zeiten einer tiefen Politikverdrossenheit neuen Wind in die verkrustete politische Landschaft hätte bringen können.(Manfred Nowak, DER STANDARD, Printausgabe 5.12.2011)

MANFRED NOWAK ist Professor für Internationales Recht und Menschenrechte an der Universität Wien und Leiter einer Besuchskommission des Menschenrechtsbeirats im Innenministerium.

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22 Postings
Kondratjew -Zyklus
 
01
5.12.2011, 17:43
Nicht der Bestellmodus, sondern die Zahnlosigkeit ist der Skandal.

Nicholas Blarney
 
21
5.12.2011, 12:56
Ich frage mich,

woher der Drang, in die Identität der Volksanwaltschaft dermaßen eingreifen zu wollen, kommt. Die vorgebrachten Argumente überzeugen mich keineswegs. Die Volksanwaltschaft würde durch einen solchen Eingriff zum Spielball abgehobener "Spitzen"juristen, die irgendwelche EU-Zielchen verfolgen, und die Bürger, dertwegen dieses Organ einst geschaffen wurde, bleiben auf der Strecke. Hier soll ein wirksames Instrument an die Kandare genommen werden - nachdem Motto: der Staat kontrolliert sich selbst, und zwar möglichst undurchschaubar. Juristen sind keine Garantie für irgendwas. Sonst dürften nicht in Hinblick auf die jeweilige Materie ahnungslose Richter nicht auf eigene Faust entscheiden, welchem Gutachten sie folgen.

Erwin Wolfram
00
5.12.2011, 16:25
...

weil sie kindesmissbraucher und straftaeter deckt.

x aeins
00
5.12.2011, 13:58

dagegen frag ich mich, ob "Volksanwaltschaft" heute noch einen zeitgemäßen Auftrag erfüllt, oder eher ein Instrument für Gesellschaftsspiele ist: haltet den Dieb, ist es nicht schrecklich, ut aliquid fiat...also eine Art von Edelpopulismus, am besten als Fernsehseifenoper?

wurm83
 
02
5.12.2011, 13:31
ich sehe das eher so wie richter und anwälte...

von denen wüsnche ich mir auch, dass sie so unabhängig wie möglich sind und keine plitischen zoiele verfolgen...

als beispiel: wie soll ein FPÖ heinzi einen Asylwerber ordentlich vertreten? selbst wenn er überzeugt wäre, dann würde es ihm so viele probleme bei partei und wählern bereiten, dass er es vielleicht lieber lässt oder im schlimmsten fall "verpuffen" lässt...

man kann natürlich nie ausschließen, dass jemand aus persönlcihen gründen handelt und nciht objektiv...aber es muss nicht zusätzlich noch die "parteibrille" sein...

Lilly Rush
 
24
5.12.2011, 09:56

Danke Hr. Novak!
Ich hoffe ihr Apell wird gehört.

sawi48
07
5.12.2011, 07:44
Wieso

ist Herr Nowak nicht Justizminister ? Oder Innenminister ?

Zu integer ?

verleih nix
00
5.12.2011, 11:26

wie soll denn dann mit dem monatlichen övp-skandal umgegangen werden?

x aeins
00
5.12.2011, 09:54

wobei die Frage offenbliebe: prägt er dann das Ressort oder das Ressort ihn?

Schön
110
5.12.2011, 00:14
Wenn eine Person dieses Formats

(ich meine Nowak) an einer wesentlichen Schaltstelle politischer Macht eingesetzt wäre und seine Umgebung entsprechend positiv prägen würde, gäbe es in diesem Land ein anderes Niveau.

X Y
13
4.12.2011, 22:33
Alle,

aber auch alle Postenbesetzungen von Politikern sind schon hauchdünn an Korruption und Freunderlwirtschaft dran, in vielen Fällen kommt es auch wirklich dazu; vollkommen legal, natürlich. Daher müssen alle Formen der politischen Einflussnahme an Postenbesetzungen oder gar deren direkte Bestellung eingestellt werden. Alle Demokratien, die ich genauer kenne, leiden an diesem Krebsgeschwür. Bei anderen Regierungsformen ist es eh wurscht, aber bei Demokratien gehört das eingestellt. Prinzipiell. Nur so können unabhängige Institutionen garantiert werden. Da Sichern von Einflusssphären gehört abgestellt. Die Bestellung von Volksanwälten ist da nur eines von tausenden Beispielen in Österreich.

/. nerd
 
12
5.12.2011, 10:31
Unabhängig ist undemokratisch

Wegen Ihrer Paranoia gegenüber Berufspolitikern übersehen Sie die Kleinigkeit, dass "nach Qualifikation besetzte", "unabhängige" Leitungspositionen einer staatlichen Behörde neben genau den gleichen Problemen der politischen Posten (Korruption, Nepotismus, etc) noch eine undemokratische, auf ewig perpetuierte, jeglicher öffentlicher Kontrolle entzogene Karriereseilschaft bringen.

Die "unabhängige" Staatsanwaltschaft Wien war bis in die 90er Jahre mit Nazis durchsetzt, weil sie ihre Nachfolger selbst gesucht hat.

Die "unabhängige" Nationalbank wird bis in alle Ewigkeit mit neoliberalen Schwachköpfen besetzt bleiben, auch wenn die Wähler irgendwann diese verrückte Ideologie längst abgestraft und aus der Politik verbannt haben werden.

sawi48
00
5.12.2011, 10:42
@Nerd

Neoliberlismus - da muß man mE viel früher ansetzen: auf der WU alle Lehrenden austauschen bzw. die Neoliberalen in die Unbedeutsamkeit verbannen.

Nessus
00
5.12.2011, 04:53
Nachdem einflussreiche Posten immer politisch vergeben werden...

...sind unabhängige Leute nicht möglich. Selbst formell parteilose sind ja dem verpflichtet, der sie bestellt. Wirklich Unabhängige haben in Österreich keine Chance!

Inspektor Sichalich
11
4.12.2011, 22:19
Österreich...

noch fragen ?

Erwin Wolfram
10
5.12.2011, 01:22
...

ja zb eine frage waere wie man machen kann dass man sagt es geht uns so gut: ist es angewandte selektion im nazistil oder eh?

x aeins
10
4.12.2011, 21:44

Für die hier definierten Aufgaben (keine wirkliche Rechtswidrigkeit/Ärger loswerden/Unterstützung durch Fernsehen) ist es wohl heute lächerlich, eine so hoch dotierte Institution zu haben. Das Geld wär wohl sinnvoller, wie hier vorgeschlagen, in einer wirklichen Menschenrechtsinstitution angelegt, und um den Überschuss bezahlt man wohl besser Anwälte oder Psychologen für Bedürftige - wär vermutlich weit effizienter

/. nerd
 
71
4.12.2011, 19:02
Dafür, dass die Grünen bei ca. 10% herumgondeln, kann niemand anderer etwas

Und nein, nur weil keine Grüne mitspielen darf, ist eine Institution nicht automatisch schlecht.

Wenn der Nationalrat einen Teil seiner Kontrollbefugnisse an ein Gremium delegiert, wird er die Leitungspositionen dieses Gremiums wohl noch mit Vertretern der drei stärksten Fraktionen besetzen dürfen.

Und wenn das tolle internationale Abkommen, in dem die neuen Aufgaben formuliert sind, ein "unabhängiges" (vom Souverän, aber nicht den Karriere-Seilschaften) Gremium wollte, dann würde das wohl drinnenstehen.

dame pipi
06
4.12.2011, 19:31

hallo, faktenwissen? aktuell IST ja eine der drei volksanwält/innen eine grüne. welchen punkt hatten sie noch einmal schnell...?

Lilly Rush
 
10
5.12.2011, 09:54

Derzeit wird bereits darüber diskutiert ob man einen 4. Volksanwalt einsetzen soll. Einerseits sind die Beschwerden stark gestiegen (bereits über 15.000 pro Jahr) andererseits siehts so aus als ob man für eine vierte oder fünfte Partei einen Volksanwaltsposten schaffen will.

/. nerd
 
21
4.12.2011, 19:38
Den, dass nach Stoisits 2013 sicher keine Grüne mehr kommt

Obwohl sich die Grünen sicher sehr anstrengen müssen, um einen Erfolg trotz Zerfall von SPÖ und ÖVP zu verhindern.

ordinaryvan
00
4.12.2011, 20:25

bezeichnend, dass das element der expertise bei ihnen keine rolle zu spielen scheint, solange nur schön jedes pfosterl sein posterl kriegt.

ausserdem geht es bei menschenrechtsfragen nicht um klassische kontrollbefugnisse des nationalrates wie z.b. im bereich des budgets. eine bestellung jenseits von parteigrenzen und mehrheitsverhältnissen könnte man daher durchaus gerechtfertigt andenken.

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